"Hannibal" 1. Staffel (USA 2013) Kritik – Geschichte wird mit Blut geschrieben

Autor: Pascal Reis

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„Who’s hungry?“

Wenn literarische Entitäten auf die Leinwand projiziert werden, sind es, logischerweise, die Anhänger jenes Stoffes, deren Welt erst mal einmal ins Wanken gerät, die sich das laute Aufschreien nicht verkneifen und dem Projekt per se jedwede Daseinsberechtigung abzusprechen versuchen. Natürlich ist es ein Ding der Unmöglichkeit, einen Roman bis ins kleinste Detail ganz und gar vorlagengetreu filmisch umzusetzen, würde diese Behandlungsweise doch eigentlich jeglichen zeitlichen wie dramaturgischen Rahmen des Kinos an und für sich sprengen. Wie aber würde der Umgang mit einer Buchvorlage aussehen, wenn man sie in Serie gießt, um ihr so eine enorme künstlerische Spannweite zur Entfaltung entgegenzubringen? Das BBC-Format „Sherlock“ beweist mit ihrer launigen Generalüberholung des wohl renommiertesten Detektiv Großbritanniens, dass ein solches Vorhaben durchaus funktionieren kann. Mit der NBC-Serie „Hannibal“ versucht sich Bryan Fuller nun daran, Thomas Harris‘ Klassiker „Roter Drache“ eine mit Blut geschriebene Vorgeschichte zu ermöglichen, hat dabei aber nicht nur mit den üblichen Stolpersteinen einer ersten Staffel zu ringen.

Der berühmteste Kannibale der Literatur- wie Filmgeschichte also bekommt das Privileg, auch auf dem derzeit unermesslich florierenden Serienmarkt mitzumischen. Ein durchaus ansprechender Kasus war die Vita des Hannibal Lecter ja ohnehin schon immer, die Serie beruft sich allerdings darauf, Vorarbeit zu leisten. Drehbuchautor Bryan Fuller aber ist gleichwohl nicht darauf erpicht, Synchronizität in der Adaption bekannter Figuren und chronometrischer Richtlinie zu wahren. „Hannibal“ spielt in der heutigen Zeit, verfügt damit all die modernen technischen Spielereien, die der forensischen Polizeiarbeit in der Vorlage (Hannibal wurde bekanntlich von Will Graham Mitte der 1970er Jahre überführt) natürlich noch nicht zur Verfügung standen. Auch Geschlechtsumwandlung sind gegeben: Dr. Alan Bloom wird hier zu Dr. Alana Bloom, eine enge Freundin Hannibal, der es gestattet ist, im Gespräch mit ihm Höflichkeitsformen zu missachten, während Freddy Lounds, im famos besetzten „Roter Drache“ von 2002 noch vom kürzlich verstorbenen Philip Seymour Hoffman verkörpert, nun zur weiblichen Promibloggerin Fredericka Lounds wird.

Aber all diese Revisionen stellen kein Problem in der Konsumierung von „Hannibal“ dar, hat Bryan Fuller schließlich im Vorfeld angekündigt, die Serie auch als eine Art Neuinterpretation zu verstehen. „Hannibal“ krankt in erster Linie daran – und da tun es ihm viele weitere Gleichgesinnte dieser Klasse gleich -, dass sich nicht nur Charaktere, sondern auch der Zuschauer vorerst akklimatisieren muss. Wir müssen Schritt für Schritt mit den Figuren vertraut gemacht werden, uns in das neue Umfeld einleben und ein Gefühl für die hiesige Dynamik bekommen. „Hannibal“ aber gelingt es nicht, anders als beispielsweise „Sons of Anarchy“ oder „Breaking Bad“, die gewiss auch Startschwierigkeit hatten, ihr interessantes Sujet aber immer mit dem nötigen Feeling auskleideten, sich anfangs von der Stelle zu bewegen. Der Schwerpunkt wird vorerst auf Will Graham verlagert, einem Profiler, der im Dienst des FBI Tatorte durch seine übernatürliche Empathie rekonstruiert und somit tatkräftig dabei hilft, Serienkiller zu überführen. Will Graham wird als psychotischer Soziopath beschrieben, der die Dunkelheit der Welt etwas zu weit in sein Herz hat blicken lassen.

