"J. Edgar" (USA 2011) Kritik – DiCaprio at his best

„Do I kill everything that I love?“

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Ganz groß, aber nicht ohne den einen oder anderen Makel, so lässt sich „J. Edgar“ wohl am besten resümieren. Was der mittlerweile 81-jährige Clint Eastwood aus Leonardo DiCaprio herauskitzelt, ist unfassbar, nur die epische Erzählweise dürfte einige Zuschauer in den Tiefschlaf versetzen. Das allerdings ist keineswegs böse gemeint, denn die Inszenierung ist perfekt, nur muss man sich für historische, speziell amerikanische Themen interessieren, um an dem neuesten Werk des Altmeisters gefallen zu finden.

„J. Edgar“ erzählt den Aufstieg des, wie aus dem Titel bereits erkennbar sein dürfte, FBI-Gründers J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) und die damit verbundene Entwicklung der amerikanischen Kriminalgeschichte und das damit einhergehende Privatleben von Hoover selbst. Er war ein Mann mit einer Vision, mit einer Idealvorstellung des Staates USA, aber eine ebenso gespaltene Persönlichkeit zwischen Imagebetrug und Homosexualität. Diese äußerst vielschichtige Figur weiß DiCaprio dermaßen gekonnt zu verkörpern, dass ihm eine Oscar-Nominierung sicher sein dürfte und die Auszeichnung hätte er sicherlich verdient.

Es ist aber nicht nur die äußerst einnehmende Performance von DiCaprio, welche „J. Edgar“ zu einem besonderen Film macht, sondern ebenso die detailverliebte, historisch sehr akkurate Inszenierung. Welcher Mensch Hoover wirklich war, dürfte, wie im Film sehr schön verdeutlicht, schwer nachzuweisen sein. Das nutzt Eastwood zu seinem Vorteil und zeichnet eine spannende Figur mit Ecken und Kanten, ohne jedoch dabei die historischen Fakten zu vernachlässigen. Den Kampf um die Weiterentwicklung kriminalistischer Methoden wird dabei ebenso thematisiert wie die Ermittlung gegen den Babykidnapper und -mörder Bruno Hauptmann.

Wunderbar hervorgehoben wird auch, dass Hoover eine dramatische Persönlichkeit war. Ein Mann, dem es schwer fiel, Liebe zu zeigen und der Probleme mit seiner Selbstdarstellung- und -reflektion hatte. Was mir nicht ganz gemundet hat, war die rührselige Schiene, welche Eastwood am Ende des Films einschlägt, aber diese sei verziehen, denn selten hat man im Kino eine ehrlichere Darstellung eines amerikanischen Revolutionärs gesehen, denn ein Revolutionär war Hoover ohne Zweifel, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne. So unpassend das tränenreiche Ende dann letztendlich scheint, so sehr hat es mich auch berührt. Das mögen die einen als Schwäche sehen, für mich hat Eastwood eine grandiose Leistung abgeliefert, denn er lässt eine wichtige Zeit und eine noch wichtigere Person aufleben, und das sehr detailliert und kritisch. So etwas erlebt man ja heutzutage in Hollywood nur noch selten. Dass der historische Part dermaßen detailliert wiedergegeben wird, hat aber auch einen Nachteil: Zu viele Punkte werden nur grob behandelt und nicht genauer beleuchtet. Am besten also nach dem Film sich noch selbst ein wenig informieren, denn Eastwood hat hier eine tolle Vorarbeit geleistet und zumindest bei mir das Interesse an der amerikanischen Geschichte und Politik wiedererweckt.

Fazit: „J. Edgar“ ist ein zu Teilen saustarkes Portrait, welches durchaus das Zeug zum Meisterwerk gehabt hätte. Ein wenig mehr hätte man noch auf die historischen Geschehnisse eingehen und dafür das Privatleben kürzer halten können. Das teils sehr schwächelnde Skript wird durch DiCaprios brillante Darstellung mehr als nur ausgeglichen, denn es macht einfach Spass ihm beim Schauspielen zuzusehen. Bleibt letztendlich nur noch zu verkünden: Yay, Clint Eastwood hat es doch noch drauf.

Bewertung: 7/10 Sternen