"Herzensbrecher" (CA 2010) Kritik – Die imaginäre Autorität der Liebe

Autor: Pascal Reis

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„Hast du dich in letzter Zeit verliebt?“

Knapp 10 Minuten haben sie tosend applaudiert, die Kritiker und Journalisten im Kinosaal der Filmfestspiele von Cannes, als der damals 19-jährige Xavier Dolan sein Erstlingswerk „I Killed My Mother“ vorstellen durfte. Was für eine Ehre für einen jungen, beeinflussbaren und aufstrebender Künstler. Stehende Ovationen gab es, die nicht nur dem jungen Filmgeist geschuldet waren, der in seiner jugendlichen Blüte und der umfassenden Bandbreite an verschiedenen (Set-)Positionen, die für dieses Alter schon beeindruckenden genug waren, sondern auch wegen Dolans informaler Weitsicht, die jeden pubertären Tellerrand überquerte und ein menschliches und damit vollkommen ehrliches Porträt über den Generationskonflikt im innerfamiliären Bündnis darstellte. Vom „frankokanadischen Wunderkind“ war die Rede und die Hoffnungen an sein Nachfolgewerk „Herzensbrecher“ aus dem Jahre 2010 entsprechend hoch – Den Erwartungen konnte Dolan in diesem Fall allerdings nicht vollständig gerecht werden.

Nico ist das fleischgewordene Objekt der Begierde; ein blondgelockter Adonis, dessen geheimnisvolle Aura jeden um den engelsgleichen Finger wickelt – Egal ob Männlein oder Weiblein. Diesem Charme erliegen auch die mondänen Hipster Francis und Marie, die eigentlich schon seit langer Zeit als beste Freunde gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten gehen. Mit Nick bahnt sich jedoch ein Problem an, die die Freundschaft auf eine harte Probe stellen soll, denn sowohl Francis, als auch Marie versuchen, Nick für sich zu gewinnen und aus den Freunden werden Rivalen, die um die Gunst des Blondschopfes kämpfen und sich in ihrer Eifersucht und den sehnsüchtigen Gefühlen immer weiter treiben lassen. Doch für wen wird sich der angehimmelte Nick am Ende entscheiden, gibt es noch eine Zukunft für die Freundschaft, oder werden sich Francis und Marie durch Nicks anklingende Unerreichbarkeit für immer entzweien?

Xavier Dolan ist nicht nur ein cinephiles Wunderkind, das mit „I Killed My Mother“ seine inszenatorische Finesse beweisen konnte, Xavier Dolan ist auch ein waschechtes Multitalent und nimmt wie in seinem Erstling gleich mal wieder mehrere Rollen ein, um den Film unverkennbar seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. In einer Hinsicht kann sich von nun an sicher sein: Wenn auf einem Film der Name Xavier Dolan steht, dann ist auch Xavier Dolan drin – Mehrfach. In diesem Fall ist es also wieder nicht nur das obligatorische Regie-Hauptdarsteller-Drehbuch-Triple, Dolan war auch für die Kostüme, die Produktion und den Schnitt verantwortlich und leistet dabei mal wieder überaus solide Arbeit, wenngleich die Klasse des Vorgängers – wie gesagt – nun nicht eingeholt werden kann. Dolan darf sich jedoch neben seinem Fleißsternchen ein weiteres Lob einstecken, denn aus dem Hauptdarstellertrio mit Monia Chokri als Marie und Niels Schneider als Nicolas, sticht Dolan mit seiner schüchternen, aber doch liebenswert-erfrischenden Art als Francis einfach problemlos raus und bleibt dank akzentuierter Performance im Gedächtnis.

