Kritik: I, Anna (FR,DE,GB 2012)

Autor: Conrad Mildner

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„Also ich glaube diese aufmerksamen Augen gehören einem Mann, der mit Leidenschaft die Wahrheit sucht.“

Bald ist ja wieder Muttertag und wie man auch zu diesem Anlass stehen mag, der ohnehin schon in seinem historischen Kontext kritisch beäugt werden sollte, so ist es doch logisch, dass man seiner Mutter ab und zu etwas gutes tun sollte, schließlich tut sie ja auch oft genug etwas für einen selbst. Charlotte Rampling ist nicht nur eine grandiose Schauspielerin, sondern scheint auch eine ebenso gute Mutter zu sein. So übernahm sie kurzerhand die Hauptrolle im Regiedebüt ihres Sohnes Barnaby Southcombe und verhalf dem Film damit zu genügend Aufmerksamkeit. Im Gegenzug möchte Southcombe mit seinem Film Rampling zur Übermutter schlechthin stilisieren, vergisst dabei aber einen guten Film zu erzählen.

Anna (Charlotte Rampling) lebt mit ihrer Tochter Emmy (Haley Atwell) und ihrem Enkelkind in einer kleinen Wohnung und verarbeitet immer noch die Trennung von ihrem Ex-Mann. Bei einem Singleabend lernt sie George (Ralph Brown) kennen. Sie fahren zu ihm nach Hause. Die Nacht endet mit seinem Tod. Detective Bernie Kominski (Gabriel Byrne) wird eingeschaltet. Eher zufällig begegnet er der rätelhaften Anna und verliebt sich in sie. Die emotionale Verwicklung macht es umso schwerer die Mordnacht Stück für Stück zu rekonstruieren.

Schon beim Blick auf die Besetzungsliste möchte man am liebsten sofort ins Kino stürmen. Gabriel Byrne und Rampling in einem Film ist allein schon eine Sensation. Dazu kommt, dass Ben Smithards atmosphärische Bilder den Film Noir atmen, wie kaum eine andere Krimi-Produktion der letzten Jahre. An der Oberfläche macht „I, Anna“ alles richtig und wem hübsche Bilder und gute Schauspieler_innen bereits reichen, kann auch ruhig einen Blick riskieren. Leider herrscht unter der Plot-Haube gähnende Leere. Das wird umso deutlicher, wenn man bemerkt, wie abhängig der Film von der schrittweisen Aufdeckung seines Mordfalls ist. So reicht es dem Film nicht den Fall in einem spektakulären Finale aufzudecken und sich davor ausgefeilt mit den Verwicklungen seiner Figuren zu beschäftigen. Viel eher verteilt Peter Boyles Schnitt fragmentarische Rückblenden über die ganze Laufzeit des Films, um dem Publikum überhaupt einen Grund zu geben weiter zu schauen, denn weder die Ermittlungen am Fall, noch die Annäherung zwischen Anna und Bernie werden auf interessante Art geschildert. Die Dialoge sind weitestgehend belanglos und recht beliebig. Zu jeder Sekunde merkt man, dass Southcombes einziges Ass im Ärmel die Auflösung ist, mit der er uns stückchenweise füttern muss, damit wir nicht die Lust am Film verlieren.

Richtig ärgerlich wird es, wenn der Film seinem Publikum hinterherhinkt, weil es bereits erahnen kann, wie das ganze ausgeht. Zwar kommt die eigentliche Auflösung glücklicherweise unerwartet, dennoch stürzt die Spannungskurve danach rapide ab, da sich der Film endgültig seinem letzten Geheimnis entledigt hat. Sobald sich Annas Psychologie vor uns ausbreitet, wird auch offensichtlich, dass man das alles schon irgendwie besser und weniger verstellt auf der Leinwand gesehen hat, sogar mit Charlotte Rampling in der Hauptrolle. Francois Ozons grandioses Drama „Unter dem Sand“ erzählte die Geschichte einer Frau, dessen Ehemann bei einem Strandausflug spurlos verschwindet, worauf sie beginnt mit der bloßen Imagination des Verschwundenen weiterzuleben. Ohne zu viel zu spoilern, sei verraten, dass „I, Anna“ eine sehr, sehr ähnliche Geschichte erzählt. Doch wo Ozon seinem Publikum die Annehmlichkeiten einer Auflösung verwehrt, stützt Southcombe seinen kompletten Film auf ihr, mit verheerenden Folgen.

Vielleicht konnte er es nicht ertragen seine Mutter auf solch eine ambivalente Art und Weise enden zu sehen. Nein, Rampling muss zur tragischen Mutterfigur werden, koste es, was es wolle. Noireskes Mystery-Kino aus Great Britain geht definitiv anders. Zum Glück kommt bald Danny Boyles Heist-Noir „Trance“ in unsere Kinos. Da ist die Auflösung nur die Kirsche auf dem aufregenden Film-Cocktail.