"Ip Man" (HK 2008) Kritik – Die Geschichte eines unantastbaren Meisters

„Ich bin nur ein Chinese.“

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Wenn wir in Deutschland Lust auf einen legalen Kampf haben, oder besser gesagt, Interesse haben, einem solchen Kampf zuzuschauen, dann finden wir uns entweder beim Boxen, oder auch beim Wrestling wieder, wobei man bei letzterem die Unterschiede zwischen Deutschland und Amerika ganz deutlich erkennt. Mehr Möglichkeiten bleiben nicht wirklich und auf die Straßen gehen und selber einen Kampf anzuzetteln ist wohl nicht unbedingt der beste Weg. Viel ansprechender sind die Kampfkünste, die man im fernen Osten, oder allgemein in asiatischen Gefilden entdecken kann. Von kompromisslosen Prügeleinheiten wie auch im MMA ist hier nichts zu finden. Wir sprechen in diesen Ländern von Kung-Fu, Tai-Chi, Tequando, Ho Sin Do, Aikido, Judo, Karate oder Wing Chun, die die Faszination des Kämpfens nicht aus ausartender Brutalität ziehen, sondern das Kämpfen zur Kunst machen, die nicht selten auch nur der Selbstverteidigung als Zweck dienen. Ebenso ansprechend sind natürlich auch Filme über Kampfkünstler und im Jahr 2008 inszenierte Regisseur Wilson Yip mit ‚Ip Man‘ einen Film über den Meister des Wing Chun.

‚Ip Man‘ erzählt uns die wahre Geschichte des Kampfkünstlers Ip Man und beginnt damit im China der 30er Jahre. Hier lebt der gutbetuchte Ip Man mit Frau und Kind in seinem großen Haus und genießt den Respekt von Foshan, die dem ruhigen Mann aufgrund seines unantastbaren Könnens verehren. Jeder möchte in die Lehre bei ihm gehen, doch Ip Man hat keine Lust eine Schule zu führen, denn auch seine Frau findet es nur noch störend, dass ihr Mann ein so fantastischer Kämpfer ist und seine Zeit nur mit dem Kämpfen verbringt, anstatt sich auch mal um den kleinen Son Ip Chun zu kümmern. Als jedoch der aufbrausende Meister Jin Shan Zhao mit seinen Leuten nach Foshan kommt und einen Kampfkunstlehrer nach dem anderen auseinandernimmt, muss Ip Man zeigen, was in ihm steckt und den Ruf der Stadt wiederherstellen. Dann gibt es einen Sprung in das Jahr 1937, in dem es zum Japanisch-Chinesischen Krieg kommt. Den Chinesen, darunter natürlich auch Ip Man und seine Familie, wird der Lebensraum genommen und sie werden in die Unterdrückung gezwängt. Als Ip Man jedoch Arbeit in einem Kohlewerk bekommt, bemerkt er, dass ein japanischer General immer wieder Kämpfer aus dem Lager rekrutiert, die gegen ihn oder andere japanische Kämpfer antreten sollen. Als sich Ip Mans Freund Wu Chi Lin freiwillig zu einem Kampf meldet, aber nicht mehr zurückkehrt, muss Ip Man wieder zur Tat schreiten und seinen guten Freund rächen. Er beweist sein beeindruckendes Können und hat nicht nur die stille Anerkennung des Generals gewonnen, sondern diesen auch zum Kampf angestachelt, doch Ip Man will nicht kämpfen. Aber weder der Meister Jin Shan Zhao will Ruhe geben, als auch die japanischen Truppen. Ip Man muss kämpfen, auch wenn er weiß, mit welchen Mitteln die Japaner bei einer Niederlage ihrer Männer mit ihm umgehen werden.

