Kritik: I Love You Phillip Morris (USA/FR 2009)

„Das Schwulsein und diese Gaunereien, hat das irgendwas miteinander zu tun?“

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Der unauffällige Geschäftsmann Steven Russell führt ein geregeltes Leben mit Frau, Kind, Haus und sonntäglichem Gesang im Kirchenchor. Bis ein Autounfall ihm zu einer profunden Erkenntnis verhilft: Er ist schwul. Fortan lässt er keine Party, kein exklusives Restaurant und keinen knackigen Kerl mehr aus. Das pralle Leben erweist sich als kostspielig, aber Steven beweist ungemein viel Phantasie in der regelmäßigen Beschaffung der notwendigen Finanzmittel. Natürlich geht das nicht lange gut und er landet im Knast. Dort lernt Steven seine große Liebe, den zurückhaltenden Phillip Morris, kennen. Und damit fangen die Probleme für Steven überhaupt erst so richtig an.

„Brokeback Mountain trifft auf Catch me if you can“, so steht es auf der DVD-Rückseite. Kein guter Start, bei solchen Marketing-Sprüchen kommt mir schnell das Kotzen. So nach dem Motto: „Wow, der Film hat mir gefallen und der andere Film hat mir auch gefallen, dann wird mir dieser Film ja doppelt so gut gefallen.“ Leider war es nicht so, „I love you Phillip Morris“ ist weder so gut wie Ang Lees Meilenstein, noch so gut wie Spielbergs mitreißender Hochstaplerfilm. Vielleicht, weil er wieder einmal an dem Umstand scheitert Film und Realität miteinander verschweißen zu wollen.

Wie uns zu Filmbeginn schriftlich eingebläut wird, handelt es sich hier um eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit, oder so, was den Filmemachern in vielerlei Hinsicht das Leben erleichtern, aber auch verherrend erschweren kann. Denn, obwohl ich nicht so viel erklären muss, wie bei einem rein fiktiven Film, weil der Zuschauer vieles hinnimmt, da es ja in der Realität anscheindend so passiert ist, muss man als Filmemacher umso stärker sorgen, dass es sich echt anfühlt. Entweder man entfremdet („Terminal“) und hat dann mehr Freiheiten oder man zieht es beinhart durch („Dog Day Afternoon“), aber „I love you Phillip Morris“ wirkt so, als wolle er eine wahre Biografie schildern und auf der anderen Seite schmeckt er so künstlich wie ein Bum-Bum-Eis. Nun könnte man mit der ultima ratio der Ausreden argumentieren, es würde sich hier um ein Stilmittel handeln, aber so leicht ist es nicht.

Ich will allerdings erst mal versuchen zu begründen, warum der Film mir trotzdem gefällt. Er hat in jeder Hinsicht eine tolle Handlung. Das Leben schreibt eben immer noch die besten Geschichten und dem Drehbuch gelingt es auch dem schwierigen Spagat zwischen Komödie und Drama Rechnung zu tragen. Darüber hinaus gelingen den beiden Regisseuren tolle, rein visuelle erzählerische Momente, besonders bei den komischen Szenen. Sowieso ist der Film eine wirklich gute Komödie mit hohem Unterhaltungswert.

Ich hatte meinen Spaß, aber warum leistet er sich so ein schweres Versagen bei den ernsthaften Szenen? Lag es am Casting oder am Drehbuch? Von allem etwas, würde ich sagen. So gut das Script bei den komischen Momenten funktioniert, so kläglich scheitern die beiden Regisseure beim Drücken auf die Tränendrüse. Ich bin ja eigentlich auch nah am Wasser gebaut, aber selten war Weinen so nervig wie hier. Entweder steht im Drehbuch zu oft „They cry.“ oder die Regie verwechselt Mitgefühl mit Mitleid. Nur weil Gähnen ansteckend ist, muss das nicht auch für Tränen gelten. Meiner Meinung nach hat hier auch ganz klar das Casting versagt. Carrey und Gregor passen einfach nicht zusammen. Ihre Liebesszenen wirken künstlich. Ich sehe da nur zwei Hetero-Schauspieler, die schauspielen. Das ärgert umso mehr, da die Darsteller in ihren Solo-Szenen sehr gut spielen.

„I love you Phillip Morris“ ist bis zur Hälfte eine rasante und intelligente Komödie, die mit ihrer hohen visuellen Brillianz begeistert, aber leider, besonders im letzten Drittel, den Sprung zum biografischen Drama nicht schafft und an seiner künstlichen Ernsthaftigkeit und seinem Nacherzählanspruch letztendlich scheitert.

Bewertung: 5/10 Sternen