"Killer Joe" (USA 2012) Kritik – Matthew McConaughey wächst über sich hinaus

„Nichts ist schlimmer als Reue.“

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Wenn man sich heutzutage so manche Regisseure anschaut, die zu ihren glorreichen Zeiten festes Inventar der Crème de la Crème in der Filmwelt waren, dann kann man seine tiefe Enttäuschung über den Wandel dieser Personen nicht immer verbergen. Man denke da nur an John Carpenter („Halloween“, „Die Klapperschlange“), Dario Argento („Suspiria“, „Phenomena“) oder auch Jean-Luc Godard („Außer Atem“, „Die Verachtung“), die seit geraumer Zeit nichts Nennenswertes mehr auf die Beine gestellt bekommen haben und ihren angesehenen Ruf schwungvoll mit Dreck bewarfen. Aber es gibt auch die krassen Gegenteile von Regisseuren, deren die Zeit einfach nicht schadet und bei denen sich jeder neue Film ohne Probleme in die Reihe der gefeierten Meisterwerke stellen darf: Martin Scorsese („GoodFellas“, „Shutter Island“), Clint Eastwood („Mystic River“, „Gran Torino“) und auch Sidney Lumet war ein solcher Meister, der seine Klasse nie verloren hat und sich mit seinem Abschiedswerk „Tödliche Entscheidung“ ein letztes Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hat. Wenn wir uns aber nun schon den positiven und negativen Wandlungen in der Branche gewidmet haben, dann müssen wir auch den stillen Mittelwert anerkennen und treffen dabei auf William Friedkin, der in den 1970er Jahren mit Meisterwerken wie „French Connection“ und „Der Exorzist“ zu den Besten seiner Zunft zählte, aber vor allem nach dem Ablauf der 1980er Jahre nichts mehr Großes geleistet hat. Dass der Altmeister jedoch immer noch voll im Saft steht, beweist sein Meisterwerk „Killer Joe“ aus dem Jahr 2012.

Eigentlich ist Chris kein dummer Mensch, doch in seinem Leben ereignen sich zunehmend extrem dämliche Situationen, die sich immer wieder auf sein unüberlegtes Verhalten zurückführen lassen, denn Chris hat sich eine Menge Ärger mit dem berüchtigten Gangster Digger Soames einhandelt. Chris, der ständig pleite ist, schuldet Digger 1.000 Dollar und hat keine Ahnung wie er das Geld auftreiben soll, bis ihm zu Ohren kommt, dass seine Mutter eine pralle Lebensversicherung von 50.000 Dollar besitzt und ausgerechnet seine kleine Schwester Dottie ist die Begünstigte. Chris schlägt seinem Vater Ansel in der Not vor, dass er seine Mutter, die die Ex-Frau von Ansel ist, umbringen lassen will und Ansel stimmt nach kurzen Überlegungen und den Überredungskünsten Chris‘ ein, allerdings nur dann, wenn die Ansels neue Frau Sharla und Töchterchen Dottie etwas von dem Geld abbekommen. Um den Mord über die Bühne zu bringen, wendet sich Chris an Joe Cooper, der sein Brot eigentlich als Polizist verdient und sich nur nebenbei als Auftragskiller ein paar Scheine dazu verdient. Das neue Hindernis ist jetzt nur, dass die Familie nicht im Voraus bezahlen kann, wie Joe es verlangt, und so entschließt er sich, Dottie als Sicherung zu benutzen…

