"Halt auf freier Strecke" (DE 2011) Kritik – Der Schmerz der Veränderung

„Ich muss zum Training.“

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In den vergangenen Monaten waren drei ganz bestimmte deutsche Filme im großen Blickfeld der breiten Aufmerksamkeit: David Wnendts Neonazi-Drama „Kriegerin“, Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“ und Andreas Dresens Krebs-Drama „Halt auf freier Strecke“. Allesamt wurden die mit Lob überschüttet, konnten Preise entgegennehmen und erfüllten die deutsche Nation, wie auch alle Beteiligten an den drei genannten Werken mit jeder Menge Stolz. Wer nun der beste Film des Trios ist, lässt sich schlussendlich nur aus der subjektiven Sicht beantworten, wobei „Kriegerin“ sicher, gerade auf Grund der thematischen Brisanz und der damit verbundenen Umsetzung, letztlich den Kürzeren zieht. Wichtig sind hingegen alle drei, denn sowohl die heutige Neonazi-Szene, als auch die Mechanismen im Osten müssen immer wieder aufarbeitet werden, um die Welt zu informieren. Und doch muss man sagen, trotz der Wichtigkeit dieser beiden Themen, hat Dresen mit „Halt auf freier Strecke“ die Nase ein stückweit vorn, einfach weil er mit seinem Film etwas anspricht, was irgendwann ein Teil von jedem Menschen werden könnte.

Die schockierende Diagnose trifft Frank und Simone Lange wie ein Schlag der brutalsten Sorte, denn eigentlich wollte Frank sich nur einmal beim Arzt wegen seiner ständigen Kopfschmerzen untersuchen lassen, kurze Zeit später, wird ihm in einem Gespräch offenbart, dass er einen bösartigen Gehirntumor hat und wahrscheinlich nur noch wenige Monate unter den Lebenden wandeln wird. Eine Chemotherapie ist zwecklos und würde die Zeit nur gering verlängern. Frank muss seinen beiden Kindern, 14 und 8 Jahre alt, die schreckliche Nachricht mitteilen und wird nun von Tag zu Tag zunehmend schwächer. Die ruhigen Tage sind gezählt und die Angst vor dem Abschied wächst nicht nur bei Frank, sondern auch bei seiner Familie, die vollkommen überfordert ist mit dieser schweren Situation und nicht weiß, wie sie ohne Familienoberhaupt bestehen soll…

Andreas Dresen vermittelt mit „Halt auf freier Strecke“ gekonnt den dokumentarischen Stil und lässt den Zuschauer direkt in diese trauernde Welt treiben, die so real wirkt, dass sie jeden Betrachter ohne Halt direkt ins Geschehen zieht. Kameramann Michael Hammon ist immer bei den Figuren, drängt sich ihnen aber nicht auf, sondern punktet durchgehend mit seiner unaufdringlichen, aber emotionalen Nähe. Die wahre Last des Films tragen jedoch die hervorragenden Schauspieler auf ihren Schultern. Als krebskranker Vater Frank stehen wir Milan Peschel, der mit einer derart fühlbaren Authentizität auftritt und zu keiner Zeit den Eindruck erweckt, hier nur eine Rolle zu spielen. Peschel lebt die Rolle, identifiziert sich mit ihr und reißt den Zuschauer direkt mit in das Tal der Emotionen. Auch Steffi Kühnert als Ehefrau Simone leistet Großes. Ihre Performance ist durchzogen von einer gefühlvollen Sensibilität, die immer überzeugt und im Zusammenspiel mit Peschel aus den Vollen köpfen kann. Und auch Nachwuchsdarsteller wie Mika Nilson Seidel als 8 jähriger Mika, oder Talisa Lilli Lemke als pubertierende Lilly meistern ihre Parts mit Bravour.

