"Half Nelson" (USA 2006) Kritik – Ryan Gosling zwischen Sucht und Freundschaft

„Was soll ich den Kids denn beibringen? Das ist der Punkt, versteht ihr? Wenn du nur einem helfen kannst. Du musst erst den einen verändern. Nur den einen…“

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Manche Filme erlangen einfach nie den gebührenden Stand in der Filmwelt, den sie sich ohne Frage verdient hätten. Das mag zum einen auch am nötigen Pressewind liegen. Dafür können wir uns freuen, wenn wir über eine eher unbekannte Filmperle stolpern und mehr als positiv überrascht werden. Das Indie-Drama ‚Half Nelson‘ aus dem Jahre 2006 könnte man gut und gerne als einen solchen Fall nennen. Ryan Fleck inszeniert einen authentischen Einblick in zwei widersprüchliche Charaktere, die auf ihre Weisen beide vor dem Fall stehen. Das eindringliche Meisterwerk, welches der Film durchaus hätte werden können, liefert Fleck hier aber nicht ab.

Hier gibt es keine Hochglanzaufnahmen, keine bahnbrechende Schnitttechnik und keine überwältigenden Bilder. Dafür war aber auch das geringe Budget des Films verantwortlich. Das Bild in ‚Half Nelson‘ wird durch Grobkörnigkeit geprägt, alles scheint irgendwie rau und kantig. Auch die Kamera selbst kann sich nicht als standhaft bezeichnen, dafür ist die Handkamera in gewissen Situationen zu aufgeregt und auch die unnötigen Zooms weichen manchmal vom ruhigen Erzählen der Geschichte ab. Dafür überzeugt der Film aber mit gefühlvoll ausgewählten Indie-Songs, vor allem von der Band Broken Social Scene.

Mit Ryan Gosling hat ‚Half Nelson‘ wieder einen bärenstarken Charakterdarsteller als Hauptakteur. Gosling spielt den jungen und charismatischen Lehrer Dan, der aber in Wirklichkeit ein ganz anderes Gesicht hat. Dass Gosling eine grandiose Charakter-Mime ist, hat er in der letzten Zeit zur Genüge bewiesen. Aber auch vor dem heutigen Ruhm war er schon ein toller Schauspieler. Nicht umsonst bekam er für seine Darstellung hier eine Oscar-Nominierung. Gosling beherrscht es einfach, seine Gestik perfekt einzusetzen und mit geringer Mimik viele Emotionen zu erzeugen. Gosling ist hier der Fixpunkt der Geschichte und trägt den Film, aber auch die Nebendarsteller können einige wichtige Impulse setzen. Ganz besonders Shareeka Epps als Schülerin Drey, die toll mit Gosling harmoniert und sich an seiner Seite tapfer und überzeugend schlägt. In kleineren Rollen sind Gesichter wie Anthony Mackie oder Tina Holmes zu sehen.

In den ersten Minuten könnte ‚Half Nelson‘ vielleicht einen falschen Eindruck vermitteln. Mit einer eindringenden Charakterstudie bekommen wir es hier nicht zu tun. Eigentlich gar nicht. Auch als Milieustudie würde der Film wohl kaum durchgehen. Vielmehr ist es eine Bestandsaufnahme unfertiger Charaktere. Charaktere, die sich aber im Laufe der Geschichte nur bedingt entwickeln und den Zuschauer gerne auf eine falsche Fährte führen. Mit vollendeten, ausbalancierten Charakteren kriegt man es hier zu keiner Zeit zu tun.

