"Homevideo" (DE 2011) Kritik – Ein Schlag in die Magengrube

„Weißt du was? Ich glaube, in 10 Jahren lachen wir beide über die Sache!“

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Die Zeit der Pubertät ist für jeden Menschen eine schwierige. Der Körper verändert sich, die Eltern nerven, die Schule macht es einem auch nicht unbedingt leicht und man selber muss sich mit den neuen Umständen erst mal so richtig vertraut machen. Man zweifelt an sich, man weiß nicht, in welche Richtung es hier wirklich geht und wenn dazu dann auch noch die Eltern eine ganz eigene Krise bewerkstelligen müssen, dann bekommt man den Kopf gar nicht mehr frei. So geht es auch dem 15-jährigen Jakob, der sich immer weiter zurückzieht und dann auch noch ein Auge auf seine Mitschülerin Hannah wirft. Die komplette Zuneigung schenkt Jakob nur seiner Kamera und da macht er auch vor freizügigen Aufnahmen keinen Halt. Als die Kamera dann in die Hände von zwei Klassenkameraden gerät, bricht Jakobs Welt langsam Stück für Stück auseinander…

Nachdem „Der letzte schöne Tag“ schon für reichlich Aufsehen im Fernsehbereich sorgen konnte und sich ohne Probleme vom Standard dieser Produktionen absetzte, in dem er ein überaus brisantes Thema mit der nötigen Reife und Sensibilität angenommen hat, weiß auch Killian Riedhofs „Homevideo“ als Fernsehproduktion mehr als nur zu überzeugen und ist Johannes Fribacks Familien-Drama sogar noch überlegen. Jedoch lässt sich eine Gemeinsamkeit schnell finden: Beide haben einen Schauspieler in petto, auf den man sich zurzeit einfach unbeschwert verlassen kann: Wotan Wilke Möhring. In „Homevideo“ spielt Möhring Claas, den Vater der Hauptfigur, und kann in seiner Rolle erneut mit einer ganz besonderen Ausstrahlung viele Akzente setzen, die seine Figur nicht nur auf die ganz eigene Art sympathisch macht, sondern auch die persönlichen Probleme glaubwürdig überbringt. In der Hauptrolle sehen wir jedoch Jonas Nay als Jakob, der durch seine Aufnahme langsam zerbricht. Nay weißt seinen äußerst schwierigen Charakter aber ebenfalls toll zu meistern und steht seinem erfahreneren Schauspielvater nicht nach, viel mehr bringt er sein eigenes zersplittertes Seelenleben in unausweichlicher Authentizität zum Vorschein. Neben den beiden Glanzlichtern wird für die anderen Darsteller nicht viel Raum gelassen, auch wenn Gesichter wie Jannik Schümann, Sophia Boehme, Tom Wolf und Nicole Marischka durchgehend überzeugen.

Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem sich so gut alles auf der virtuellen Ebene abspielt. Wenn wir nach Hause kommen, wird als erstes der Computer oder Laptop angeworfen, um die sozialen Netzwerke zu checken und zu überprüfen, ob irgendjemand etwas geschrieben hat. Gibt es Neuigkeiten? Hat sich der Beziehungsstatus einer bestimmten Person geändert? Wurden wieder peinliche Fotos gepostet? Öffentliche Liebeserklärungen? Nahaufnahmen vom heutigen Essenstisch? Facebook, Twitter und die unzähligen Schülerverzeichnisse, auf denen sich tägliche unzählige Personen anmelden und unbemerkt private Information an dritte Menschen verschenken, die niemals vollständig aus dem Internet verschwinden, denn was einmal veröffentlicht oder angegeben wurde, dass bleibt auch für alle Ewigkeiten dort. Wenn man dann noch bedenkt, dass inzwischen so gut wie jeder Mensch mehrere E-Mail-Konten besitzt, dann wissen wir, welch unglaubliche Aktivität sich im World Wide Web täglich ereignet und auch immer noch ausbreitet. Jeder, der Mitglied in einem dieser Social Networks ist, sollte sich auch immer im Klaren darüber sein, was er für Sprüche, Bilder oder Videoaufnahmen für seine „Freunde“ veröffentlicht und zugänglich macht und wie schnell solch ein Material in falsche Hände geraten kann. Kilian Riedhof schneidet mit „Homevideo“ genau in diese brutale Kerbe.

„Er hat sich gefilmt und du hast die Kamera verliehen!“ – „Und wer hat das alles gesehen?“ – „Frag lieber wer es nicht gesehen hat.“

„Homevideo“ funktioniert gerade deswegen so blendend, weil er in erster Linie auf jegliche Schuldzuweisungen verzichtet und so den Zuschauer in die verzweifelte Haut von Jakob drückt. Wie würden wir in einer solchen Extremsituation reagieren? Kann man etwas Derartiges noch mit Humor nehmen, oder stürzt die eigene Welt im Moment der Realisierung im Bruchteil einer Sekunde auseinander? Kann man damit leben, dass jeder Mensch, egal ob bekannt oder fremd, einen selbst bei den natürlichsten Intimitäten gesehen hat? In „Homevideo“ wird uns ohne Umschweife verdeutlicht, dass es nach einem solchen Vorfall kein freies Leben danach geben kann. Man ist immer ein Teil des Gelächters, kann nie wieder unbekümmert durch die Straßen gehen, ohne mit dieser privaten Aufnahme in Verbindung gebracht zu werden. Eine unüberlegte Aktion führt zum ausweglosen Chaos. Dabei spricht Regisseur Riedhof auch die zerrütteten Familienverhältnisse an, die sexuelle Umorientierung der Mutter, die gescheiterte Ehe, die erste Liebe und die bitteren Folgen auf allen Seiten. „Homevideo“ offenbart uns das Bild des inzwischen alltäglichen Cyber-Mobbings in einer realistischen und mitreißende Art und Weise, wie es in dieser Form den Kopf des Zuschauers lange nicht verlassen wird. Perversion oder Normalität? Mögliche Erlösung oder schrecklicher Fehler? Diese Fragen beantwortet nicht der Film, sondern letztlich ganz allein der Betrachter selbst.

Fazit: Das aktuelle Thema des Cyber-Mobbings ist zwar heutzutage in aller Munde, doch rein filmisch wurde es noch nie wirklich angesprochen. Kilian Riedhof wagt den Schritt und inszeniert ein schonungsloses, authentisches und nachhaltiges Familien-Drama, in dem ein unüberlegtes Handeln die extremsten Wellen nach sich zieht und ohne Halt alles zerstört. „Homevideo“ ist ein durch und durch wichtiger und äußerst aktueller Film, der zwar sicher nicht leicht zu verdauen ist, dafür aber den richtigen Standpunkt einnimmt und den Zuschauer durchgehend selber urteilen lässt.