"Heartless" (USA 2009) Kritik – Die unbezahlbare Schönheit

„Ich kann diesen Scheiß, von wegen Schönheit ist nur oberflächlich, nicht ertragen, weil es nicht stimmt.“

null

Philip Ridley gehört zu der Gattung Regisseur, die es nicht unbedingt eilig haben mit dem Filmemachen. Schaut man sich die übersichtliche Filmografie des Herrn an, dann ist zwischen seinen drei Filmen immer ein mehr als deutlicher Abstand. Sein Debütfilm ‚Schrei nach Stille‘ mit Viggo Mortensen kam 1990 raus. Ganze fünf Jahre sollte es dann wieder dauern, bis der Name Philip Ridley erneut in der Filmwelt auftauchte und 1995 stand er mit ‚Die Passion des Darkly Noon‘ mit Brendan Fraser und Ashley Judd vor der Tür. Jetzt dürfte man feststellen, das Ridley nicht unbedingt zu den wichtigsten oder interessantesten Regisseuren gehört, sondern sich eher immer dezent im Hintergrund hielt. Dann wurde es lange Zeit still. Ganze 14 Jahre vergingen, bis Philip Ridley 2009 mit seinem Genre-Mix ‚Heartless‘ wieder von sich hören lies, dieses Mal sogar besser denn je.

Der Außenseiter Jamie wird wegen des herzförmigen Feuermal um sein Auge von seinen Mitmenschen als Freak bezeichnet. Nachts zieht er mit der Kamera durch die Stadt und wird Zeuge eines Mordes durch eine Gang, mit seltsamen Dämonenmasken. Einige Zeit später fällt auch Jamies Mutter der Gang zum Opfer und er ist sich endlich sicher: es sind keine Masken, sondern echte Dämonen. Danach lernt er den finsteren Papa B kennen und bekommt den Deal vorgeschlagen, sein Feuermal endlich zu verlieren, doch dafür muss er im Gegenzug furchtbare Dinge tun…

In der Hauptrolle sehen wir Jim Sturgess, der den Einzelgänger Jamie verkörpert. Schon in Filmen wie ’21‘ oder ’50 Dead Man Walking‘ konnte Sturgess sein Talent unter Beweis stellen, doch hier als Jamie liefert er seine beste und ausgeglichenste Karriereleistung ab. Auch in den weiteren Rollen überzeugen Joseph Mawle als teuflischer und undurchsichtiger Papa B, oder Clemence Poesy als spätere Freundin von Jamie. Beide verkörpern ihre Charaktere vollkommen glaubwürdig, doch die Screentime wie Sturgess bekommen sie nicht, genau wie sie Leistung von Sturgess eben auch nicht einholen können. Einen genialen kleinen Auftritt hat dazu noch Eddie Marsan als Buchführer, der zuletzt erst wieder in ‚Tyrannosaur‘ glänzen konnte.

Die Geschichte der gekauften Schönheit, haben wir in der Filmgeschichte schon einige Male gehört. Das beste Beispiel ist hier natürlich die Romanfigur Dorian Gray, der im London des 19. Jahrhundert seine Seele verkaufte, damit er nicht altert, sondern nur das Gemälde von ihm. Die Konsequenzen holen ihn irgendwann ein und Jahre später wird er von den Folgen dieses erfüllten Wunsches immer noch gequält. Im Fall von ‚Heartless‘ ist er der 25-jährige Jamie, dessen linkes Auge von einem großen roten Feuermal in Herzform gezeichnet ist. Er traut sich nicht mehr auf die Straßen, will den Blicken der Menschen entgehen und lebt so ein zurückgezogenes und einsames Leben. Seine Wohnung teilt er sich mit seiner Mutter, sein Vater ist schon lange verstorben und für seinen Bruder arbeitet er im Londoner East End als Fotograf. Die wachsende Gewalt wird nun auch Teil seines Lebens und seine Mutter fällt einer brutalen Dämonengang zum Opfer. Er will sich rächen und endlich seinen Mann im Leben stehen. In dieser Zeit trifft er den seltsamen Papa B, der ihm ein Angebot macht, welches er nicht ablehnen kann. Er verliert sein Feuermal und kann sein Gesicht endlich ohne Scheu in der Öffentlichkeit zeigen. Doch dafür verlangt Papa B scheußliche Dinge von Jamie, die ihn selber zu einem Gewalttäter der Straßen machen. Nun steht Jamie zwischen der Brutalität und der Schönheit, die sich gegenseitig am Leben hält.

„Wenn die Schönheit der Anfang des Schreckens ist, warum haben Kinder sogar Angst davor mich anzuschauen?“

Mit ‚Heartless‘ begeben wir uns auf eine Reise in den einsamen Charakter eines Außenseiters, der sich in seine eigene Welt zurückgezogen hat und sich auch nicht mehr mit der Welt auf der Straße abfinden kann. Jamie kann es nicht, weil er anders ist. Sein Feuermal hat ihn in die Ecke getrieben und seine Mitmenschen strafen ihn mit herablassenden Blicken und zeigen mit dem Finger auf ihn. Jamie ist an seine Traurigkeit und Verlassenheit gebunden und will endlich ein Teil der Gesellschaft werden, er sehnt sich nach einem neuen Leben und würde dafür alles geben. Wo die erste Hälfe des Films noch als Drama durchgeht, geht es in der zweiten Hälfe in ganz andere Richtungen. Regisseur Ridley führt ‚Heartless‘ auf einen surrealistischen und mysteriösen Weg und fügt Schock- und Horrorelemente in seine Inszenierung ein, die nie deplatziert wirken, sondern sich dem vermischten Bild des Films genau anpassen. Die beklemmende und ebenso düstere Atmosphäre umschlingt den Zuschauer und lässt ihn folgen. Die vielen verschiedenen Themen, mit denen der Film ausgefüllt ist, lassen ihn trotzdem nie überladen oder auch überfordert mit sich selbst wirken. ‚Heartless‘ erzählt uns von tiefem Schmerz, der Suche nach sich selbst, unendlichen Sehnsüchten und dem Wunsch, endlich angenommen zu werden. Ein Film, irgendwo zwischen Selbsthass, Brutalität, Gesellschaftskritik, Gefühl, Angst und verschreckter Zurückhaltung.

Fazit: ‚Heartless‘ ist auf der einen Seite ein intensives und berührendes Drama und auf der anderen Seite ein fesselnder Mysteryfilm, mit einigen Horrorsequenzen. Die tollen Darsteller, vor allem der groß aufspielende Jim Sturgess, der einen wirklich mitfühlen lässt, die tolle Bildsprache, der feine Score, auch mit einem Soundtrack von Sturgess selbst bereichert, und Ridley klare Inszenierung machen ‚Heartless‘ zu einem starker, aber immer noch viel zu unbekannten Genre-Highlight, das einen leichten Hauch Lynch mit sich bringt und gesehen werden sollte.

Bewertung: 8/10 Sternen