Jeder Mensch lebt mit der Gewissheit, irgendwann mal sterben zu müssen. Jeden Menschen ereilt das gleiche Schicksal und der Aufenthalt auf Erden ist zeitlich begrenzt. Carpe Diem sollte das Motto also im besten Fall sein. Nutze jeden Tag, steh immer wieder auf, mach was aus deinem Leben, denn du weißt schließlich nie, wann es endet. Was passiert allerdings, wenn man plötzlich gesagt bekommt, dass man nur noch wenige Monate zu leben hat und aus der sorglosen wie ruhigen Alltäglichkeit schlagartig gerissen wird. Mitten im Leben, voll im Saft, und doch ist das Ende schon beinahe greifbar. Genau mit dieser Thematik werden wir in „Halt auf freier Strecke konfrontiert. Wie reagiert man, wenn man wegen kleinerer Auffälligkeiten den Arzt aufsucht und dieser einem dann sagt, man hat bald sein bitteres Ende gefunden. Ein Thema, das jeden Menschen betreffen könnte und nicht nur den Kranken selbst in ein emotionales Loch ziehen würde, sondern auch all seine Freunde und Angehörigen, die den Kampf mitbestreiten werden. Dabei gelingt es Regisseur Dresen jedoch, sich zu keiner Zeit in blinder Melodramatik zu verrennen, sondern ein ehrliches Bild dieser unglaublich schweren Familienlage zu skizzieren.

„Halt auf freier Strecke“ besitzt eine emotionale Kraft, die wirklich niemanden kaltlassen wird. Andreas Dresen will nicht stumpf auf die Tränendrüse drücken und sich dann schadenfroh die Hände reiben, weil er es geschafft hat, den Zuschauer zum Weinen zu bringen. Hier gibt es keine falsche Rührseligkeiten und keine verdrehten Tatsachen. Hier wird man Teil der leidenden Familie und erfährt jede Emotion am eigenen Leibe. Wir lachen und zerbrechen gemeinsam. Wir hegen Hoffnungen, obwohl diese vollkommen sinnlos sind, und finden uns dann niedergeschlagen auf dem harten Asphalt der Realität wieder. „Halt auf freier Strecke“ ist ein unglaublich gefühlvoller und extrem sensibler Film über eine Familiensituation, die sich in ihrem tiefen Schmerz nicht in Worte fassen lässt. Der Vater läuft dem Tod gnadenlos entgegen, die körperliche Kontrollverlust zieht immer größere Kreise und das geistige Kartenhaus bricht langsam ineinander. Die einfachsten Dinge sind von nun an unerfüllbar und die frühere Routine nicht mehr nachvollziehbar. Dresen zeichnet ein unverfälschtes, authentisches, ehrliches und vor allem durchgehend menschliches Bild dieser Familie. Er zeigt schonungslos die unübersehbaren Veränderungen, die verständliche Überforderung, die Hilflosigkeit, die Trauer, die Verzweiflung und die schleichende Akzeptanz. Und doch ist das letzte Gefühl des Zuschauers nicht das der einsamen Leere, sondern ein durchaus optimistisches: Das Leben wird weitergehen, auch wenn es qualvoll wird, auch wenn man denkt, es gibt keine Zukunft danach. Es wird weitergehen, einfach weil es immer weitergehen muss.

Fazit: Mit „Halt auf freier Strecke“ hat Andreas Dresen nicht nur einen schweren Film über das Leiden einer Familie inszeniert, sondern auch einen Film über die Liebe und den Zusammenhalt bis zum bitteren Ende. Ohne sich in Rührseligkeit zu verrennen oder den Zuschauer mit Verlogenheiten zu begrüßen, bekommen wir ein ehrliches und durchgehend menschliches Bild serviert, welches nicht nur durch die emotionale Wucht begeistert, sondern auch mit grandiosen Schauspielern glänzen kann. „Halt auf freier Strecke“ ist niveauvolles, sensibles und hartes deutsches Kino und hat jede Aufmerksam vollkommen verdient.