"Jung & Schön" (FR 2013) Kritik – Kann Prostitution auch seelische Freiheit bedeuten?

Autor: Pascal Reis

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„Es hat mir gefallen, mich zu verabreden.“

Francois Ozon gehört in die Reihe aktiver französischer Filmemacher, die nicht darauf erpicht sind, einer klaren thematischen Kategorisierung unterstellt zu werden. Ob der gebürtige Pariser nun in seinem nächsten Werk wieder eine beschwingte Komödie inszenieren wird, ein Loblied auf die Rhetorik, auf die Möglichkeit, sich seine eigene Welt zu erschaffen oder ob es dann doch einen abgründigen Thriller geben wird, bleibt von Mal zu Mal spannend. Sicher sind Ozons Arbeiten dabei nicht immer auf einer exakten qualitativen Stufe anzutreffen, interessant und vielseitig liest sich sein bisheriges Schaffen ohne Wenn und Aber. Mit seinem vierzehnten Film „Jung & schön“, der ihm gleichzeitig seine erst zweite Einladung für den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes einbrachte, erfindet sich der Autorenfilmer wieder neu und betritt informale Pfade, die man in dieser Form noch nicht von ihm gewohnt war.

Sommerferien, Urlaub bei idyllischem Sonnenschein an der Côte d’Azur und dazu ein Flirt mit einem gutaussehenden Deutschen namens Felix – Was kann es für ein 17-jähriges Mädchen Schöneres geben? Isabelle ist der Name dieses Mädchens und Felix wird auch zu dem Jungen, der ihr die Unschuld am Strand nehmen wird. Was sonst eigentlich als großes Ereignis im Tagebuch einer Pubertierenden eingetragen wird, lässt Isabelle nur teilnahmslos zurück. In Paris entscheidet sie sich schließlich dafür, ihren Körper für bare Gegenleistungen für all die Männer zur Verfügung zu stellen, die ihr die geforderten 300 Euro zustecken. Ihre Eltern wissen nichts von Isabelles Doppelleben, doch schon bald droht ihr Geheimnis aufzufliegen, nachdem es in einem Hotelzimmer zu einem schlimmen Zwischenfall kommt…

Das Cover offenbart Hauptdarstellerin Marine Vacth in einer Pose, die als eindeutiger Fingerzeig in Richtung „Belle de Jour“, dem einst so kontrovers aufgenommenen Klassiker des Meisterregisseurs und Surrealisten Luis Bunuel, zu deuten ist. 1968 war es Catherine Deneuve, die ihren nackten Körper auf kühle Laken bettete, um ihn dann aufzurichten und ihrem Freier ein Lächeln zu schenken. Dies ist jedoch nicht die einzige Verbindung zwischen Bunuels und Ozons Werken: Deneuves Séverine Sérizy war trotz ihrer Liebe zu ihrem Mann nicht in der Lage sexuelle Erfüllung mit ihm zu erfahren und flüchtete sich tagsüber in die Prostitution. Isabelle in „Jung und Schön“ ist nicht weniger auf der Suche nach Lebendigkeit, nach dem Abenteuer, das ihr das Gefühl gibt ein Mensch zu sein. Aber nicht falsch verstehen: Ozon ist beileibe kein sturer Bunuel-Eklektiker, dafür agiert der Mann doch immer noch viel zu individuell, sondern höchstens ein Kenner von Kenner von hochwertiger Kunst ohne Verfallsdatum.

Die Defloration Isabelles wird zum schicksalhaften Ereignis im Leben der 17-Jährigen: Anders, als man es sprichwörtlich noch zu sagen pflegt, wird Isabelle in dieser Nacht am Strand nicht zur Frau, Isabelle splittet sich dabei selbst in zwei Frauen, sie verfällt dem Prozess der Selbsttrennung, und wird auf ihre Weise immer auf der Suche nach sich selbst sein. In Paris nimmt das erschreckenderweise vom Leben bereits vollkommen gelangweilte Mädchen das Angebot zur (Hobby-)Prostitution an, während Ozon ihr sublimes Seelenleben stilistisch in vier Jahreszeiten gliedert. „Jung & schön“ beschreitet, anders als es das symbolische Opening noch vermuten lässt, in dem wir Isabelles nackten, vom Wasser noch feucht glitzernden Körper durch ein Fernglas erblicken, natürlich nicht den Pfad des Voyeurs, der sich an der Nacktheit, dem Verschmelzen zweier Individuen labt und ergötzt. Ozon wahrt Distanz, lässt den Zuschauer beobachten, will ihn aber nicht durch Laszivität stimulieren. Die Wahrhaftigkeit des Geschehens nämlich findet nicht sich nicht im Geschlechtsverkehr, sondern in den ambivalenten Gesichtszügen und Blicken seiner nach Freiheit gierenden Protagonistin.

Wie auch in Lars von Triers „Nymphomaniac Vol. II“, in dem Charlotte Gainsbourghs Joe mit Erschrecken feststellen muss, dass ihre Vagina augenscheinlich taub geworden ist, ist Isabelle ein introvertierter Gegenentwurf dieser Erkenntnis, kann sie Sex doch nicht mit dem Gefühl der Liebe, nicht mal des Verliebtseins in Relation stellen. „Jung & Schön“ hat es dabei gleichwohl nicht nötig, sein bürgerliches Milieu mit analytischer Finesse zu dekonstruieren, er beschränkt sich – wenn überhaupt – auf das familiäre System im Inneren, ohne auf dramatische Überhöhungen zu setzen. Ozon, dessen visuelle Bewandtnis lange außer Frage steht, schildert Isabelle ohne moralisches Urteil, er lässt ihr letztlich die Freiheit, nach der sich die Schülerin und Hure in Wahrheit sehnt. Kann Prostitution aber überhaupt in Relation mit seelischer oder doch nur mit physischer Freiheit stehen? Die Antwort überlässt „Jung und Schön“ dem Zuschauer allein, sein Porträt der Unschlüssigkeit der Jugend, welches sich nie in Resignation stürzt, bleibt eine Punktlandung, denn nichts ist so unverständlich für Außenstehende wie die Pubertät selbst.