"Halbblut" (USA 1992) Kritik – Val Kilmer ermittelt im Sioux-Reservat

„Wir haben entschieden so zu leben, wie wir sind. Wir kennen den Unterschied zwischen wirklicher Freiheit und angeblicher Freiheit. Es gibt ein Leben mit der Erde und eins ohne sie.“

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Mitten in dem abgelegenen Sioux-Reservat Pine-Ridge in South Dakota, kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall: Ein angesehener Stammesführer wurde erschossen aufgefunden und der Täter ist vollkommen unklar. Das schreit natürlich nach Aufklärungen und es trifft ausgerechnet den jungen Polizisten Ray Levoi, der in Sachen Ermittlungen noch ein unerfahrener Grünschnabel ist. Dazu kommt auch noch, dass Levoi indianisches Blut in sich trägt, was ihn zu einem sogenannten „Halbblut“ macht. Er macht sich auf den Weg zum Tatort und trifft dort auf seinen Partner Frank Coutelle, ein rauer und ebenso altmodischer Cop, dessen Methoden nicht wirklich mit der Zeit gegangen sind. Die beiden müssen zusammenarbeiten und den Mord aufklären, denn die Situation könnte eskalieren und das Reservat schnell auf den Kopf stellen. Die Zusammenhänge mit dem Vorfall sind jedoch äußerst undurchsichtig und der vorerst zurückhaltende Ray muss die Distanz aufgrund seiner Abstammung gegenüber den Indianern ablegen, um die Wahrheit aufzudecken. Er lernt den Reservat-Sheriff Crow Horse kennen und versteht immer mehr, dass er erst sich selbst annehmen muss, bevor er den Fall lösen kann…

„Halbblut“ kann in erster Linie mit überwältigenden Landschaftsaufnahmen begeistern, die von Roger Deakins, Standardkameramann der Coen-Brüder, in einer exzellenten Weite eingefangen wurde. Gedreht wurde in an Originalschauplätzen und diese Authentizität macht sich in jeder Aufnahme vollkommen bezahlt. Die karge, aber ebenso mächtige Natur dient als perfektes Setting für den Film und die aufeinanderprallenden Moralwerte. Natürlich darf in diesem Fall auch Komponist James Horner nicht unerwähnt bleiben, eine Feste Größe seine Fachs, längst über jeden Zweifel erhaben, und auch in „Halbblut“ kann seine Komposition wieder mit ruhigen wie anspannenden Klängen überzeugen, die die Atmosphäre immer wieder antreibt und ebenso abgefedert. Ebenso lobende Worte lassen sich auch für die Besetzung des Films finden, die gerade mit Hauptrolle Val Kilmer einen echten Coup gelandet hat. Kilmer, der sich gerne als vergessenes Kind der 80er und 90er Jahre bezeichnen lassen muss, zeigt als unerfahrener Ermittler und Halbblut Ray Levoi eine großartige Leistung. Ebenso Graham Greene als Sheriff Crow Horse und Sam Shepard als Frank Coutelle, die zwar durchgehend die zweite Geige spielen und Kilmer den Raum zur Entfaltung lassen, in ihren Szenen aber immer überzeugend auftreten.

Wenn sich die Traumfabrik einem amerikanischen Thema annimmt, das sich vor allem auf einen politischen Hintergrund stützt, dann ist die Gefahr nach wie vor groß, denn die Regisseure neigen mit erschreckender Häufigkeit dazu, ihre Themen in Verlogenheit und naiver Rührseligkeit zu baden, nur um die Fehler in der Gegenwart wieder geradezubiegen, die Wahrheit damit aber zu keiner Sekunde mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandeln. Da kann es um die Sklaverei, den Krieg selbst geben, Stichwort Pathos und Patriotismus, und auch den Wilden Westen. Der Konflikt zwischen dem „Weißen Mann“ und den Ureinwohnern. Immer wieder werden die Indianer in der Filmgeschichte als raubende Mörder dargestellt, als Tiere, die jede Menschlichkeit verloren haben und sich einzig und allein mit grausamen Handlungen durch die Welt schlagen. Das stimmt in gewissen Fällen, aber ein Regelfall war das nie, denn Indianer, und das wollen viele nicht verstehen, waren sensible und äußerst zurückhaltende wie intelligente Menschen, die nicht nur mit Gewalt durchsetzen wollten, sondern für jede Kultur ein offenes Ohr hatten. Kevin Costners verdienter Oscar-Erfolg „Der mit dem Wolf tanzt“ dient da wunderbar als Aufklärungsfilm. Und mit diesem Film schneiden wir auch in die Sparte von „Halbblut“, wenn auch auf verschiedenen Wegen.

„Dieses Land ist nicht käuflich!“

Wir begleiten Ray Levoi in das hitzige Sioux-Reservat, die Heimat seiner Vorväter, ein Teil seines Inneren, und doch ist ihm diese Welt so unbekannt. Ein toter Indianer zieht den Polizisten an den Tatort, konfrontiert mit den Menschen, die seine geteilte Seele ausmachen. „Halbblut“ ist auf den ersten Blick sicher ein konventioneller und angenehm ruhiger Krimi, der die Muster und altbekannten Vorgaben des Genres routiniert abklappert, doch in Wahrheit steckt in der Szenerie ein viel größerer Wert, sowohl aus der menschlichen, als auch aus der politischen Sicht. Michael Apted vermischt die Elemente der Tätersuche mit denen der Selbstfindung. Ray muss sich selber akzeptieren, um die Wahrheit aufzudecken. Zwischen der wachsender Loyalität gegenüber der Sioux und der beruflichen Treue, muss Ray seinen Weg finden, der das Gleichgewicht seiner Identität bestimmt und die kulturellen Konflikte aus dem festgefahrenen Blickfeld räumt. Diskriminierung, Ethologie und Determiniertheit. „Halbblut“ verknüpft die schwüle Western-Atmosphäre mit der stillen Abgrenzung und heimlichen Annahme eines Menschen, dessen Mordermittlungen einer ganz neuen Bedeutung gegenüberstehen.

Fazit: „Halbblut“ zählt sicher zu den unbekannten Perlen der 90er Jahre, die es wohl nie schaffen werden, die verdiente Aufmerksamkeit zu bekommen, einfach weil das Thema nicht ansprechend genug ist, oder die Schauspieler den gewissen Rang in der Öffentlichkeit nicht genießen können. Dabei erweist sich „Halbblut“ nicht nur als solider Krimi, sondern auch als interessanter Hybrid aus Selbstfindung und Kulturkonflikt, der die politischen und historischen Bezüge korrekt anspricht und abhandelt. Sicher konventionell, aber spannend und sorgfältig erzählt, mit tollen Darstellern, großartigen Landschaftsaufnahmen und einer hitzigen Atmosphäre, die „Halbblut“ überaus sehenswert machen.

Bewertung: 7/10 Sternen