"Irreversibel" (FR 2002) Kritik – Gefangen zwischen Schmerz und Sinnlosigkeit

„Willst du dich rächen oder willst du, dass er in den Knast kommt?“

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Nach seiner provokanten und extremen Gesellschaftskritik ‚Menschenfeind‘ setzt Regisseur Gaspar Noé mit ‚Irreversibel‘ 2002 genau auf diesem Härtelevel wieder an und schleudert uns einen Film entgegen, der den Zuschauer genau da erwischt, wo es ihn am meisten schmerzt. Und dieser Schmerz bleibt.

Die Kameraarbeit von Benoît Debie beginnt absolut irre, anstrengend und äußerst eigenwillig. Das Bild dreht sich unaufhaltsam in alle Richtungen und treibt den Zuschauer in wahre Schwindelgefühle. Doch je näher wir dem Anfang kommen, desto ruhiger werden auch die Aufnahmen. Der Soundtrack von ‚Irreversibel‘ ist nicht minder gewöhnungsbedürftig. Thomas Bangaltes Musik dröhnt und brennt sich in die Köpfe und lässt nicht nur einmal Gänsehaut aufkommen. Selten hatte ein Film eine derartig bedrohliche und erschreckende Atmosphäre, die den Zuschauer einfach nur verängstig. Man wird von einem ständigen Unwohlsein begleitet.

Mit Vincent Cassel in der Hauptrolle haben wir einen Schauspieler, der nicht nur in Frankreich bekannt ist, sondern längst ein internationaler Star ist. Cassel spielt Marcus und füllt seinen Charakter mit unglaublicher Verzweiflung und unbändiger Wut, die man in jedem Moment spürt. Monica Bellucci als Vergewaltigungsopfer Alex holt ebenfalls alles aus ihrer Rolle und vor allem ihr mehr als realistisches Schauspiel in der Vergewaltigungs-Szene ist erschreckend und unvergesslich. In den kleinen Nebenrollen können auch Albert Dupontel als Ex von Alex und Jo Prestin als Täter Le Tenia überzeugen.

Marcus und Alex sind nicht grade ein Paar, das nur so vor Sympathie strotzt. Marcus nimmt Drogen, Säuft, verliert die Kontrolle über sich und zeichnet sich gerade durch eine charmante und einfühlsame Art aus. Auf der Party, zu der er mit Freundin Alex und ihrem Ex-Lover Pierre fährt, zieht er Toilette nicht nur Kokain, sondern knutscht auch noch mit zwei Frauen rum, während seine schwangere Freundin versucht Spaß zu haben. Sie stoßen danach wieder aufeinander, es kommt zum Streit und Alex beschließt allein nach Hause zu fahren. Eine Entscheidung, für die sie noch büßen wird. In einer Unterführung wird sie von vom widerlichen Zuhälter Le Tenia aufs brutalste vergewaltigt und missbraucht. Als Marcus von der Vergewaltigung Wind bekommt, fühlt er nur noch ein Gefühl: Rache. Und dieses Gefühl führt ihn in einen SM-Club für Schwule, bei dem sein Zorn den Falschen trifft und alles endgültig aus dem Ruder laufen lässt…

Gasper Noé ist kein Geschichtenerzähler, niemand der lange um den heißen Brei redet. Er will den Zuschauer nicht langsam auf einen schweren Moment vorbereiten, der zwar wehtut aber nicht weiter schadet. Eher das genaue Gegenteil. Wo ‚Menschenfeind‘ uns vor allem in extremen Hasstiraden in Monologform bombardierte und die körperliche Gewalt nicht den direkten Vortritt bekam, schlägt uns ‚Irreversibel‘ direkt und ohne Vorwarnung in die Magengrube.

