Kritik: Jurassic World (USA 2015)

Jurassic Jaws

© Universal

„You can track them by smell or footprints?“ – „I was with the Navy! Not the Navajo!“

Genau davon hat Milliardär John Hammond (Richard Attenborough) bereits vor über 20 Jahren geträumt: Von einem stabilen Themenpark, in dem sich Jung und Alt einer Reise zurück in prähistorische Zeiten aussetzen konnten, um mit echten Dinosauriern in Kontakt zu geraten. Dass dieses Vorhaben so visionär wie hochmütig ist, hat Alan Grant (Sam Neill) bereits prophezeit, allerdings wird die Szene nie in Vergessenheit geraten, in der sich ein Brontosaurus zum ersten Mal vor den weit aufgerissenen Augen des Paläontologen aufbäumte, um von den saftigen Blättern der Baumkrone zu zehren. Steven Spielberg verstand es in „Jurassic Park“, den Zuschauer fortwährend in die so euphorische wie angespannte Situation der Hauptfiguren zu versetzen, um sowohl dem Entdeckungsdrang Ventil zu offerieren, im nächsten Schritt aber auch Todesängste körperlich erfahrbar zu machen: „Jurassic Park“ war eben ein Film, den man nicht nur gesehen, sondern mit jeder Faser erlebt hat. Nun öffnet der Park erneut seine gigantischen Pforten.

Der Traum John Hammonds ist also doch noch in die Tat umgesetzt geworden, der Jurassic Park ist inzwischen zu einer sensationshescheiden Welt herangewachsen und scheint tatsächlich vollkommen intakt zu sein. Gut, dann und wann schafft es mal ein weniger gefräßiger Saurier, seinem Gehege zu entweichen, doch die Sicherheitsmannschaft steht mit Betäubungsgewehren auf ihrem Posten und ist jederzeit bereit, dem ungewollten Vorkommnissen Einhalt zu gewähren. Allerdings, und hier reiht sich „Jurassic World“ in die selbstreflexive Tradition seines Franchise, genügt es dem technikverwöhnten Menschen von heute schon längst nicht mehr, einen T-Rex bei der Fütterung zu beobachten. Die Attraktionen müssen wachsen, imposanter und noch deutlich bedrohlicher werden, nur damit wir uns auch von diesen Schauwerten wenig später gelangweilt abwenden können. Bevor es aber auf Tuchfühlung mit den Dinosauriern geht, werden uns Gray (Ty Simpkins) und Zach (Nick Robinson) vorgestellt, die zum ersten Mal ohne Eltern vereisen und in Jurassic World mit ihrer Tante Claire (Bryce Dallas Howard), Sicherheitsmanagerin des Parks, einige angenehme Tage verbringen sollen.

Fährt die Kamera dann über den Park, unterlegt mit John Williams ikonischer Komposition, die soviel Abenteuer und Magie in sich trägt, dann erweckt „Jurassic World“ tatsächlich ein sanftes Gefühl von Heimat. Und diese (neue) Heimat dürfen Gray und Zach dann auch schnell auf eigene Faust erkunden, ist Tante Claire doch auch passionierter Workaholic und vergräbt sich bis zu den Stöckelschuhen in Arbeit. Anhand dieser Figurenzeichnung ist es bereits bei ihrer Einführung klar, dass „Jurassic World“ sich einigen Sexismusdebatten stellen muss, wird Claire doch als steife, marktorientierte Businessfrau porträtiert, die, im Gegensatz zu ihrer Schwester, ihre Zeit in die Karriere, anstatt in eine Familie investiert, während die männliche Hauptrolle Owen (Chris Pratt) als verwegener Buddy und Raptorenflüsterer die Coolnesspunkte erntet.– Sakrileg! Selbstverständlich ist das nicht sauber gelöst, keine Frage, und jede Kritik mag anhand der Konstellation dieser Charaktere angebracht sein, allerdings sollte man sich aufgrund dieses Aspekts nicht von dem gesamten Film und seinen Qualität abwenden, denn die hat er ohne Zweifel.

Im Labor jedenfalls wurde ein genetischer Hybrid zusammengemischt, genannt Idominus Rex, der den alltäglich Touristenstrom mal wieder so richtig ins Staunen versetzen soll. Natürlich bricht genau dieses Untier aus und natürlich hat es (kognitive) Fähigkeiten, die denen anderer Saurier eindeutig überlegen sind. Und so beginnt „Jurassic World“ das Panikszenario der Vorgänger nachzuempfinden, obgleich Colin Trevorrows Blockbustertaufe inhaltlich den breitärschigen „Vergessene Welt: Jurassic Park“ als auch den knackige Popcorn-Flic „Jurassic Park III“ geflissentlich außer Acht lässt. „Jurassic World“ befindet sich in einer pausenlosen Ehrerbietung, Steven Spielbergs Klassiker thront über so gut wie jedem Set Piece, was man „Jurassic World“ allerdings nicht als bloßes Plagiieren ankreiden muss, sondern als eine herzliche Rückbesinnung auf nostalgische Werte. Dementsprechend ironisiert erscheint die Selbstreferentialität des Films, wenn er anhand dessen preisgibt, dass all das Spektakel und die Furore letztlich doch nur in voller Effektivität auftreten, wenn der Bezug zum Alten, zum Ehemaligen und Vorausgegangenen fester Bestandteil der Modernisierung bleibt, selbst (oder gerade!) wenn das Chaos nun auch über die rechteckigen Digitalkacheln der Sicherheitszentrale wütet.

Nein, „Jurassic World“ ist ein schöner Blockbuster geworden. Ein Blockbuster der es versteht, Fan-Service zu bedienen, sich dem Original voll und ganz zu verpflichten, aber diesem nicht zu erliegen, nicht in seinem gigantischen Schatten qualvoll zu verenden. Vielmehr wird all die virtuose Klasse, die genuine Inszenierung, die memorablen Sequenzen mit Respekt aufgenommen und in eine fesselnde Dino-Safari eingebettet, die mit Sicherheit Lichtjahre hinter „Jurassic Park“ steht (allein, weil ihr die individuelle Handschrift fehlt), aber als Blockbustererfahrung immer noch so viel Freude bringt, dass man sich keinesfalls um Sentimentalitäten betrogen fühlt. Dass die Masse in diesem Fall mal durchaus Recht hatte und „Jurassic World“ mit über 208 Millionen US-Dollar das beste Startwochenende überhaupt spendiert hat, mag überraschend sein, ist allerdings dahingehend vertretbar, dass der seelenlose Marvel-Aufguss „Avengers: Age of Ultron“ konsequent abgehängt wurde. Und mal ganz grundsätzlich: Wenn einen verdammte Dinosaurier nicht mehr aus den Schuhen hauen, was soll dann bitte noch kommen? Eben.