"Jarhead" (USA 2005) Kritik – Jeder Krieg ist anders. Jeder Krieg ist gleich.

„Eine Geschichte: Ein Mann feuert viele Jahre mit seinem Gewehr, und zieht schließlich in den Krieg. Danach gibt er sein Gewehr in der Waffenkammer ab und denkt, dass er ab jetzt nichts mehr mit dem Gewehr zu tun hat. Doch ganz egal was er ab jetzt mit seinen Händen tut, ob er eine Frau liebt, ein Haus baut oder die Windeln seines Sohnes wechselt, seine Hände vergessen das Gewehr nie.“

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Nachdem Sam Mendes mit seinem Debütfilm ‚American Beauty‘ 1999 nicht nur bei den Kritiker für Jubelstürme gesorgt hat, sondern auch bei den Kinogängern einschlug und unzählige Preis einstecken konnte, war jedem bewusst, dass Mendes eine der großen des Geschäfts werden könnte. Mit ‚Road to Perdition‘ konnte er die Klasse zwar nicht nochmal erreichen, einen guten Mafiafilm inszenierte er trotzdem und gab vor allem Tom Hanks eine Rolle, die ihn nicht in die das typische Hollywoodmuster drückte. Die Erwartungen an seinen dritten Film waren dementsprechend groß und als bestätigt war, das Mendes sich dem Irak-Krieg annimmt, durfte die Vorfreude noch größer sein. Mit ‚Jarhead‘ zeigte er uns wieder, dass er sich in vielen Genres heimisch fühlt und inszenierte ein durchgehend ehrliches Anti-Kriegs-Drama.

Nach der schweren und ernüchternden Grundausbildung dient Sergeant Swoff nun als Scharfschütze in den Wüsten des mittleren Ostens. Die unerträgliche Hitze kennt keine Gnade und kein richtiger Schutz vor irakischen Soldaten spannt die Männer an. Swoff und die anderen Marines befinden sich einer schweren Lage: sie werden zum Töten ausgebildet und befinden sich in einem Krieg, in dem sie nicht gegen andere Soldaten kämpfen, sondern gegen sich selbst.

Nach dem visuellen Leckerbissen ‚Road to Perdition‘ knöpft ‚Jarhead‘ in Sachen Optik wieder genau dort an und spielt in der ersten Liga. Die hervorragenden Bilder von Roger Deakins, die immer nah am Geschehen sind und Aufnahmen der unendlich erscheinenden Wüste oder den brennenden Ölquellen, die den Sand schwarz färben, sind einfach grandios. Doch nicht nur die Optik punktet hier, sondern auch die Liederwahl ist abwechslungsreich und passt sich dem Film trotzdem immer toll an. Von Nirvana mit „Something in the way“ über Klassiker wie „Get it on“ oder „Horse with no name“, bis hin zu Kanye Wests „Jesus Walk“, welches im Abspann gespielt wird.

Als Anthony „Swoff“ Swofford sehen wir Jake Gyllenhaal, der sich vorher in Filmen wie ‚Donnie Darko‘ und ‚Moonlight Mile‘ beweisen konnte. In ‚Jarhead‘ setzte er aber noch locker einen drauf. Er zeigt sein ganzes Können und spielt die Emotionen zwischen freundlich entspannt bis verzweifelt wutentbrannt ganz stark aus. Peter Sarsgaard spielt Swoffs Scharfschützen-Partner Troy. Sarsgaard bekam zwar nicht die gleiche Zeit wie Gyllenhaal geschenkt, füllt seinen durchaus interessanten Charakter aber ebenfalls gut aus. Dann wäre da noch Jamie Foxx als Staff Sergeant, der sich vor allem durch seine knackigen Sprüche auszeichnet und für den einen oder anderen Lacher sorgt, ohne dabei seine Seriosität zu verlieren. In den kleinen Nebenrollen sind dazu noch Schauspieler wie Chris Cooper oder Lucas Black zu sehen.

