"I Killed My Mother" (CA 2009) Kritik – Ein Wunderkind und die Konfusionen der Pubertät

Autor: Pascal Reis

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„Selbst wenn ich mir vorstelle wie die schlimmste Mutter der Welt ist, du übertriffst sie bei Weitem.“

Als wäre es nicht schon beeindruckend genug, wenn ein erst 19-Jähriger seinen ersten Film in diesem zarten Alter verwirklichen darf, legt der Frankokanadier Xavier Dolan die Messlatte bewusst verdammt hoch. Für seinen Erstling „I Killed My Mother“ aus dem Jahre 2009 übernahm er nicht nur den Posten der Regie, sondern fungierte als Produzent, Drehbuchautor und als Hauptdarsteller. Eine Leistung, die man wohl eher von alteingesessenen Fachmännern erwartet, aber nicht von einem burschikosen Knaben, der gerade einmal die schwierige Phase der Pubertät überstanden hat. Ein derartiges Manöver kann schnell in die Hose gehen und die bestrafenden Ausdrücke wie „Überheblich“ und „Töricht“ lassen in einem solchen Fall nicht lange auf sich warten. Doch Dolan ist aus einem anderen künstlerischen Holz geschnitzt und konnte vollkommen zu Recht die versammelte Kritikerschar auf dem Cannes Festival zu stehenden Ovationen anleiten.

Der frühreife Hubert hat es nicht gerade einfach in seinem Dasein. Als würde ihm die Pubertät nicht schon genug fordern, ist er dazu auch noch in einer bebenden Hass-Liebe zu seiner Mutter Chantale gefangen. Es gibt keinen Tag, an dem Hubert nicht mit seiner Mutter zusammenstößt und sie lauthals kritisiert. Dazu kommt Huberts Liebe zu Antonin, dessen Beziehung zu seiner Mutter den Gegenpart zur eigenen darstellt. Natürlich weiß Chantale nichts von Huberts Homosexualität und die einzige Person, die Hubert sich zum Austausch über Probleme nähern kann, scheint seine Lehrerin Julie zu sein, die ihm den Rat gibt, sich all die Probleme von der Seele zu schreiben…

Ein so junger Filmemacher wie es Xavier Dolan zur Entstehung des Filmes war, hat – wie jeder andere Künstler – natürlich seine prägenden Helden. Im Falle von Dolan ist es unverkennbar feststellbar, dass ihn die Novelle Vague unheimlich begeistert hat und in seinem künstlerischen Werdegang wohl noch viele Jahre prägen wird. Ein ganz bestimmter Name schummelt sich da diskret in den Vordergrund: François Truffaut. Eine große Lichtgestalt dieses einschneidenden Stils, neben Jean-Luc-Godard versteht sich. Dolan hingegen begeht nicht wie viele andere Regisseure den eklatanten Fehler und reibt sich bis zur cinephilen Ejakulation an seinen gehuldigten Vorbildern, sondern streut seine Einflüsse als Referenzen in das Geschehen, ohne den Zuschauer also mit 1-zu-1-Imitationen zu verspotten. In „I Killed My Mother“ reicht daher beispielsweise auch die einfache Einstellung, in der das Huberts Zimmerwand zierende Poster von „Sie küssten und sie schlugen ihn“ eingeblendet wird. Truffauts Coming-Of-Age-Klassiker, den Dolan frenetisch verehrt und dessen gegenseitige Verbindung der zwei Filme unabdingbar scheint.

Mit „I Killed My Mother“ gelingt Dolan allerdings noch ein weiterer formaler Glücksgriff mit Mehrwert. Wo sich viele Filme in ihrer Visualisierung verlaufen und den informale Grundsatz der Situationen vollkommen aus den Augen verlieren, weiß Dolan die Balance zwischen Charaktertiefe und Ästhetik durchgehend grandios zu halten. Dabei wird mit visuellen Sperenzchen nicht gegeizt: Es gibt die obligatorischen Zeitraffer, die Schwarz-Weißen-Close-Ups und einige kunstvolle Montagen in Zeitlupe, gefolgt von schnellen Standbildschnitten. Diese optischen Spielereien würden deplatziert wirken, wenn Dolan sie nicht als integere (Leidens-)Maske der Wesenszüge seines Alter Ego Hubert benutzen würde und symbolisch für das emotionalen Chaos in seinem Inneren formuliert. Ohne ein gewisses Maß an Arroganz wäre das in dieser Qualität wahrscheinlich nicht möglich gewesen und die narzisstische Attitüde seines Auftretens lässt sich Dolan auch keinesfalls absprechen, den dünnen Grat zwischen pejorativem und achtenswertem Verhalten meistert das Wunderkind aber mit Bravour.

„I Killed My Mother“ wird in seiner persönlichen Note schnell zur Seelenoffenbarung von Multitalent Xavier Dolan. Dabei ist der Film an sich nicht nur auf die Figur Hubert abgemessen, sondern fügt sich in ein universelles Spektrum, welches für jeden Zuschauer in einem bestimmten Ausmaß nachvollziehbar scheint. Die Konflikte mit der eigenen Mutter, die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz, die Wünsche und Träume vom großen Durchbruch, die sexuelle Orientierung im Angesicht von gesellschaftlicher Missachtung. Dolan agiert mit frühreifer, aber nicht altkluger Weitsicht und die zwischenmenschlichen Nuancen, die in die wohldefinierte Narration immer wieder eingestreut werden, lassen die leisen Vermutungen an größenwahnsinniger Arthouse-Prätention schnell verstummen. „I Killed My Mother“ ist – trotz der ästhetisierten Bildkompositionen – ehrliches und sorgfältig ausgearbeitetes Autorenkino. Zwischen rebellierenden Selbstzweifel und der Sehnsucht nach familiärer Zuflucht gefangen, ist Dolans Coming-Of-Age-Gleichnis eine audiovisuelle Attraktion, in dem kein Charakter schematisch wirkt.

Fazit: Liebe, Hass, Schuld, Sexualität und der fortwährende Generationskonflikt. Verschiedene und essentielle Themen, die jeder Mensch am eigenen Leibe zu erfahren und erkunden hat, vor allem wenn er sich in der schwierigen Phase der Pubertät befindet. Xavier Dolans Glanzstück „I Killed My Mother“ ist ein Film für jeden, der sich noch gut an diese Zeit erinnern kann oder mittendrin steckt. Die Träume, die Emotionen, die Veränderungen. Mit audiovisuellem Feingeist entwirft Dolan ein ehrliches wie kunstvolles Coming-Of-age-Gleichnis, welches nicht nur zur subjektiven Identifikation dient, sondern auch in seiner Reife und Aufrichtigkeit einfach überwältigt. Und mal ehrlich: Mit 19 Jahren ist ein bisschen elegische Arroganz auf dem Regiestuhl ja wohl erlaubt, vor allem bei einem solchen Ergebnis.