Ist es also der Weg zurück ins Licht, der das Spannungsfeld von „Hannibal“ ausmacht? Wohl kaum. Will Graham wird pathologisiert, bis sich die Balken biegen und verschwimmt fortwährend in sämtlichen Bewusstseinsebenen. Anstatt diesem Wechselspiel aus Realität, Halluzinationen und der symbolhaften Traumebene einen eigenen, mystischen Reiz zu verleihen, labt sich „Hannibal“ an morbider Körperkunst. Die Mordfälle sind innovativ und bestialisch, aber sie wirken in ihrer bizarr-abstrakten Kreation nie organisch, sondern wie frisch aus dem Katalog für Wahnsinnige schabloniert. „Hannibal“ ist eine ungemein artifizielle Serie, die beinahe die Hälfte ihrer Laufzeit anstrengt, weil sie nicht weiß, wie sie sich recht nach vorne bewegen soll. Das „Killer of the Week“-Konzept ist schnell abgenutzt und Will Graham strapaziert das Nervenkostüm mit verheultem Blick und tranceartiger Motorik mit Wonne. Hugh Dancy ist eingekesselt in seiner Figur, muss theatralischen Gesten huldigen und dadurch immer mal wieder den Spott des Zuschauers auf sich ziehen. Mit Mads Mikkelsen („Die Jagd“) als Hannibal Lecter ist der Serie allerdings ein echter Besetzungscoup gelungen.

Immer im feinsten Zwirn gekleidet, besticht Mads Mikkelsen durch seine sublime Diabolik, die sich primär durch seine strahlenden Augen herausbricht und der emotionslosen, der intellektualisierenden Haltung seiner Person neue Facetten abverlangt. Der sich anbahnende Konflikt zwischen Hannibal und Will Graham beginnt hier noch in gemeinsamer Arbeit für das FBI und glücklicherweise findet „Hannibal“ nach gut sechs verstrichenen Folgen in die Spur und kann endlich den Suspense sukzessiv ausschöpfen, der von Folge zu Folge mit zum Teil peinlich bemühten Cliffhangern versprochen wird. Dass eine Serie allerdings ganze sechs Folge vergeudetet, wiegt sich gewiss negativ auf das Resümee aus. Und doch verschmelzen in der zweiten Hälfte die künstlerischen Ebenen ineinander. Mads Mikkelsen reißt das Ruder an sich, Hugh Dancy wirkt in seinem Spiel nicht mehr wie verstopft und selbst ein Laurence Fishburne als Agent Jack Crawford fügt sich wunderbar in das Ensemble. Brillieren darf „Hannibal“ dennoch vordergründig durch seine technische Finesse: Vor allem die auditive Suggestion durch dumpfe und verzerrende Streicher, durch mechanisches Hämmern und hölzernes Prellen lässt den Zuschauer selbst wie paralysiert durch einen luziden Traum schwelgen.

Die auratische Atmosphäre, die die Serie langsam dadurch heraufbeschwört, legt sich wie ein Fluch um den Zuschauer, zerrt ihn mit, um ihn dann mit einem Finale zu beglücken, das nicht auf großes Tamtam setzt, sondern in seiner Stille frösteln lässt. Der kultivierte Manipulator, der fingerfertige Gourmet (Seine kulinarischen Kabinettstücke sehen auf dem Teller ebenfalls aus wie Kochbuchillustrationen), der antizipierende Anthropologe Hannibal Lecter sitzt am längeren Hebel, doch wie lange wird er seinem blutigen Handwerk noch nachgehen dürfen? Wer hätte gedacht, dass „Hannibal“ nach diesem derart misslungenen Start noch einmal eine solch einnehmenden, psychologisch verstörenden Schlussspurt einlegen würde und nicht nur seine teils wirklich heftige Gewalt als nach Aufmerksamkeit gierendes „Highlight“ fungieren lässt? Die Vorfreude auf Staffel 2 jedenfalls darf groß sein, schließlich hat das Team nun nicht mehr damit zu kämpfen, einen Startpunkt zu manifestieren, den man erst mühevoll überqueren muss, sondern darf gleich in die Vollen gehen.