"Ip Man 2" (HK 2010) Kritik – Der chinesische Großmeister kehrt zurück

„Ich kann nicht zulassen, dass jemand unsere Kampfkunst beleidigt.“

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In ‚Ip Man‘ lernten wir 2008 den Meister des Wing Chun kennen, den Menschen, der nicht nur den legendären Kampfkünstler Bruce Lee zum hochangesehen Kämpfer und Filmhelden gemacht hat, sondern auch dem Wing Chun einen gehörigen Bekanntheitsschub geschenkt hat. Hier in Europa, ist Ip Man natürlich weniger bekannt, genau wie Kung-Fu, Ho Sin Do oder Aikido nur in kleinen, ausgewählten Gruppen erlernt werden kann, doch in Asien besitzt der am 1. Oktober 1893 in Foshan geborene Chinese einen Ruf, der auf der höchsten Ebene schwebt und in seinem ganzen Respekt für immer unantastbar sein wird. Im Jahr 2010 meldete Regisseur Wilson Yip sich mit dem zweiten Teil der ‚Ip Man‘-Reihe zurück und wir finden uns in China, Anfang der 50er Jahre, wieder. Die Invasion der Japaner wurde überstanden, doch die Folgen sind noch deutlich spürbar. Ip Man muss wieder bei null anfangen und sich seinen Respekt erneut aufbauen. Sein Plan: Er will eine Schule eröffnen und Wing Chun unterrichten, doch die Schüler bleiben vorerst weg, bis Wong auf dem Trainingsplatz eintrifft und nach und nach immer mehr Schüler mitbringt. Was Ip Man nicht weiß, er muss sich die Erlaubnis von den anderen Lehrern der Stadt holen und gegen diese im Kampf unter erschwerten Bedingungen antreten. Aber das ist noch nicht alles, denn auch die Engländer, mit ihnen auch der Boxer Taylor „The Twister“ Milos, der in einem Kampfturnier gegen die chinesischen Großmeister antreten will und keinen Respekt kennt, weder vor der Kultur, noch vor den Chinesen selbst.

Der größte Pluspunkt des Films, ist natürlich Hauptdarsteller Donnie Yen, der wieder die Rolle des Großmeister Ip Man verkörpert und das, genau wie im Vorgänger, mit viel Charisma tut. Ohne jegliche Selbstdarstellungen, auf die andere Actionstars durch das Lüften ihrer stählernen Körper gerne zurückgreifen, bleibt Yen durchgehend zurückhaltend, sympathisch, aber ehrlich und konsequent. Wenn er seine Techniken auspacken muss, dann ist er stets bereit zum Angriff und immer für seine Freunde und Schüler da, die er mit dem eigenen Leben beschützt. Auch die Rolle der anderen Meister, darunter Hung-Chun-nam, der von Sammo Hung verkörpert wird, oder Lehrling Wong Leung, gespielt von Huang Xiamoing, sind passend besetzt. Mit der Besetzung des Boxer The Twister bekommt ‚Ip Man 2‘ jedoch gehörige Probleme. Darren Shahlavi, der die Rolle des Boxer spielt, ist so dermaßen aufgesetzt und nervig, das man seine Darstellung schon nicht mehr als ironisch überzogen bezeichen kann, sondern durch sein extremes Overacting so manches Mal den Kopf entnervt schütteln und das Fremdschämen überwinden muss.

Visuell spielt auch ‚Ip Man 2‘ in der oberen Liga und Kameramann Poon-Hang-sang versteht es durchaus, die Aufnahmen in das nötige asiatische Feeling zu tauchen. Auch Kenji Kawais Score macht erneut einiges her und lässt den chinesischen Patriotismus zwar nicht gänzlich aus, passt sich aber erneut dem Film und der Atmosphäre gekonnt an. Und auch die Handlung selbst kann uns in der ersten Hälfte des Films voll überzeugen, wenn der ehemalige Großmeister Ip Man wieder auf dem Boden der Tatsachen steht, keinen Ruhm von der Bevölkerung mehr genießen kann und die Geldsorgen die Familie Tag für Tag quälen. Er muss sein Können erneut beweisen, die Gunst der anderen Meister gewinnen und sowohl Verantwortung für seine Familie, als auch für seine Schüler übernehmen, die durch ihre unkontrollierte Art des Öfteren in Probleme geraten.

Wenn Ip Man dann auf die anderen Meister trifft, und diese ihn dann zum Kampf herausfordern, verliert Regisseur Yip langsam die Fäden aus den Händen. Wie schon in Teil 1 lässt er zig Charaktere in die Story gleiten, nur um sie irgendwann einfach zu vernachlässigen. Ohne Frage, die Kämpfe selber sind wieder hervorragend choreografiert worden und wenn Ip Man seine Techniken vorführt, dann ist es eine reine Freude ihm beim Kämpfen zuzusehen, doch die Klarheit und der Charme gehen nun in eine unrealistischere Richtung, denn die Sprünge werden höher und das Faustgewitter lauter. Dann wäre da noch die unglaubwürdige Tatsache, dass ein Boxer gegen Kung-Fu/Wing-Chun-Meister antritt und denen die Hucke voll haut. Sicher sind im Boxsport die Techniken auch wichtig und das Abwechseln aus Dampfhammerschlägen und dem Tänzeln eine eigene Kunst, doch gegen die perfekte Körperbeherrschung eines Ip Mans, sollte ein solcher Prügelknabe keine Chance haben. Was nun nicht heißen soll, dass Regisseur Yip für Überraschungen gut ist, im Gegenteil, die Story ist an Vorhersehbarkeit kaum zu schlagen und jegliche Innovationen gegen im Gebrüll des nervigen Sturmboxers einfach unter.

Fazit: Lauter, größer und mal wieder schlechter. Die alten Merkmale einer Fortsetzung, die auch auf ‚Ip Man 2‘ zutreffen. Ip Man springt durch die Lüfte, tritt seine Gegner durch die Gegend, nimmt es mit unzähligen Männern auf, die allesamt mit einer Machete bewaffnet sind und er selbst hat nur eine Palette in der Hand. Dazu ein grottenschlecht schauspielender Endgegner und eine durchsichtige Story, die dem tollen Hauptdarsteller, der starken Optik und dem feinen Score zwar nicht gänzlich zerstören, aber den Gesamteindruck doch ziemlich unter den des ersten Teils schrauben. Kein schlechter Film, aber auch kein sonderlich guter, für Fans des Kampfsportes geeignet, für wirklich interessierte an Ip Mans Biografie jedoch nicht, auch wenn es am Ende eine nette Bruce Lee-Szene gibt, die durchaus ein Lächeln rechtfertigt.

Bewertung: 5/10 Sternen