Wo sich „I Killed My Mother“ schon leise an der Stilrichtung der Nouvelle Vague orientierte – insbesondere an Francois Truffauts Klassiker „Die küssten und sie schlugen ihn“ – und Dolans Experimentierfreude zeigte, ohne sich aber in plumpen Plagiatsmotiven zu verrennen, gelingt ihm der Spagat zwischen kinematographischer Imitation und subtiler Hommage in „Herzensbrecher“ nicht ganz. Wieder stand Francois Truffaut Modell, dieses Mal sein leichtfüßiges Meisterwerk „Jules und Jim“, darüber hinaus bedient sich Dolan jedoch offenkundig und zuweilen mit 1-zu-1-Nachbildungen aus dem Schaffen von Pedro Almodovar und Kar Wai Wong. Es sind die richtigen Einflüsse, keine Frage, und Dolan weiß, in welchen Bereichen er die qualitative Extravaganz entdeckt, um sie an seinen Stil anzupassen und doch wieder vollkommen auf den Kopf zu stellen, „Herzensbrecher“ schießt stilistisch allerdings ein ums andere Mal über das Ziel hinaus.

Ob ruckartige Zooms in gestellten und inadäquaten Interviews über die Liebe, die den Film in ihrer dokumentarischen Fiktion zu keiner Zeit neue Facetten verleihen können und einfach nicht ins Konzept passen wollen, die ständige Wiederholung von Zeitlupen, die zur Zelebration von Handlungen der Protagonisten dienen, oder die geleckte Musikvideo-Ästhetik, die in ihren Farbfiltern und visuellen Spielereien hin und wieder einfach zu viel des Guten sind, auch wenn „Herzensbrecher“ in seiner dedizierten Farbenpracht immer wunderbar anzusehen ist. „I Killed My Mother“ hat die Balance zwischen Inhalt und Stil deutlich besser gehalten und die despektierlichen Gedanken an Dolans Autoerotismus weitestgehend umgehen können. Womit „Herzensbrecher“ dann allerdings wieder auftrumpfen kann, ist, selbst wenn die dazugehörigen Montagen ebenfalls ist erdrückender Penetranz erscheinen mögen, die erstklassige Songauswahl, die von Johann Sebastian Bach, House of Pain, Indochine und The Knife sämtliche Musikrichtungen abdeckt und Dolans Wunsch nach undefinierbarer, autonomer und souveräner Kreativität wunderbar einfängt.

Den „Style-over-Substance“-Vorwurf muss sich Xavier Dolan dennoch nicht gefallen lassen, wenngleich „Herzensbrecher“ immer wieder den Eindruck weckt, dass Dolan mehr Wert aus Ästhetisierungen und Oberflächlichkeiten gelegt hat und die Mode und gestylten Haare der Twentysomethinggeneration wichtiger ist, als das Gefühlschaos, in dem sich die luftige Ménage à trois verfängt. Voller (homo-)erotischer Schwingungen kratzt Dolan an der Prätention, es gelingt ihm dennoch, etwas ganz Entscheidendes festzuhalten: Die Rationalität zieht im Kräftemessen gegen die Liebe immer den Kürzen und jede Logik wird schlagartig von sekundärer Natur. „Herzensbrecher“ ist die humorvolle wie leicht artifizielle Vereinigung aus Eifersucht, Selbstfindung, Narzissmus und letztlich schwerer Enttäuschung. Vergebene Mühen und ein frisch aus dem Ei gepelltes Trio muss erfahren, dass Zuneigung nicht nur Höhen bedeutet, sondern auch die Vulnerabilität jedes Einzelnen erheblich ausdehnt.

Fazit: Xavier Dolan kämpft auch mit „Herzensbrecher“ gegen jede platte Kategorisierung an und inszeniert eine humorvolle wie verführerische Geschichte über eine Ménage à trois, in der die Idealisierung des Angehimmelten keine stilistischen Grenzen kennt, am Ende jedoch nur die rivalisierte Enttäuschung bleibt. Experimentell und mit reichlich Kitsch codiert Dolan seinen eigenen Stil in neue Sphären und in jedem Frame möchte man einen Hauch von leibeigener Arroganz entdecken. Und doch ist „Herzensbrecher“ ein verspieltes wie empathisch Erlebnis über das Chaos und die Phantasmen der Verliebtheit, da sind auch die charakteristischen Manierismen noch zu verschmerzen, selbst wenn hier doch hin und wieder übertreiben wird.