"Jack Reacher" (USA 2012) Kritik – Tom gegen alle

Autor: Stefan Geisler

„You think I’m a hero? I am not a hero. And if you’re smart, that scares you. Because I have nothing to lose.“

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Tom Cruise scheint die Rolle des absoluten Agenten/Soldaten einfach auf den Leib geschrieben zu sein – das jedenfalls könnte man glauben, wenn man einen Blick auf die bisherigen Arbeiten des Hollywood-Stars wirft. Dabei dürfte der Scientology-Strahlemann auf Grund seiner Körpergröße von 1,70 Metern in diesem Berufszweig eigentlich eher schlechte Karten haben. Natürlich kommt es im Endeffekt nur darauf an, wie man sich verkauft und das Cruise weiß, wie man den Super-Agenten erfolgreich verkauft, ist kein Geheimnis, schließlich ist er 2011 bereits zum vierten Mal in der Rolle des knallharten Agenten Ethan Hunt zu sehen gewesen. Und auch wenn die negativen Schlagzeilen der letzten Zeit Cruises Popularität einen leichten Dämpfer verpasst haben, scheint Superagent-Cruise bei den Kinozuschauern nach wie vor gefragt zu sein. Schließlich spielte der neuste „Mission: Impossible“-Ableger „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ weltweit über 695 Millionen US-Dollar ein und war damit sogar der erfolgreichste Teil der Reihe. Kein Wunder also, dass auch „Jack Reacher“ nach dem bewährten „Cruise gegen den Rest der Welt“-Prinzip funktioniert – originell ist anders, Spaß macht es stellenweise aber trotzdem.

Auf offener Straße werden fünf Menschen von einem Scharfschützen geradezu hingerichtet. Das Motiv: Unbekannt. Auch sonst besteht zwischen den Opfern kein offensichtlicher Zusammenhang. Als die Polizei den mutmaßlichen Täter und Ex-Army-Scharfschützen James Barr (Joseph Sikora) festnimmt, spricht dieser kein Wort, lediglich die Worte „Holt Jack Reacher“ kritzelt der Verdächtige auf ein Stück Papier. Unglücklicherweise ist der ehemalige Militärpolizist Jack Reacher (Tom Cruise) bereits seit Jahren unauffindbar. Noch bevor die Polizei eine Idee hat, wie sie an den verschollenen Reacher herankommen soll, tritt dieser selbst in Erscheinung und beginnt mit den Ermittlungen.

Jack Reacher entspringt dem Geist des britischen Autoren Lee Child, der den ehemaligen Militärpolizisten bereits seit 1997 knifflige Fälle lösen lässt. Und auch wenn Tom Cruise seinem Vorbild äußerlich in keinster Weise ähnelt, denn der Roman-Reacher ist ein Hüne von 1,96 Metern, 100 Kilogramm schwer und hat tiefblaue Augen, die jedes Frauenherz zum Schmelzen bringen, erledigt er seine Aufgabe gut. Cruise gibt hier nicht den bierernsten Ermittler der alten Schule, sondern löst seinen Fall betont lässig. Schließlich ist Jack Reacher ein überlegener Charakter: Ein ultimativer Ermittler, ein Mann, der sowohl Muskelkraft als auch Charisma in sich vereint und auch in den brenzligsten Situationen immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Glücklicherweise scheint sich Regisseur Christopher McQuarrie („The Way of the Gun“) aber durchaus bewusst, dass man den kecken Übermensch-Agent nicht gänzlich für voll nehmen kann und lockert den ernsten Grundton des Films immer wieder durch kleine komische Momente auf.

Leider verzichtet Regisseur und Drehbuchautor McQuarrie darauf, das Rätsel um die fünf niedergeschossenen Passanten so lange wie möglich am Leben zu halten und so verpufft diese durchaus spannende Grundidee nach und nach im leeren Raum und ist letztendlich nicht mehr als die simple Steilvorlage für ein temporeiches Tom-Cruise-Finale. Hier liefert sich der beinharte Ermittler nicht nur eine furiose Verfolgungsjagd im „Drive“-Stil mit der Polizei, sondern nimmt es auch noch fast im Alleingang mit den skrupellosen Verbrechern auf. Nichts weltbewegendes, aber solide Action-Unterhaltung.

Schwung und etwas Abwechslung in die Tom-Cruise-Solo-Show bringen die hochkarätig besetzten Nebencharaktere. Neben Rosamunde Pike („Barney’s Version“) als toughe Karrierefrau, die selbst ihrem unfehlbaren Gegenpart Jack Reacher problemlos das Wasser reichen kann, überzeugt vor allem Robert Duvall („Open Range – Weites Land“) als alternder Scharfschütze, der für die gerechte Sache auch gerne noch einmal selber in Aktion tritt. Zweifelhaftes Highlight in „Jack Reacher“ bleibt jedoch Werner Herzog als Ex-Strafgefangener und Oberbösewicht „The Zec“. Eigentlich soll Herzog den mächtigen Strippenzieher im Hintergrund verkörpern, einen nebulösen Schattenmann mit düsterer Vergangenheit. Doch wenn Herzog mit deutschem Akzent und stocksteifen Schauspiel von seiner Zeit im Strafgefangenenlager erzählt, in der er sich selbst einiger Finger entledigte, um der Knochenarbeit zu entgehen, sorgt das besonders bei eingefleischten Cineasten nicht für Gänsehaut-Momente, sondern eher für ausgelassene Heiterkeit.

Fazit: Auch wenn „Jack Reacher“ als spannender Thriller beginnt, tritt der eigentliche Fall nach und nach in den Hintergrund, um Platz für den Hauptcharakter Jack Reacher zu schaffen. Spätestens dann wird aus einem interessanten Thriller eine reine Cruise-Solonummer, die nur für eingefleischte Fans des „Mission: Impossible“-Zugpferds wirklich interessant sein dürfte.