"Interstellar" (USA 2014) Kritik – Christopher Nolans inspirierende Reise in den Weltraum

Autor: Felix Haenel

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Nachdem sich selbst eingefleischte Nolan-Fans einigen konnten, dass sein letztes Werk „The Dark Knight Rises“ zahlreiche Ungereimtheiten aufweist und der von ihm produzierte „Man of Steel“ ähnlich enttäuschend ist, war mit Spannung zu erwarten, ob sich der ehemalige Meisterwerk-Regisseur tatsächlich auf einem Abwärtstrend befindet. Ursprünglich für Steven Spielberg entwickelt, klingt die Idee eines emotionalen Science-Fiction-Abenteuers, dessen Prämisse im Trailer mit „Love is the one thing that transcends time and space.“ beworben wird, auch nicht gerade nach dem typischen Stoff für den sonst so kühl inszenierenden Briten. Zumindest die Produktionshintergründe sorgten unter Cinephilen für Vorfreude: Zum Großteil ohne Computereffekte an detaillierten Sets gedreht, über eine Stunde mit riesigen IMAX-Aufnahmen, und wie Kubricks Weltraumodyssee auf 65 Millimeter breitem Filmmaterial aufgenommen. Doch wenn wir eines aus der DVD-Fassung von „Gravity“ gelernt haben sollten, dann dass insbesondere Kino-exklusive Optik-Wunder schnell vergänglich sind und das Vermächtnis im Erzählten besteht. Glücklicherweise kann nun bei „Interstellar“ Entwarnung gegeben werden: Den Nolan-Brüdern ist erneut ein denkwürdiger Mindfuck gelungen, der zwar nicht makellos ist, aber angenehm von ihrem bisherigen Filmkanon abweicht.

Die Menschen der Zukunft bekommen die Folgen unserer Überflussgesellschaft zu spüren. Ressourcen und vor allem Nahrung werden knapp, das Wettrüsten hat man schon lange aufgegeben und der Klimawandel erreicht kritische Ausmaße. Die Erde wird jährlich unwirtlicher. Es gibt nur noch Wenige, die in den Fortschritten des 20. Jahrhunderts etwas Positives sehen. Witwer Cooper (Matthew McConaughey) hingegen träumt noch immer davon, Ingenieur zu sein und hasst es, sich um die Farm seines Vaters kümmern zu müssen, aber eine wissenschaftliche Laufbahn ist längst nicht mehr erstrebenswert, was auch seine talentierten Kinder Murph (Mackenzie Foy) und Tom (Timothée Chalamet) in der Schule zu spüren bekommen. Als jedoch nach einem heftigen Staubsturm eine unerklärliche Anomalie im Kinderzimmer entsteht und sie den Zeichen folgend eine geheime Forschungsbasis entdecken, wird eine letzte Hoffnung geweckt. Die NASA gibt es noch und im Verborgenen operierend bemühen sich die Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Brand (Michael Caine) um eine Möglichkeit, die Menschheit auf einen neuen Planeten umzusiedeln. Cooper, zufällig ehemaliger Spitzenpilot, soll die Lebensraum suchende Expedition von einem Planeten zum nächsten durch ein Wurmloch manövrieren.

Die Nolan-Brüder sind selten gut darin, ihre Geschichten elegant einzuleiten. Für „>Interstellar“ haben sie sich die überambitionierte Aufgabe gestellt, im ersten Akt die Verfassung der gescheiterten Zukunftsgesellschaft glaubhaft zu vermitteln, eine Familienbeziehung als emotionalen Eckpfeiler zu etablieren, den thematischen Grundstein über Verantwortung, Liebe und Hinterfragung des Menschseins zu legen und genügend Rückverweise für das zyklische Ende vorzubereiten. Auf Drehbuchebene gelingt ihnen das sogar größtenteils, alle nötigen Elemente sind theoretisch vorhanden. Obendrein verzichten sie auf das unter Blockbustern inzwischen beliebte Element der alles erklärenden Nachrichtensendung. Trotzdem wirkt der Anfang im fertigen Film so kalkuliert und aufdringlich durchexerziert, dass es zunächst schwer fällt, sich darauf einzulassen.

