"Inglourious Basterds" (USA 2009) Kritik – Tarantino im Krieg mit Adolf Hitler

„Hier will ’n Deutscher für sein Vaterland sterben… Tu ihm den Gefallen.“

Würde Adolf Hitler „Inglourious Basterds“ heute sehen, würde er sich zeitweilens freuen. Und würde Stauffenberg diesen Film sehen, auch er hätte ein paar rühmende Worte übrig. Was diese Metapher eigentlich sagen will ist, dass Tarantino um das Dritte Reich ein Fantasiegespinnst konstruiert und ihm seinen Stempel aufdrückt. Und das meint nichts anderes als eine dicke Schicht schwarzen Humors auf dem Atmosphären-Kaffee, eine Mischung, die einen Film sofort als einen Tarantino entlarvt: Enorm dichte Szenen-Stimmung und dadurch irre Spannung, und auf dem Standstreifen fährt langsam der Schwarze-Humor-Bulli mit, der da eigentlich nichts zu suchen hat, aber es passt einfach wie die Basterds-Klinge auf die Nazi-Stirn und kein SS-Standartenführer würde ihm ein Strafgeld deswegen verpassen.

„Deswegen schenk ich dir jetzt was, das du nicht ablegen kannst.“

Das ist schlicht diese Mischung, die kein anderer Film bietet mit einem Drehbuch, das ausgefeilt und mit einem Hauch von Kult bepudert ist. „Zitate, Zitate, Zitate“, scheint einer von Tarantinos Leitfäden zu sein wenn er sich an seinen geweihten Tisch setzt oder in seine noch geweihtere Badewanne, einen geweihten Tee trinkt und in sein geweihtes Notizbuch kritzelt. Wortgewandtheit ist eine Tugend würde ich sagen, sie wertet jeden Film auf. Ein pfiffiges Gespräch mit Witz, Charme, tieferer Bedeutung oder einem/zwei auf drei Um-die-Ecke-Denken ist sympathisch. Ein Glück, dass „Inglourious Basterds“ davon so viele besitzt. Das zeigt sich bereits im ersten Kapitel, sprich in den ersten rund 20 Minuten des Films. Eine fast perfekte Szene, denn sie ist enorm spannend, ein gelungener Auftakt, sie ist witzig, interessant, überraschend, besitzt einen gewissen Actionanteil, stellt Fragen die zum Weiterschauen animieren und bezieht sich schon im Vorfeld auf den weiteren Werdegang des Films. Kapitel 4 – ein Musterbeispiel für Charaktere, Atmosphäre, Witz und Story. Einfache Gespräche, ohne Schießerei und Terror, die allein durch Wortgewandtheit und die rein sprachliche Auseinandersetzung von Personen fesseln können. Prinzipiell bietet dieser Film inhaltlich alles was man braucht, er ist geistreich und sicherlich ein kleines Meisterwerk.

Tarantino-typisch in einer anderen Liga spielt wie gewohnt der Soundtrack. Musikstücke aus anderen Filmen, die dennoch wirken als seien sie für diesen Film geschrieben. Beides arbeitet in einer Art Symbiose, es passt hervorragend, unterstützt die Atmosphäre, die Dramatik, den Witz, die Wortgewandtheit und lebt letztendlich eigentlich für sich selbst. Die Umsetzung ist – ich benutze dieses Wort nicht gerne, weil es impliziert, dass man sich in eine Sache so hineinsteigert dass man keinen Blick mehr für anderes hat, dass man nicht begründen kann warum das so ist oder dass man vor Euphorie geblendet ist – perfekt. Die Kamera ist zu jeder Zeit da wo sie sein soll, Nahaufnahmen sind präzise gesetzt, es spritzt viel zu viel Blut (das sind dann die Stellen, in denen der Schwarze-Humor-Bulli den Atmosphären-VW auf der rechten Spur überholt, weil der Fahrer kurz eingeschlafen ist und sein Fuß für eine kurze Zeit das Gas durchdrückt, doch es ist mitnichten ein Zufall – viel mehr flößte Tarantino ihm über seinen Standstreifen-Kaffee ein Mittel ein, das gefährlichen Sekundenschlaf impliziert. Doch Tarantino wäre nicht Tarantino, könnte er nicht sein geballtes Wissen des Regisseuren-Apothekers anwenden und wüsste er dadurch nicht die genaue Dosis, die nötig ist damit der Schwarze-Humor-Bulli nicht davonfährt und am Horizont verschwindet), es fallen viel zu viele leere Patronenhülsen zu Boden und versinken in tiefen Blutpfützen und zu allem Überfluss geschieht das auch noch so abrupt von einer Sekunde auf die Andere, dass man aus der Atmosphäre gerissen wird und im fliegenden Wechsel in eine wilde Blutspritzt-meterweit-und-leere-Patronenhülsen-fallen-auf-den-Fußboden-Orgie gezerrt wird. Da fühlt man sich zum Glück ebenso geborgen, man misst die Atmosphäre nicht. Und der Grund dafür ist, dass man weiß: Die nächste Fahrt im VW kommt bestimmt. Und die findet dann auf der Überholspur statt.

Auch wenn Adolf Hitler diesen Film sehen würde und ein paar nette Worte übrig hätte, so würde er sich doch eingestehen müssen, dass Tarantino ein Mammutprojekt geschaffen hat, das vor Anspielungen, schwarzem Humor und Dreistigkeit nur so überquillt. Und dafür hätte er seine Anerkennung verdient. Touché, Quentin.