Sicher, die Story selbst ist nichts Besonderes, aber die Aufmachung und das Ganze Drum und Dran wissen vollkommen zu überzeugen. Das fängt mit der visuellen Klasse an, die durch Kameramann Sing-Pui O in kunstvolle Farben getränkt wurde, um sich in Kriegszeiten in grau-leblosen Tönen wiederzufinden, die die Atmosphäre der Zeit in China passend darstellt. Noch besser ist jedoch der Score von Kenji Kawai, der nicht nur die Kraft des Kämpfers Ip Man bündelt, sondern in seinen besten Momenten sogar episches Ausmaß erreicht und den Film einfach hervorragend begleitet. Als Ip Man sehen wir Donnie Yen, für den das Kampfkunst-Genre kein neues war. Yen kann mit seiner sympathischen und unscheinbaren Ausstrahlung ohne Probleme seinen Charakter ausfüllen, um dann im nächsten Moment auf dem Bildschirm zu explodieren. Yen ist hier natürlich Dreh und Angelpunkt des Films und alles andere läuft quasi neben ihm her, doch die Nebenrollen können sich durchaus als passend besetzt bezeichnen. Da hätten wir Siu-Wong Fan als Jin Shan Zhao oder auch Simon Yam als Zhou Qing Quan.

„Bringst du mir das Kämpfen bei?“ – „Hast du denn nichts anderes zu tun?“

Was könnte im Kampfkunstbereich interessanter sein, als den Ausbilder vom großen Bruce Lee in seiner Blütezeit noch einmal zu erleben? Wahrscheinlich nichts. Mit ‚Ip Man‘ wird uns das von Regisseur Wilson Yip ermöglicht, wobei man an dieser Stelle noch einmal klar erwähnen muss, um falsche Erwartungen zu vermeiden, das Bruce Lee mit dem Film rein gar nichts zu tun hat und nur in einem beiläufigen Satz am Ende erwähnt wird. Es geht hier ganz klar um die Person Ip Man selbst, den Ausbilder, den Großmeister des Wing Chung, ein respektvoller, sympathischer, ehrlicher und ruhiger Kämpfer, der durch seine Art sofort angenehm umgänglich gemacht wird. Ip Man ist der Beste, unschlagbar, so scheint es, doch er gibt mit seinem extremen Können zu keiner Sekunde an, sondern hält sich durchgehend bedeckt. Wenn es jedoch sein muss und der Spaß verflogen ist, dann platzt er aus allen Nähten und schlägt mit einer brachialen Härte zu, die seine Gegner im besten Fall nicht ins Grab bringt, sondern nur auf dem Boden pflastern.

In ‚Ip Man‘ finden wir uns anfangs in der Vorkriegszeit wieder, in der Yip noch mit einer locker-unbeschwerten Art umgeht, um uns dann mit der Invasion der Japaner zu konfrontieren, die ein Land zerstörte und damit auch die feinen Lebensumstände von Ip Man vollkommen zerbrichen. Vom reichen Vorbild, wird er zum armen Vater, der sich durch die Straßen treiben muss, um irgendwie Geld zu verdienen. Die klaren Highlights in ‚Ip Man‘ sind jedoch die fantastisch choreografierten Kampfszenen, die so kunstvoll und stilsicher in Szene gesetzt wurden, dass es eine wahre Freude ist ihnen zuzusehen. Was ‚Ip Man‘ aber ein wenig schadet ist, das Wilson Yip immer wieder nebensächliche Charaktere einbaut, die den Film nicht weiterbringen und dann vom Regisseur einfach rechts liegen gelassen werden. Hätte sich Yip mehr auf die Dramatik von Ip Man und seiner Familie konzentriert, die sich zwischen hoffnungsloser Unterdrückung und unsterblicher Ehre wiederfindet, dann wäre durchaus mehr drin gewesen. Nichtsdestotrotz ist ‚Ip Man‘ ein überaus unterhaltsamer und spannender Film.

Fazit: ‚Ip Man‘ hat alles, was ein guter Eastern braucht: fantastische Kampfszenen, einen sympathisch ansprechenden Hauptdarsteller und eine berauschende Optik, die genau die Umstände der Zeiten wiederspiegelt. Wären nicht die Nebenstränge und beiläufigen Charaktere, die schnell aus dem Film fallen und immer nur angeschnitten wurden, dann hätte ‚Ip Man‘ das Zeug zum wirklich großen Film gehabt. So bleibt ein überaus sehenswerter Streifen, der unterhält und auch den dramatischen Grundkern nicht aus den Augen verliert.

Bewertung: 7/10 Sternen