Coopers Tochter kann nicht einfach nur ein wissbegieriges Kind sein, sondern muss sich schauspielerisch bereits genauso reserviert verhalten wie die Erwachsenen. Dazu kopiert Mackenzie Foy einige Manierismen von Jessica Chastain, die später die erwachsene Murph spielt, was zwar Gemeinsamkeiten betont, aber sie auch nicht wirklich wie ein Kind verhalten lässt. Nolans Vorstellung eines Teenagers gleicht der eines Erwachsenen abzüglich des Alters. Sie kann auch nicht bloß einen normalen Mädchennamen tragen, sondern ist nach Murphys Law benannt, das natürlich im Handlungsverlauf eine große Rolle beim Reisen durch Wurmlöcher spielt und Nolan bereits zu Beginn erlaubt, die Logik dahinter zu erklären. Subtil geht anders. Ähnlich unglaubwürdig passende Namenswahl findet sich auch später wieder, als atemlos der Satz „Man(n) is lying.“ geäußert wird, was dem Moment einen philosophischen Hauch verleihen soll, in seiner Doppeldeutigkeit aber eben nur albern wirkt.

Wie der Trailer schon verrät, muss Cooper seine Familie auf der Erde zurücklassen. Dass die Trennung den Zuschauer zutiefst emotional ergreift, wäre essentiell für das Funktionieren des Films, doch auch hier versagt die Regie. Zuvor bestand der einzig sichtbar bindende Familienmoment daraus, dass Cooper mit seinen Kindern durch ein Kornfeld rast, um eine Tiefflieger-Drohne zu verfolgen. Nachdem sie per Laptop-Hack, dem Zukunfts-Äquivalent zum Lasso, Kontrolle über das Fluggerät gewonnen haben und es sicher gelandet wurde, streichelt der Familienvater zärtlich über den Rumpf, bevor er die energiespendende Solarzelle entnimmt. Murph fragt, wieso sie es „töten“ mussten. Die intendierte Metapher liegt auf der Hand: In der Zukunft gibt es keine wilden Tiere mehr, die man jagen könnte. Stattdessen lehrt der Erwachsene, wie man Überwachungsdrohnen abfängt, mit deren Energiezellen sich die Farm versorgen lässt. Das Problem dabei ist, dass diese Szene unfassbar ernst inszeniert ist und eher an die düstere Gravität der Batman-Filme erinnert, was sie unfreiwillig komisch macht. Nolan sieht hier nur die sozialkritische Wichtigkeit der Situation. Der Echtweltvergleich ist jedoch so befremdlich, dass ein wissendes Augenzwinkern geholfen hätte – man kann sich richtig vorstellen, wie unter Spielbergs Regie ein Richard-Dreyfuss-Charakter enthusiastisch um das Ding herum gesprungen wäre und die Kinder animiert hätte. Als Cooper schließlich seine Familie verlässt, wird die eigentlich herzzerreißende Autofahrt mit dem ohrenbetäubenden Blockbuster-Sound des darauf folgenden Raketenstarts unterlegt. Wer dabei etwas empfinden kann, verdient wohl Respekt. Wie stimmungstaub Nolan sein kann, beweist er dann auch gleich noch einmal in der nächsten Szene, als die Raumfahrenden mit ihrem Sarkasmus-Roboter scherzen. Dieser Vater vermisst seine Kinder definitiv (noch) nicht.