Man meldet sich bei der Armee, weil man für sein Vaterland kämpfen möchte. Doch denkt man im vorher überhaupt darüber nach, welchen schwerwiegenden Weg man damit einschlägt? Man wird in der Ausbildung zur Killermaschine erniedrigt, gedemütigt, von den Kameraden missachtet oder verspottet und das einzige was einen noch bei Kräften hält, sind die Gedanken an die Heimat. An die Familie, die Freundin/Frau oder die Freunde, die auf einen warten, wenn man wieder zurückkommt. Die Männer, manche von ihnen nicht mal volljährig, werden in einen Krieg geschickt, den niemand verstehen kann. Mit antreibenden Reden werden sie euphorisch, wollen dem Feind auslöschen, doch dabei bemerken sie nicht, dass sie selber ihr größter Feind sind. Der Drang zu töten wächst und muss befriedigt werden, doch die Lage sieht hier ganz anders aus. Niemand greift an, es herrscht nur die unmenschliche Hitze und die grauenhafte Langeweile. Die Stimmung spannt sich an und nach einer gewissen Zeit, möchte man einfach nur noch alleine sein. Unmöglich. Wenn man in dieser Lage dann noch die Nachricht bekommt, dass die eigene Freundin Schluss macht, während man selber am wohl gefährlichsten Ort der Welt verkommt, ist das ein emotionaler K.O.-Schlag. Dieses authentische Bild zeichnete Sam Mendes mit ‚Jarhead‘ und zu einer der eindringlichsten Szenen gehört der Moment, wenn ein Kamerad von Swoff ein Videoband geschickt bekommt, auf dem die Freundin dieses Kameraden beim Sex mit einem anderen Mann zu sehen ist. Swoff besteht darauf, das Band noch einmal zu sehen und gibt folgende Begründung: „Ich will wissen wie das ist zu sehen, wie einer deiner eigene Freundin vögelt.“ Es gibt keinen Ausweg mehr und obwohl diese Männer in keine Kriegshandlung gezogen wurden, sind sie Opfer dieses Krieges geworden.

„Eine Geschichte. Ein Mann feuert viele Jahre mit seinem Gewehr, und zieht schließlich in den Krieg. Danach kehrt er nach Hause zurück, und er stellt fest, egal was er ab jetzt in deinem Leben tut, ob er ein Haus baut, eine Frau liebt, die Windeln seines Sohnes wechselt, er bleibt für immer ein Jarhead. Und all die anderen Jarheads, das Töten und Sterben, wird immer ein Teil von mir sein. Wir sind immer noch in der Wüste.“

Sam Mendes inszenierte mit ‚Jarhead‘ einen Kriegsfilm, in dem es nur einen Krieg gibt: den Inneren. Er konzentrierte sich auf die Psyche der Soldaten und darauf, wie diese in Anbetracht der Langeweile, dem äußeren Druck und den schweren Zweifeln an sich selbst und an dem Einsatz langsam zerbrechen. Gebrochen und abgehärtet sollen sie Feinde umbringen, doch es passiert nichts. Sie wurden in ein Gebiet geschickt, in dem sie sich selber zu Feinden machten und die Kameradschaft, die eigentlich für Halt und Zuflucht in schwierigen Momenten stand, wird zum Pulverfass. Die Angst wächst gnadenlos vor dem, was aus den anderen Männern noch ausbrechen kann und vor dem, was vielleicht auf der Wüste wartet. Alles zerbröselt, jeder steht für sich alleine da und die abgestumpften Soldaten werden im Moment der Hoffnung mit weiteren Enttäuschungen bestraft. Trostlosigkeit, Hass, und Wut. Die schönste und zugleich schmerzhafteste Szene ist die, wenn Swoff die verkohlte Leiche eines Irakers durch die Wüste schleift und hinter ihm ein ölverschmiertes Pferd aus dem nichts auftaucht. Ein unglaublich intensiver und emotionaler Augenblick. Wenn die Männer heimkehren, sind sie nicht mehr die gleichen. Zerfressen von Erinnerungen, zerstört durch falsche Träume und traumatisiert von dem, was nie gewesen ist. Mit ‚Jarhead‘ ist Sam Mendes einer der wichtigsten Anti-Krieg-Filme der Neuzeit gelungen, den man gesehen haben sollte, denn Mendes zeigt hier die frustrierende Wahrheit und kehrt jeglichem Patriotismus den Rücken zu.

Fazit: ‚Jarhead‘ ist ein authentischer, ehrlicher und eindringlicher Film über den unsichtbaren Krieg, voller Verlangen und Schmerz. Die starken Schauspieler, die tolle Optik, der gut ausgewählte Soundtrack und Mendes ausgezeichnete Inszenierung machen ‚Jarhead‘ zu einem wirklich besonderen Anti-Kriegsdrama.

Bewertung: 8/10 Sternen