Ryan Goslings Charakter Dan Dunne bietet mehr Tiefgang und Vielschichtigkeit als man es auf den ersten Blick erwarten würde. Dunne ist ein engagierter Lehrer, der seine Schüler nicht auf die schiefe Bahn bringen will, der sich bei ihnen durch seine lockere Art und sein standhaftes Auftreten absolut beliebt gemacht hat. Sie vertrauen ihm, hören ihm zu und glauben ihm. Jeden Morgen quält er sich aus dem Bett, zieht sein Hemd an und zupft die Krawatte zurecht. Was keiner weiß: Dan hört seinen eigenen Worten schon lang nicht mehr zu und ist cracksüchtig. Dan ist zwar noch kein gefallenes Drogenopfer, aber er ist auf dem besten Wege dorthin. Der Weg in den Drogensumpf, aus dem es kein Entkommen geben kann. Er ist davor, jegliche Achtung vor sich und vor seiner Umwelt zu verlieren. Das, was er seinen Schülern täglich Predigt, hat für ihn schon keinen Sinn mehr. Er setzt sich für seine Schüler ein, sich selbst hat er längst aus den Augen verloren. Als ihn seine Lieblingsschülerin auf der Toilette völlig benebelt und verankert vorfindet, droht alles zu zerbrechen. Doch Drey schweigt, denn Drey selbst hat mit Problemen zu kämpfen. Täglich muss sie auf die Straßen und wird selber in den Drogenhandel von Brooklyn eingebunden. Dabei ist Drey kein perspektivenloses Mädchen, der jegliche Intelligenz fehlt. Die Umstände zwingen sie einfach dazu. Langsam, ganz unscheinbar entwickelt sich ein seidener Freundschaftsfaden, der die beiden immer näher zusammenzieht. Eine zärtliche Freundschaft wird langsam aufgebaut, ohne jegliche Moralisierung von beiden Protagonisten. Dan verheimlicht seine Sucht nicht vor Drey, er lebt sie trotzdem voll aus. Doch irgendwie stützen sie sich beide, helfen sich, wenn auch nur unscheinbar. Beide sind veranlagt abzurutschen. Dunne ist bereits gestürzt und Drey steht vor dem stolpern. Dennoch schaffen sie es in ihrer gemeinsamen Zeit sich nicht gegenseitig runterzuziehen. Eine ungebundene Beziehung entsteht. So lässt es sich wohl am besten beschreiben. Nur sollte man das Wort Beziehung natürlich nicht falsch verstehen. Dan und Drey gehen zu keiner Weise eine Art Liebe ein, bei weitem nicht. Das würde jegliche Stimmung zwischen den beiden rauben und in eine furchtbar abstruse Richtung lenken. Beide haben ihre Fassaden, die sie immer versuchten verdeckt zu halten und beide wurden auf ihre Weise gegenseitig ertappt. Dan möchte das Leben seiner Schüler verändern, hat dabei sein eigenes Leben aber treiben lassen. Die Vorbildrolle, die er doch immer so gut ausgefüllt hat, ballert er sich am Wochenende mit Drogen und Frauen immer wieder aus. Drey glaubt an die Worte von Dan, steckt aber selbst schon als Drogenkurier in den Straßen fest. Wie das Schicksal so spielt müssen sich auch hier ihre Wege kreuzen…

„Ich kann nicht mehr…“

‚Half Nelson‘ enthält so genügend interessante Charaktere, die zwar keine deutliche Identifikationsmöglichkeiten geben, aber die den Zuschauer in der Darstellung und in ihrer Zusammenführung fesseln kann. Was ‚Half Nelson‘ aber am meisten schadet, ist neben der Kameraführung, die Stellenweise holperige Inszenierung. So wird der Film, der zwar ein schönes ruhiges Erzähltempo besitzt, fast auf den Nullpunkt gebremst und verliert sich in manchen Szenen viel zu sehr aus den Augen. Wäre der Film sich hier treugeblieben und hätte mehr auf die Beziehung zwischen Drey und Dan gebaut wäre deutlich mehr drin gewesen.

Fazit: ‚Half Nelson‘ ist ein weitestgehend interessanter und packender Film über zwei Menschen, die sich mehr oder weniger in einer unscheinbar verlorenen Situation finden. Leider geht dem Film immer wieder die Luft aus und die Kameraarbeit lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig. Doch durch einen wirklich hervorragend aufspielenden Ryan Gosling, den stark gewählten Soundtrack und das Thema an sich ist der Film in jedem Fall sehenswert. Kein Meisterwerk, aber ein sehr guter Film.

„Manchmal ist es schwer mich zu mögen.“

Bewertung: 7,5/10 Sternen