"Katakomben" (USA 2012) Kritik – Das Knochenlabyrinth unter den Straßen von Paris

Autor: Pascal Reis

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„According to mythology, that is the inscription over the Gates of Hell.“

In manchen Kreisen sorgt man bereits für kollektive Ermüdungserscheinungen, wenn man die Worte ‚Found-Footage‘ nur ausspricht. Nachvollziehen kann man diese vorherrschende Unterwältigung ja schon irgendwie, verlaufen doch sämtliche Filme, die sich dieser Ästhetik bekräftigen, doch nach dem gleichen Muster und tauschen ihren Anspruch auf Realitätsnähe schnellstmöglich gegen die simpelsten Retorten-Schocks aus. Wirklich plastisch war in letzter Zeit eigentlich nur Ti Wests Jonestown-Reflexion „The Sacrament“, in dem es die Regie-Hoffnung verstand, eine beklemmende Atmosphäre nicht nur zu behaupten, sondern fühlbar auf den Zuschauer zu übertragen und die Extremsituation filmisch immer weiter zu verdichten. Für eine Kinoauswertung hat es natürlich mal wieder nicht ausgereicht, dafür hat sich jedoch ein anderer Found-Footage-Streifen seinen Weg in die Lichtspielhäuser gebahnt: John Erick Dowdles „Katakomben“. Wurden seine Vorgängerwerke „Devil“ und das „[Rec]“-Remake „Quarantäne“ zumeist mit einem lethargischen Schulterzucken rezensiert, verschenkt Dowdle mit „Katakomben“ erstmals so richtig Potenzial.

Und dieses verschenkte Potenzial macht „Katakomben“ schlussendlich auch zu einem wahren Ärgernis im überproportionalen Genre-Gefilde: Angesiedelt in den sagenumwobenen Katakomben unter Frankreichs Hauptstadt Paris, in denen über 6 Millionen Leichen beigesetzt wurden, bietet sich dieses Setting doch geradezu vortrefflich für eine echte Horror-Perle an – aus diesem schaurigen Ambiente muss man also zwangsläufig Profit schlagen können! Tatsächlich gelingt es Dowdle auch zeitweise, die morbide Stimmung der verwinkelten Gänge in schaurige Fotografien einzufangen, sprechen die Massen an Totenschädeln und sonstigen Knochen doch für sich. Dass sich „Katakomben“ hinten raus aber immer deutlicher als Found-Footage-Neuinterpretation von Steven Spielbergs Klassiker „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ geriert, lässt die Dramaturgie nicht nur stagnieren, der Film allgemein ist sich irgendwann für keine Plattitüde mehr zu schade und nimmt alles mit, was dem Zuschauer möglichst affig erscheinen könnte.

Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, findet die promovierte Archäologin Scarlett (Perdita Weeks) in einem iranischen Höhlensystem nützliche Hinweise darauf, dass sich dieses mythische Artefakt in einer Seitenkammer der Pariser Katakomben befindet. Scarlett allerdings fungiert nicht als Schatzsucherin, deren Motivation aus einem finanziellen oder historischen Interesse keimt, sie tritt vielmehr das Erbe ihres Vaters an (mit Hilfe seines Tagebuches), dessen Suche nach dem Stein der Weisen im Suizid endete. Und so geht es dann eben mit diesem schnaubend-hysterischen Lara-Croft-Verschnitt und einem ähnlichen charakterlosen Grüppchen hinunter in diese gruselige Tiefe der Katakomben, in denen schnell deutlich wird, dass sich die unsympathischen Protagonisten nicht nur gegen eine übernatürliche Präsenz zur Wehr setzen müssen, die entweder als grässlicher Schrei aus der Dunkelheit, als kauernde Silhouette im finsteren Winkel oder als polternder Jump-Scare direkt in die Linse fungiert, sondern auch gegen sich selbst. Man merkt es schon und möchte seinen Hut zücken: Hier floriert die schiere Inspiration!

Das Knochenlabyrinth wird zum Seelenkäfig, dessen Gitter erst dann ein Entkommen gewähren, wenn man sich mit den Sünden seiner Vergangenheit konfrontiert hat: Nur wer sich seiner selbst stellt, kommt in Berührung mit einer höheren Wahrheit. Es wäre zu viel gesagt, würde man „Katakomben“ anhand dieses Aspekts eines religiösen Dampfhammers bezichtigen, deplatziert, weil es der Geschichte keine neue Ebene respektive Perspektive verleiht, ist es dennoch. Aber „Katakomben“ erstickt sein stimmiges Szenario sowieso recht baldig im Schleudergang der Videokamera, bis man wirklich den Eindruck gewinnt, Paris steht – wie auf dem Poster dargestellt – auf dem Kopf. Die Übersicht jedenfalls entgleitet John Erick Dowdle frühzeitig. Und das ist angesichts des Handlungsortes wahrlich tragisch.