"Inside a Skinhead" (USA 2001) Kritik – Ryan Gosling als jüdischer Nazi

„Hätte es Hitler nicht gegeben, die Juden hätten ihn erfunden.“

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Wenn man das Jahr 2011 Revue passieren lässt, dann bleibt einem ein ganz bestimmter Mann im Gedächtnis, der sich zum Superstar des Filmgeschäfts etablierte: Ryan Gosling. Mit Filmen wie ‚Drive‘, ‚Blue Valentine‘, ‚Ides of March‘ und ‚Crazy, Stupid, Love‘ bewies er seine Vielschichtigkeit und wurde immer zum Highlight. Vor allem in ‚Drive‘ leistete er großartiges und festigte seinen Ruf als einer der besten Jungschauspieler unserer Zeit. Schaut man sich Goslings Karriere jedoch mal genauer an, wird man feststellen, dass er schon immer auf hohem Niveau war. ‚Lars und die Frauen‘, ‚Half Nelson‘ und ‚Stay‘ sind da Beispiele und Beweise genug. Gosling war sofort präsent und nutze seine Chance eindrucksvoll. Doch gehen wir zurück bis ganz an den Anfang seiner Karriere, noch vor ‚State of Mind‘ aus dem Jahr 2003 und widmen uns dem Film, mit dem er in Independent-Kreisen auf sich aufmerksam machen konnte: ‚Inside a Skinhead‘ von 2001, der sich einen wahren Fall aus den 60er Jahren als Vorbild genommen hat.

Danny Balint ist ein intelligenter jüdischer Mann. Er studiert die religiösen Schriften und lernt auch hebräisch. Doch in ihm wohnt noch eine zweite Seele, denn Danny ist auch ein Neonazi, der nichts mehr hasst als die Juden selbst. Danny kämpft gegen das Judentum an und auch gegen sich und seine Gespaltenheit und es scheint so, als könnten ihn nichts und niemand von seinem klaren und doch so sonderbaren Weg abbringen…

Hier sehen wir also Ryan Gosling in seiner ersten Hauptrolle als Danny Balint, ein jüdischer Nazi. Ein schwieriger Charakter für den ersten großen Auftritt, doch Gosling bewies schon hier sein enormes Können. Sicher bringt auch noch keine ausgereifte Charakterdarstellung, aber seine Leistung lässt sich gut und gerne als stark betiteln, denn er beherrscht sowohl die ruhigen Moment, als auch die kraftvoll impulsiven, die seine Figur einfach ausmachen. Gosling zieht die Blicke und Kamera auf sich und steht klar im Mittelpunkt. Summer Phoenix als Freundin Carla, Billy Zane als Curtis Zampf und Theresa Russell als Lina Moebius sind zwar ebenfalls überzeugend in ihren Rollen, bleiben aber trotzdem Beiwerk des Casts, einfach weil Gosling so dominant ist und der Film voll auf ihn zugeschnitten.

In den 60er Jahren wurde der Jude Daniel Burros bekannt, der sich dem radikalen Ku Klux Klan anschloss und gegen Ausländer und Juden wetterte. Henry Bean nahm sich diesem Mensch für seinen Debütfilm an und verlegte die Geschichte direkt in die Gegenwart. Hier wurde aus Daniel Burros der New Yorker Danny Balint, der nach vielen Auseinandersetzungen seine Talmudhochschule abgebrochen hat und sich dem Faschismus vollkommen hingegeben hat. Danny ist dabei kein dummer Mensch, der sich dieser Radikalität hingeben einfach hingegeben, wie seine Mitstreiter, die gar nicht wissen, wieso sie die Juden überhaupt hassen, sondern einfach nur tumbe Mitläufer sind. Danny ist intelligent und der klaren Meinung, man müsste seinen größten Feind studieren und lieben, um sich ihm zu stellen und verweist dabei immer auf Eichmann, der das Judentum ebenfalls erforschte. Er lebt in einer Welt, in der sich seine religiöse Seite mit der Brutalität des Alltags verknüpft. Er kennt beide Seiten, doch steht zwischen ihn. Gewalt am Tag, studieren der Schriften und Bräuche in der Nacht. Seine Intelligenz beeindruckt auch die Intellektuellen Curtis und Lina, die seinen Judenhass jedoch als klare Charakterschwäche abstempeln, genau wie Linas Tochter Clara, mit der Danny eine Liebesbeziehung beginnt und ihr sogar Hebräisch beibringt. Wenn Danny darauf angesprochen wird, das er selber ein Jude wäre, dann platzt ihm der Kragen und die Gewalt, die sein Leben schon bestimmt, steht sofort im Mittelpunkt. Die Zerrissenheit wird immer deutlicher und Danny muss sich endlich im Klaren darüber sein, wer er ist, denn sonst wird er seinem Hass und dem außenstehenden Blicken unterliegen.

‚Inside a Skinhead‘ befasst sich mit einer Person, die paradoxer kaum sein könnte: ein jüdischer Neonazi. Und hier befindet sich der Punkt, bei dem der Film sein Interessenfeld vollkommen ausfüllt und den Zuschauer bei Laune hält. Einen derartigen Charakter gab es noch nicht und als Zuschauer ist man einfach bereit ihm zu folgen um zu sehen, in welche Richtung er treibt und welche der beiden Seiten ihn schlussendlich zerstören wird. Der innere Kampf, den Danny jeden Tag bestreiten muss, wird mächtiger und mächtiger. Gefangen zwischen Faschismus, Antisemitismus, blinder Zwiespältigkeit und jüdischer Vergangenheit. Über die überdurchschnittliche Charakterisierung kommt Regisseur Henry Bean jedoch nicht hinaus. Die Inszenierung gerät zu oberflächlich und lasch. Das heikle Thema stützt sich auf seinen kontroversen Kern und versteckt sich hinter ihm um zu hoffen, dass er über die eigentlich recht schwache Inszenierung hinwegtäuschen kann. Dem ist aber nicht so. ‚Inside a Skinhead‘ will etwas zu viel und stellt uns lauter Facetten vor, auf die er dann aber nicht mehr eingeht. Fragen über Fragen, auf die wir keine Antwort bekommen. Der Film ist einfach nicht intensiv und eindringlich genug, ganz zu schweigen von der dramaturgischen Ebene, auf der er im besten Fall einen Hauch von Emotionen erzeugt. Nein, das brisante Thema wurde etwas zu unsauber angegangen, das Ende ist schnell klar, alles bleibt nur an der äußeren Schale haften und erlaubt keinen weiteren Tiefgang.

Fazit: In Henry Beans Debütfilm überzeugt nicht gerade viel. Die Inszenierung selbst ist zu locker und nachlässig. Gosling weiß seinen anspruchsvollen Charakter auszufüllen und ist mit der Charakterisierung auch die klare Stärke des Films. Mehr kommt dann aber leider nicht und das hilft ‚Inside a Skindhead‘ gerade so in das Genre-Mittelfeld. Hier wäre extrem viel drin gewesen.

Bewertung: 5/10 Sternen