Der erste Akt ist eine erzählerische Katastrophe, aber sobald die überstanden ist, ist der Film nicht mehr zu stoppen. Im kalten Weltraum ist Nolan in seinem Element. Hier kann wild philosophiert werden und atemberaubende All-Hintergründe brennen sich in die Synapsen. Man ist beeindruckt, aber nicht überfordert, weil im Gegensatz zu „Gravity“ genau verstanden wird, wie lang eine Einstellung mit welcher Bewegung gehalten werden muss, um mehr als nur einen Achterbahneffekt zu erzielen. Die Weltraum-Panoramen, die gigantischen Planeten und die Wurmloch-Reise sind mit einer malerischen Schönheit realisiert und werden stets in Kontrast zu den vergleichbar winzigen Flugobjekten gesetzt, was den Bildern eine erstaunliche Erhabenheit verleiht. Das Raumschiff selbst basiert teilweise auf der ISS, besteht aus eigens gebauten Sets und wirkt aufgrund des Detailreichtums greifbar real. Alles ist ein wenig schmutzig und abgenutzt, vergessen sind digital sauber-geleckte Oberflächentexturen des Cuarón-Films. Obwohl in „Interstellar“ nachdrücklich für einen verstärkten Umgang mit und mehr Vertrauen in Technologie argumentiert wird, kann man froh sein, dass sich die Filmemacher noch auf analoge Tricks verlassen. Die bereisten erdähnlichen Planeten muten gerade deshalb so authentisch an, weil der Körnigkeit des Filmmaterials etwas traditionell Vertrautes innewohnt und das Wechselspiel zwischen Schauspielern und praktischen Effekten sichtbar stattfindet. Auditiv ist erfreulich, dass man mal wieder einen Score von Hans Zimmer loben kann. Nachdem er dieses Jahr bereits in „The Amazing Spider-Man 2“ mit einer elektronischen Pop-Oper seine Vielseitigkeit unter Beweis stellte, komponiert er nun überraschend zurückhaltend und weckt in seinen besten Momenten Erinnerungen an Philip Glass‘ Meisterleistung in „Koyaanisqatsi“.

Die erkundeten Planeten stellen nicht nur Genre-Erfüllung der Abenteuerreise dar, sondern ergründen abseits des menschlichen Entdeckerwillens auch jeweils eine andere Fassade der Charaktere und ihrer Denkweisen. Dabei nimmt sich Nolan viel Zeit für die Erklärung wissenschaftlicher Hintergründe, die beinahe schon zu fachgenau ausfallen, als dass man sie als Laie versteht. Wie in „Inception“ weiß er aber, die Ideen sowohl nachvollziehbar als auch spannend-unterhaltsam zu visualisieren, was „Interstellar“ klar im Mainstream verankert und nicht in Tarkovsky ähnliche Arthouse-Gefilde eines „Solaris“ abdriften lässt. In gewisser Hinsicht übertrifft er „Inception“ sogar, als er nach dem ersten Planetenbesuch auf grausame Weise die Relativität von Zeit demonstriert und als Resultat dann auch endlich den Zuschauer emotional ergreifen kann. Was Cooper auf der Raumstation widerfährt, ist zutiefst berührend. Der Erfolg der Filmemacher liegt in diesem Moment nicht darin, dass ihr Charakter-Drama zündet, sondern dass der bloße Gedanke, in so einer Situation zu sein, berührt. Wer von „Wall-E“ schon überrascht war, dass man Tragik im Schicksal eines Roboters finde könne, wird umso verblüffter sein, plötzlich wegen eines Konzeptes heulen zu wollen. Gleiches gelingt noch einmal während des finalen Wendepunkts, der in einer fulminanten Parallelmontage alles zusammenführt. Darin stellt Nolan geschickt die Verbindung zu seinem Ausgangsthema her, was die Holprigkeit des Anfangs teilweise wieder ausgleicht, und findet gleichzeitig noch eine clever gewählte Umgebung, um auf die zeitlose Geltung des Geschichtenerzählens zu verweisen.

„Interstellar“ ist in vielerlei Hinsicht ein Film für Nerds. Via Quantenphysik und Zeit-Paradoxa wird über persönliche Themen geredet, die man sonst von Romanzen und Familiendramen kennt, die man aber durch Nolans mathematisch kalkulierende Sichtweise aus einer spannend andersartigen Perspektive betrachtet. Dies führt auch dazu, dass man mal nicht mit technophoben Warnungen überhäuft wird, die an eine Rückbesinnung auf alte Werte appellieren. Stattdessen wird der Zuschauer damit konfrontiert, dass technischer Fortschritt vielleicht unsere einzige Überlebenschance ist, was sich im Detail besonders schön durch die unkonventionelle Rolle des Roboters TARS widerspiegelt. Es wird immer gesagt, dass die besten Science-Fiction-Geschichten kritisch unsere aktuelle Gesellschaft reflektieren. Nolan hingegen beweist mit seinem Zukunfts-Opus meisterhaft, dass es genauso faszinierend und inspirierend sein kann, mit einer vorbildhaften Vision vorauszugehen und uns das Erstrebenswerte zu demonstrieren.