"John Wick" (CA/CN/USA 2014) Kritik – Keanu Reeves lässt sein Waffenarsenal sprechen

Autor: Pascal Reis

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„People keep asking if I’m back and I haven’t really had an answer, but yeah, I’m thinking I’m back.“

Vor gut drei Wochen mussten die erste herbe Enttäuschung des diesjährigen Action-Kinos hinnehmen: Olivier Megaton hat es mit „96 Hours – Taken 3“ mal wieder vermasselt und dem – angeblich – letzten Akt des EuropaCorp-Franchise einen reichlich ermatteten Deckel aufgesetzt. Aber sind wir mal ehrlich: Was soll uns das Genre in den nächsten Jahren schon noch sonderlich Großes bieten, was Gareth Evans‘ paralysierenden Rausch namens „The Raid 2“ in seiner unfassbaren Eigendynamik irgendwie das Wasser reichen könnte? Unser Filmsozialisation jedenfalls wurde an ihre Grenzen getrieben, um etwas Berauschendes in sich aufnehmen zu können und den neuen Standard in Sachen physischem Einschlag abzuzirkeln. Gefährlich und ebenso falsch wäre es nun allerdings, würde man an jeden neuen Action-Film mit genau den Erwartungen herantreten, die die indonesische Dampframme in gut 150-minütiger Spielzeit ohne Mühe überrundet hat. Und da kommen wir nun auf „John Wick“ zu sprechen, das Debüt der Stunt-Koordinatoren Chad Stahelski und David Leitch.

Das Schöne an diesem „John Wick“ ist, dass der Film niemals etwas anderes vorgibt zu sein, als er letztendlich auch ist: Strunzdoofer, aber teilweise in seiner Audovisualität wirklich herausragendes Action-Kino. Keanu Reeves darf da in die Rolle des titelgebenden (Anti-)Helden schlüpfen. Die ersten Bilder des Films schwelgen in einer fragmentarischen Traurigkeit und stellen die Weichen für Johns späteren Amoklauf: Wir sehen, wie seine Frau zusammenbricht, sehen die Beerdigung und den von Wolken verdunkelten Himmel und erfahren dann, dass der Hund, der John per Lieferanten überbracht wird, die – vorsorglich – letzte Verbindung zu seiner dahingeschiedenen Frau bedeutet. Nun kann man sich in etwa imaginieren, welch sentimentaler Wert an dem knuffigen Vierbeiner haftet und wie viele Schritte man zu weit gehen würde, wenn man diesem Hund ebenfalls die Lichter ausknipsen würde. So aber passiert es und ausgerechnet der Sohn (Alfie Allen) eines russischen Mobster (Jason Isaacs) zeigt sich für diese unrühmliche Tat verantwortlich.

Danach brechen dann auch alle zivilisierten Dämme: John frequentiert seinen Keller und schlägt einen Koffer voll Waffen und Goldmünzen aus dem Beton, um sich für das bevorstehende Gefecht zu wappnen. Keanu Reeves, auch schon mit 50 Lenze auf dem Rücken unterwegs, macht eine tolle Figur. Was dem Libanesen an schauspielerischer Pointierung fehlt, macht er durch seine körperliche Präsenz wieder wett und war sich ebenfalls zu stolz dafür, seine oftmals doch sehr akrobatisch anmutenden Skills prinzipiell von einem Stuntman ausführen zu lassen. Diese Initiative macht sich bezahlt, Reeves nimmt die Leinwand für sich in Anspruch und begräbt wie ein prustender Bulldozer alles unter sich, was sich ihm in den Weg zu stellen versucht. Wirklich interessant ist „John Wick“ dann, wenn er uns in ein Panoptikum urbaner Subkultur einfügt: Die Auftragskiller nämlich leben in einer Art normativen Paralleluniversum inmitten unserer Reihen, benutzen als Währung besagte Goldmünzen und lassen sich in einem ominösen Hotel einquartieren, wenn der nächste Mission auf sie wartet.

In diesen Szenen trägt „John Wick“ einen Graphic-Novel-Charakter mit sich, der auch in symbiotischer Beziehung zu den ekstatischen Gewaltausbrüchen funktioniert. In klinischen Blaufiltern wird John Wick zu dem Mann stilisiert, den sie zwar „Boogeyman“ nennen, in Wahrheit ist er es aber, den man konsultiert, wenn man den schwarzen Mann zur Schlachtbank zu führen gedenkt. Die schnieken Interieurs werden alsbald vom kontrastreichen Neonlicht in Beschlag genommen, Elektro- und Rockwellen blättern über der Tonspur auf und ab und „John Wick“ verarbeitet in einer Schneise der Zerstörung so viele Einflüsse, von John Woo bis zum Italo-Western, das man als Genre-Fan zuweilen wirklich geneigt ist, Applaus zu spenden. Sicherlich muss man sich aber ob der obligatorischen Spanne an Geschehnissen etwas zurückhalten, es ist im Endeffekt eben doch das Übliche, aber so stilsicher und mit zähnefletschend-lakonischer Grimmigkeit serviert, dass es ein echtes vorwärtsgewandten Hau-Drauf-Rache-Fest ist, dabei zuzusehen, wie alle diplomatischen Lösungsvorschläge überrannt werden und nur noch die niederen Instinkten gesetzgebend sind.