"Hannah Arendt" (GER, LU, FR 2012) Kritik – Porträt einer außergewöhnlichen Frau

Autor: Stefan Geisler

„Hannah bitte, du kannst das so nicht schreiben, nicht für den New Yorker.“

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Wie keine andere deutsche Regisseurin beschäftigt sich Margarethe von Trotta („Rosenstraße“) mit dem Leben und Wirken der bedeutendsten Frauen Deutschlands. Nach Rosa Luxemburg und Hildegard von Bingen steht in ihrem neusten Film nun die politische Theoretikerin Hannah Arendt im Mittelpunkt des Geschehens. Jedoch ist „Hannah Arendt“ keine chronologische Abhandlung über das Lebenswerk der Exildeutschen, denn lediglich punktuell werden wichtige Ereignisse aus ihrem Leben angerissen. Stattdessen beschränkt sich von Trotta größtenteils auf Arendts Berichterstattung über den sogenannten „Eichmann-Prozess“, einer der wichtigsten und kontroversesten Etappen im Leben der jüdischen Philosophin.

Bereits 1933 hatte die jüdische Philosophin Hannah Arendt (Barbara Sukowa) Deutschland den Rücken gekehrt und sich in Amerika ein neues Leben aufgebaut. 1960 erfährt sie von der Festnahme des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann durch israelische Agenten, doch statt in Deutschland soll Eichmann der Prozess in Israel gemacht werden. Hannah Arendt zögert nicht lange und beschließt für die New York Times von dem Prozess zu berichten…

Wer trägt die Schuld an den Gräueltaten des Naziregimes? Eine Einzelperson oder war es doch eher ein kollektives Gesamtversagen? Während sich die deutsche Bildungselite in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit dieser Frage auseinandersetzen musste, suchte man auch in anderen Ländern nach den Schuldigen. Im Mai 1960 wurde der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann von israelischen Agenten in Argentinien aufgegriffen und nach Israel gebracht, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Für die amerikanische Zeitung „The New York Times“ durfte die jüdische Philosophin Hannah Arendt von der Verhandlung berichten und löste mit ihrer Berichterstattung eine Welle der Empörung aus. Denn nicht nur, dass sie den gesamten Prozess richtigerweise als reinen Schauprozess entlarvte, zudem beschrieb sie Obersturmbannführer als „Schreibtischtäter“, ein kleines Zahnrad im großen NS-Getriebe, dessen verwerfliche Handlungen dem persönlichen Vorteil geschuldet gewesen wären. Hannah Arendt war mit dieser Auffassung ihrer Zeit weit voraus, doch damals löste sie mit ihrem Artikel über den Eichmann-Prozess einen weltweiten Empörungssturm aus, der sie fast um ihre Karriere gebracht hätte. Die filmische Umsetzung dieser Lebensgeschichte schien eine Aufgabe wie gemacht für die Margarethe von Trotta und obwohl bereits 2002 ein erster Drehbuchentwurf von Pamela Katz („Die verlorene Zeit“) vorlag, musste sich die deutsche Regisseurin noch ganze acht Jahre gedulden, bis sämtliche finanziellen Schwierigkeiten ausgeräumt waren und endlich die erste Klappe fallen konnte.

So brisant und spannend „Hannah Arendt“ thematisch sein mag, scheitert der ganz große Wurf wieder einmal an von Trottas altbekannten Schwächen: Der steifen Inszenierung und den gestelzten Dialogen. Dies wird besonders deutlich, sofern politische Themen, egal ob in trauter Zweierrunde oder im größeren Bekanntenkreis, besprochen werden. Es ist keine Leidenschaft zu spüren und auch wenn sich die Beteiligten scheinbar in Rage reden, kommt davon nichts beim Zuschauer an, denn zu durchdacht wirkt hier jeder Satz, als das man den Protagonisten wirklich die lebendige, hitzige Polit-Diskussion abkaufen würde. In der Furcht davor Arendt etwas Falsches und Missverständliches zu dem komplexen philosophisch-politischen Thema in den Mund zu legen, haben die Drehbuchschreiberinnen Pamela Katz und Margarethe von Trotta jede Aussage der Protagonistin in überdeutliche Worte gekleidet und dem Film dadurch die Luft zum Atmen genommen.

Zumindest mit der Besetzung von Barbara Sukowa („Europa“) als Hannah Arendt hat Margarethe von Trotta alles richtig gemacht, denn diese schafft es, selbst in den stillsten Momenten der inneren Zerrissenheit ihrer Figur Ausdruck zu verleihen. Gekonnt wechselt sie zwischen verschlossener Exildeutschen und bissig-lautstarker Selfmade-Superfrau hin und her. Höhepunkt des Films dürfte jedoch ihr Monolog vor der versammelten Studentenschaft bilden, in dem sie Rechenschaft über ihren Artikel in der New York Times ablegen muss. Einer der seltenen wirklich emotionalen Momente im Film und dadurch wohl absoluter Höhepunkt in „Hannah Arendt“.

Ein Geniestreich war es jedoch zweifelsohne auf die Originalaufnahmen aus dem Eichmann-Prozess zurückzugreifen und diese geschickt in den Film einzubauen. Denn erst wenn man Eichmann erlebt, wird einem klar, dass es sich bei dieser unscheinbaren Person nicht um das pure Böse handelt, sondern um einen simplen Bürokraten, einen „Schreibtischtäter“, wie ihn Arendt treffend beschrieb. Die Aufnahmen sprechen für sich, denn es ist nicht zu übersehen, dass Eichmann in diesem Prozess lediglich als Sündenbock für die grausamen Verbrechen des NS-Regimes herhalten muss. Die enorme Aussagekraft dieser Bilder nachzustellen, wäre ein Vorhaben gewesen, das bereits im Ansatz gescheitert wäre.

Fazit: Margarethe von Trotta setzt einer weiteren großen Frau ein filmisches Denkmal. Trotz Schwächen im Drehbuch und der Inszenierung ist „Hannah Arendt“ dennoch ein gelungener Einblick in das Leben der mutigen Philosophin.