"Ice Age 4 – Voll verschoben" (USA 2012) Kritik – Schiff Ahoi und Leinen los!

„Holy crab!“

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Irgendwann muss auch mal Schluss sein, oder nicht? Egal wie gut jede Filmreihe angefangen hat, früher oder später ist immer die Luft raus. 2009 trennte sich DreamWorks Animation nach langem hin und her endgültig vom Oger Shrek und das, obwohl selbst der vierte Ableger der Reihe weltweit noch satte 750 Millionen US-Dollar einspielen konnte. Eine kluge Entscheidung, denn qualitativ war hier bereits nach dem zweiten Teil das Ende der Fahnenstange erreicht. Schlimmer stellt sich das Ganze bei dem Zugpferd der Blue Sky Studios „Ice Age“ dar, denn hier hätte man bereits nach dem ersten Teil gerne einen Schlussstrich ziehen dürfen. Doch anders als bei Dreamworks und Pixar, die scheinbar problemlos neue Animationshits kreieren, wollen die Nebenprojekte des „Ice Age“-Studios nicht so richtig zünden, denn weder „Robots“ noch „Rio“ konnten sich qualitativ mit der starken Animations-Konkurrenz messen. Wer könnte es den Blue Sky Studios also verübeln, dass die goldene „Ice Age“-Gans bis zum bitteren Ende geschröpft wird. In „Ice Age 4 – Voll verschoben“ dürfen nun also Manni, Sid, Diego und Scratch unter der Regie von Steve Martino („Horton hört ein Hu“) und Mike Thurmeier („Ice Age 3 – Die Dinosaurier sind los“) ein weiteres Mal Abenteuer erleben – nach dem Qualitätsschwund in den letzten Teilen doch eher ein zweifelhaftes Glück.

Nach den Ereignissen der letzten Zeit wünschen sich Sid, Diego und Manni in erster Linie eins: Ruhe. Doch neues Unheil bahnt sich an, denn Sids Familie erscheint unangemeldet, stiftet Chaos und lässt zu allem Überfluss auch noch die senile Faultieroma zurück. Währenddessen kommt es auch in Mannis Familie zu Schwierigkeiten, denn die unkontrollierbaren Hormone seiner Tochter Peaches führen zu einem Familienkrach der übleren Sorte. Doch all das wird überschattet durch eine Katastrophe größeren Ausmaßes…

Seit dem ersten Teil der „Ice Age“-Reihe klappern die pelzigen Helden der Blue-Sky-Studios die wichtigsten Etappen der frühen Weltgeschichte ab. So spannend und in geringem Maße sogar lehrreich diese Ausgangsszenarien auch gestaltet sein mögen, bei „Ice Age“ ist seit dem zweiten Teil der Wurm drin. Der Grund dafür liegt im Ausbleiben jedweder Charakterentwicklung, denn Sid, Diego und Manni stehen noch genau da, wo man sie nach dem ersten Teil entlassen hat. Statt die Persönlichkeiten der Hauptfiguren weiter auszuarbeiten, hat man sich entschlossen, in jedem Teil mindestens zwei neue Charaktere einzuführen (so auch in „Ice Age 4 – Voll verschoben“), um so die Innovationsarmut zu überdecken. Letzten Endes führt dies aber dazu, dass die schneeweiße Ice-Age-Welt inzwischen von einem ganzen Schwarm mäßig interessanter Sidekicks bevölkert wird, die größtenteils nicht nur nervig sind, sondern zudem auch noch die eigentliche Handlung ausbremsen.

Um sich dieser Vielzahl überflüssiger Nebenfiguren zu entledigen, haben sich die Drehbuchautoren Michael Berg und Jason Fuchs diesmal einen simplen, aber dennoch effektiven Kniff einfallen lassen: Bereits nach einer kurzen Einführung werden Manni, Diego und Sid durch einen unvorhersehbaren Zufall vom Rest der Gruppe getrennt und versuchen von dort an auf dem schnellsten Weg zu ihrer „Herde“ zurückzukehren. Auf diesem Weg können die drei Helden wieder zu ihren alten Stärken zurückfinden, die den ersten Teil so erfolgreich machte: Schneller Slapstick-Humor, ohne große emotionale Tiefe. Fantastisch allein die Szene, in der Sid von giftigen Beeren nascht, ihm daraufhin sämtliche Muskeln versagen und er anschließend in einer wilden Verfolgungsjagd zum Spielball des Zufalls wird. Natürlich bekommt auch wieder der nussverliebte Nager Scratch seine Auftritte und treibt wie immer nicht nur sich, sondern auch das Publikum mit seinen Nusskapaden zum Wahnsinn. Wobei diesmal besonders sein letzter Auftritt einen neuen Negativ-Höhepunkt im Leben des erfolglosen Nagers darstellen dürfte – traurig für Scratch, aber umso lustiger für das Publikum.

Auch die viel gescholtenen Nebenfiguren des „Ice Age“-Universums bekommen ihre Leinwandzeit zugesprochen, wobei hier besonders die Teenie-Probleme von Mannis Tochter Peaches im Fokus stehen. Diesem Handlungsstrang fehlt es jedoch deutlich an Schwung und Witz, denn die einzigen Spaßmacher in der Gruppe, die Opossum-Brüder Crash und Eddie, sind größtenteils eher nervig als witzig. „Bleib wie du bist“ lautet die Moral des Selbstfindungs-Teenie-Abenteuers – wäre diese platte Botschaft bereits im ersten Teil zum Leitmotiv erklärt worden, hätte sich die muntere „Ice Age“-Bande übrigens niemals zusammengerauft.

Mit dem bösartigen Piraten-Kapitän Utan hat nun auch zum ersten Mal ein „echter“ Antagonist den „Ice Age“-Kosmos betreten. Mit seinem bedrohlichen Äußeren und seiner ungewohnt blutrünstigen Art ist er ein guter Gegenpart zur sonst so flauschig-freundlichen Kuschel-Truppe. Und auch der Rest der Piratenmannschaft ist optisch ansprechend gestaltet: Ohrringe, verfilztes Fell und Schwertfischsäbel gehören hier zur Standardausrüstung für kampferprobte Plüsch-Piraten. Gerne hätte man noch mehr über diese eigenartige Crew und ihren Käptn erfahren, doch leider lässt die knappe Spielzeit von 94 Minuten keine nähere Einsicht in das raue Piratenleben zu.

Fazit: Schiff Ahoi! Mit „Ice Age 4 – Voll verschoben“ nimmt die Reihe endlich wieder Fahrt auf und besinnt sich auf alte Stärken. Wenn man sich auch im nächsten Teil wieder der einschläfernden Nebencharaktere entledigen kann, steht „Ice Age 5“ nichts mehr im Wege.

Bewertung: 6/10 Sternen