Wie wir es von ‚Memento‘ kennengelernt haben, so erzählt ‚Irreversibel‘ seine Geschichte ebenfalls von hinten nach vorne. Das Ende ist der Anfang. Der Schluss ist der Start. Wir werden in die Jagd nach dem Täter gestoßen. Das Bild ist verrauscht und feurig. Die Kamera kennt keinen Stillstand und dreht dem Zuschauer schnell den Magen um. Marcus dringt immer tiefen in den Schwulenclub Rectum, in dem sich irgendwo der Vergewaltiger befindet. Gefangen in einer Hölle aus blanker Abgründigkeit, explodiert die Suche in einem Rausch aus sexuellen Trieben und abstoßender Gewalt. Und diese Gewalt, diese unbeschreibliche Brutalität, trifft einen Unschuldigen, während das Scheusal lächelnd in der dunklen Ecke lauert.

Wir erwähnt, sympathisch sind die Charaktere in keinem Fall, dafür lässt Noé keine Charakterisierung und Nähe zu. Wir sehen eine Bestandsaufnahme aus einem Abgrund, bei dem wir nie dazugehören wollen, uns aber zu keiner Zeit entziehen können. Das wir uns nicht mit den Figuren verbinden können, liegt an erster Stelle natürlich auch an der Erzählweise, in der wir das Verhalten von Marcus, seine Wut, die blanke Verzweiflung und die größten Rachegefühle, nicht nachvollziehen können. Wie ein Tier rast er durch die Dunkelheit, auf der Suche nach diesem einen Menschen. Der eine, der für seine Tat bezahlen muss und doch nie bestraft wird.

Den verstörenden und gleichermaßen schockierenden Höhepunkt findet ‚Irreversibel‘ in seiner 10 minütigen Vergewaltigung, die an Realismus und Intensität nicht mehr zu überbieten ist. Die Kamera hält drauf, ohne Gnade, Schnitte gibt es sowieso keine und der Moment wird zum nie enden wollenden Alptraum. Doch wer nach besagter Vergewaltigung erst mal verschnaufen will täuscht sich. Alex wird von Le Tenia noch aufs übelste verprügelt und misshandelt, das der Zuschauer, dem längst der Atem fehlt, endgültig in seiner inneren Leere begraben wird. Die restlichen gut fünfzig Minuten, die uns die Zeit vor der Tat zeigen, können in keinem Moment als Entspannung oder Entschädigung angenommen werden. Man sieht sie zusammen lachen, lieben, leben. Doch längst weiß man wie alles Enden wird und das zerreißt den Zuschauer von Minute zu Minute mehr. Bis er im flackernden Schlussbild zerfällt und die Verlorenheit gewonnen hat. Von Erlösung keine Spur.

„Der Mensch hat das Recht auf Rache.“

Gaspar Noé zeigt uns glasklar, das sich Rachegefühle, die hier zwar vollkommen verständlich, natürlich und menschlich sind, als sinnlos erweisen. Genauso wie die Tat selbst, die in Sinnlosigkeit gipfelt und uns zu keiner Zeit eine Begründung gibt. Weil es einfach keine gibt. Das Herz der Finsternis, das dunkelste im Menschen hat sich geöffnet und uns Stück für Stück eingenommen. Die Zeit zerstört alles. Die Zeit verändert nichts. Die Zeit heilt keine Wunden und zerfrisst uns alle.

Fazit: ‚Irreversibel‘ ist ein brettharter und schrecklich intensiver Alptraum, der uns vorführt, wie hilflos wir uns selbst ausgeliefert sind. Noé inszeniert einen selbstzerstörerischen, impulsiven, grausamen und doch faszinierend Trip durch die Nacht, der mit seinen starken Darstellern, der kranken Kameraführung und der bedrängenden Musik weit weg vom Mainstream ist. Für ‚Irreversibel‘ sollte man mit einigen Wassern gewaschen sein, denn hier gibt es keine Schönheit, sondern nur das Chaos.

„Blut schreit nach Rache.“

Bewertung: 9/10 Sternen