"Hellraiser" (USA 1987) Kritik – Das religiöse Schaf im blutigen Wolfspelz

Autor: Florian Feick

„The box. You opened it. We came.“

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Liebe und Schmerz. Zwei Begriffe, die beinahe zwingend zusammengehören. Denn das Erste zieht meist unweigerlich irgendwann das Zweite nach sich. Schmerz bedeutet Leidenschaft, bedeutet sexuelle Erfüllung, bedeutet Liebe? Clive Barkers HELLRAISER kommt als einer der sicherlich ungewöhnlichsten Gruselfilme der 1980er-Jahre daher, denn als zentrales Horror-Element steht nicht die Angst als solches, sondern der absolute Schmerz. Die Quintessenz des Horrofilms ist die Angst. Die Angst vor dem eigenen Tod und den damit einhergehenden Schmerzen. HELLRAISER schafft es, den unvorstellbaren Schmerz visuell herauszukristallisieren und als das Wesen seines Terrors zu verwenden.

Barkers England ist ein pervertiertes und sexualisiertes England, in dem keine Frau von den lüsternen Blicken erregter Männer verschont bleibt; eine triste graue Welt, die nur von seltsamen Menschen bevölkert ist und in der Patienten gegen ihren Willen von Ärzten in ihren Krankenhauszimmern eingesperrt werden. Sein London die knapp gehaltene Überzeichnung der negativen Gesellschaftsmechanismen, die man sich als Außenstehender vorstellt. In dieser Welt zieht das Ehepaar in das ehemalige, nun leerstehende Elternhaus, dessen dunkles Geheimnis durch ein blutiges Versehen erweckt wird. Eine sado-masochistische Spirale des Ehebruchs und Verrats entfaltet sich, deren Beginn bereits vor langer Zeit war und die unweigerlich in der absoluten metaphysischen Zerstörung gipfelt. Julia Cotton trotz stets selbstbestimmter, emanzipierter Miene letzten Endes nur das Besteck, mit dem Schwager Frank seine figürliche Nahrung aufnimmt – manipulierbarer, gequälter Sklave ihrer bereits so abgestumpften Lust, die durch nichts mehr stimulierbar scheint. Denn Leidenschaft und Schmerz sind schließlich interessanter als eintönige Liebe. Sex und romantisches Glück bestimmen unser Denken, unser Handeln. Das Bedürfnis nach Befriedigung der Lust. S/M das einzige Aphrodisiakum in der kranken Welt des Briten.

Doch auch Frank durfte die Kraft des ultimativen Masochismus am eigenen Leib erfahren. Die bizarr gestalteten Zenobiten gefallene Engel, gottgleiche Erforscher der Lust, die den Weg zum Vorhof der Hölle weisen und die vollkommene sinnliche Erfahrung versprechen. Einmal in ihren Fängen, ist jeglicher Widerstand, jeder Fluchtversuch zweck- und sinnlos. Sie sind die Vollstrecker Gottes, welche die Menschheit von ihren allzu weltlichen Schmerzen befreien und gleichsam Bestrafung ausüben, indem sie ihnen aufzeigen, was wirkliche Pein bedeutet.

Der Film aus dem Jahre 1987 ist ein überraschend fromm daherkommendes Werk, das trotz aller Brutalität mit vielen moralischen Werten und Symbolen des Christentums ausgestattet ist. Die betrügende Ehefrau samt schwägerlichem Liebhaber letzten Endes Opfer ihrer Lüste, schließlich ihrer nur gerechten Strafe ausgesetzt. Der weitergesponnene Bruderkonflikt, in biblische Dimensionen ausufernd, wird letztendlich auf nihilistische Weise aufgelöst. Die einzigen Überlebenden der Familie die Keuschgebliebenen. HELLRAISER lobt Treue sowie Gerechtigkeit und droht bei Regelverstoß mit der Hölle. Ein christlich-religiöser Horrorfilm, der mit auch heute noch überaus ansehlichen Spezialeffekten ausgestattet ist. Seine belehrenden Aussagen verkommen jedoch nicht zur bloßen, kirchenvertretergleichen Glaubens- und Moralpredigt, sondern ergeben in seinem inhaltlichen Kontext einen vor beängstigender Gewalt überbordenden Terrorfilm der besonderen Art, der lediglich einige dramaturgische Schwächen aufweist. Die Hölle als visuell erfassbare Sinneserfahrung.

„No tears, please. It’s a waste of good suffering.“