"Hitchcock" (USA 2012) Kritik – Ein Leben für die Kunst

Autor: Stefan Geisler

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„Good evening.“

Wer kennt ihn nicht, den gemütlichen runden Regisseur mit dem unverkennbaren Profil, den „Master of Suspense“, der uns mit Filmklassikern wie „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“ gelehrt hat, was Spannung eigentlich bedeutet. Natürlich ist die Rede vom Meisterregisseur Alfred Hitchcock, der mit seinen Filmen das moderne Kino prägte, wie kein Zweiter. In gleich zwei Filmen wurde nun das Leben des Mannes hinter der Kamera vor die Kamera gebracht: Neben dem HBO-Film „The Girl“, in dem die Dreharbeiten zu Hitchcocks „Die Vögel“ und die eigenwillige Beziehung des Regisseurs zu seiner Schauspielermuse Tippi Hedren in den Mittelpunkt gerückt wurden, startet mit Sacha Gervasis „Hitchcock“ eine weitere, deutlich prominenter besetzte Hitchcock-Biografie in den deutschen Kinos. Hier wird der Fokus auf den Einfluss von Alfred Hitchcocks Ehefrau Alma Reville auf die Produktionen des Meisterregisseurs, insbesondere auf dessen Film „Psycho“ gelegt. „Hitchcock“ präsentiert sich als launiger Mix aus Drama, Komödie und biografischen Elementen, die wohl eher für Einsteiger, als für Hitchcock-Experten geeignet sein dürfte.

Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins) ist der einflussreichste Filmemacher seiner Zeit. Gerade hat der Regisseur seinen Spionage-Thriller „Der unsichtbare Dritte“ erfolgreich in die Kinos gebracht und am liebsten hätten es die Studiobosse, wenn Hitchcock gleich noch einen ähnlich gelagerten Film hinterherschieben würde. Doch Hitchcock hat andere Pläne, denn der „Schundroman“ Psycho von Robert Bloch hat es ihm angetan. Die Studiobosse sind von der Idee jedoch alles andere als angetan und weigern sich das Projekt zu finanzieren. Hitchcock glaubt jedoch an den Erfolg seines neusten Projektes und beschließt den Film selber zu produzieren…

Als 2011 bekannt wurde, welcher Schauspieler in „Hitchcock“ in die Rolle des Meisterregisseurs schlüpfen sollte, war der Spott der Internetcommunity groß. Denn der Anwärter auf die Hauptrolle, Anthony Hopkins, schienen keinerlei Ähnlichkeit mit Alfred Hitchcock aufzuweisen. Doch allen Unkenrufen zum Trotz gibt Hopkins eine erstaunlich gelungene Hitchcock-Imitation ab. Dies liegt nicht nur an der brillanten Maske, die zumindest Hopkins im Profil zu einem echten Hitchcock-Doppelgänger werden lässt (Ein Feature, das im Film mehr als einmal zum Einsatz kommt), sondern besonders an dessen herausragender Performance. Es sind die kleinen Gesten, Handhaltungen, Kopfbewegungen und die großartige Nachahmung Hitchcocks unverkennbarer Mundart, die die Erinnerung an einen der begnadetsten Regisseure des letzten Jahrhunderts kurzzeitig wieder lebendig werden lassen.

Auch wenn die Rahmenhandlung von „Hitchcock“ die Probleme während der Produktion des Hitchcock-Kassenschlager „Psycho“ umfasst, liegt der eigentliche Fokus des Films auf der Beziehung zwischen Alfred Hitchcock und seiner langjährigen Lebenspartnerin Alma Reville (Helen Mirren). Schade ist hierbei, dass Regisseur Sacha Gervasi sehr darauf bedacht ist, den Grundton des ganzen Films nicht zu sehr ins Düstere rutschen zu lassen. So werden problematische Thematiken, die auch immer wieder für Zündstoff zwischen den Lebensgefährten Alma und Alfred sorgte, wie Hitchcocks ungesunde Vorliebe für Hochprozentiges oder dessen manische Besessenheit von seinen Leinwandgöttinnen, die so manche Schauspielerin in die Verzweiflung trieb, nur kurz und nicht mit dem nötigen Ernst angeschnitten. Wenn Hitchcock seine Schauspielerinnen durch ein Guckloch in der Wand beobachtet oder seinen Schwenker plump vor Alma versteckt, weckt dies Erinnerungen an einen frechen Lausbuben, mit dem „echten“ Hitchcock dürfte diese Darstellung aber nur wenig zu tun haben.

„Hitchcock“ ist ein Film für Hitchcock-Einsteiger, die sich dem Mythos des legendären Filmemachers langsam annähern wollen. Hier wird unterhaltsames Hitchcock-Party-Wissen (Bsp: „Psycho“ war der erste Film, in dem man eine Toilettenspülung zu sehen und zu hören bekam) mit einem Einblick in Hitchcocks zwiespältiges Privatleben gekreuzt. Immerhin Hitchcocks Kampf gegen Zensurbehörden und profitorientierte Studiobosse wird in Sacha Gervasis Hitchcock-Biografie angemessen honoriert. In diesen Szenen, in denen er für „Psycho“ Haus und Hof verpfändet, seine Ehe langsam in den Abgrund gleiten lässt und von Selbstzweifeln geplagt, schlaflos in die Nacht starrt, kriegt man einen Begriff davon, mit welcher Manie und unter welchen persönlichen Einbußen Hitchcock an seinen Werken arbeitete. Schließlich genoss auch ein Hitchcock keine Narrenfreiheit in Hollywood und musste Erfolg und Misserfolg seiner Filme vor den Studiobossen erklären.

Fazit: „Hitchcock“ hängt irgendwo in der Schwebe zwischen Biopic, Drama und unterhaltsamen Schwank. Dank der hervorragenden Leistung des gesamten Ensembles, allen voran Anthony Hopkins und eines großartigen Danny-Elfman-Soundtracks, ist „Hitchcock“ dennoch eine kurzweilige Hommage an einen der größten Regisseure des letzten Jahrhunderts.