Friedkin hatte in seiner Karriere schon immer ein ganz besonderes Händchen für die Besetzung seiner Filme und konnte in diesen Fällen so gut wie immer überzeugen. In „Killer Joe“ wird das durch den bunten wie äußerst ungleichen Cast wieder vollkommen deutlich. So sehen wir als eigentliche Hauptfigur Emile Hirsch („Into the Wild“) als Pechvogel Chris, dem das Wasser langsam bis zum Hals steht und so schnell wie möglich das verlangte Geld auftreiben muss. Hirsch hat in der Vergangenheit schon einige Male gezeigt, dass er durchaus einiges auf dem Kasten hat und den unterschiedlichsten Figuren schauspielerisch gewachsen ist. Als Chris ist das nicht anders, auch wenn seine Rolle doch nicht ganz in der Breite ausfällt, wie man es sich wohl anfangs gedacht hat. Ebenso überzeugen auch Thomas Haden Church („Sideways“) als saufender Vater Ansel, Juno Temple („The Dark Knight Rises“) als naive Schwester Dottie und Gina Gershon („Face/Off“) als toughe White-Trash-Mutter. Das wahre Highlight ist jedoch der Texaner Matthew McConaughey („Magic Mike“), der seinem Schönlings-Image kompromisslos ins Gesicht tritt und als undurchsichtiger Joe Cooper die stärkste und erinnerungswürdigste Leistung seiner Karriere bringt. Mit welcher ambivalenten und auch beängstigenden Coolness McConaughey hier auftritt, ist schlichtweg beeindruckend.

„Ich hab sie nicht geschlagen“ – „Wieso hat sie dich dann rausgeworfen?“ – „Ich hab sie gegen den Kühlschrank geschleudert.“

„Killer Joe“ macht uns von Anfang an unmissverständlich klar, dass wir es hier nicht mit der sonnigen Seite der Lebens zu tun bekommen werden: White-Trash-Familien, die in ihren schäbigen Trailern hausen und bis zum Hals in Problemen stecken. Drogen, Alkohol und Gewalt. Chris sticht dabei jedoch besonders heraus und die Sorgen, die ihn zur unglaublichen Verzweiflungstat zwingen, sind erst die Spitze des Eisberges. William Friedkins, der sich hier ein Theaterstück von Tracy Letts zur Vorlage gemacht hat, schafft es ab der ersten Minute, den Zuschauer in die Geschichte zu ziehen und die Sogwirkung, die das Ganze einfach ohne Halt aufwirft, unausweichlich zu machen. Wir begleiten Chris von Schlagloch zu Schlagloch und doch steht seine Figur, wie auch alle anderen, nie in einem wirklich klaren Licht. Sympathie und Antipathie gehen Hand in Hand und wenn man denkt, man hätte sich für seinen klaren Liebling im Geschehen entschieden, dann wirft die nächste Szene das ganze Konstrukt erneut durcheinander. Das gilt natürlich auch für den saufenden und leicht dämlichen Vater Ansel, die verträumte Schwester Dottie, die Stiefmutter Sharla, die auch so manches Geheimnis mit sich trägt und ganz besonders für den titelgebenden Killer Joe, dessen Fassade einfach undurchdringbar scheint. Wer hier auf eine klare Charakterzeichnung hofft, wird schnell eines Besseren belehrt.

Allerdings kann „Killer Joe“ seine dynamische Kraft nicht nur aus den Charakteren ziehen, sondern auch durch die Geradlinigkeit, mit der Friedkin hier zur Sache geht. Gewalt steht an der Tagesordnung, genau wie die Probleme, die Chris scheinbar langsam in das eigengeschaufelte Grab ziehen und die gesamte verschrobene Familie gleich mit. Wie aussichtslos die Situation für diesen Menschen sein muss, der sich entscheidet, seine eigene Mutter umbringen zu lassen, braucht man wohl nicht mehr erklären. „Killer Joe“ ist hartes und kompromissloses Neo-Noir-Kino in bester Tradition und dennoch, bei aller Durchtriebenheit und der gnadenlosen Brutalität, haben wir es hier nach wie vor mit Menschen und Emotionen zu tun. Ein sorgenfreies Leben ist für niemanden mehr denkbar und die egoistische Abgründigkeit, die das ganze Schlamassel ausgelöst hat, muss in einer persönlichen Katastrophe enden. Dennoch ist „Killer Joe“, trotz dieses klaren Aspektes, dass es hier kein gutes Ende geben wird, nie vorhersehbar, oder arbeitet sich an gewohnten Konventionen entlang, vielmehr lässt Friedkin den ungeschönten Tatsachen freien Lauf, schlägt immer wieder zynische Haken und explodiert in einem derart mutigen Finale, wie man es kaum erwarten hätte können.

Fazit: „Killer Joe“ ist nicht nur ein hervorragend gefilmter und unheimlich stilvoll bebilderter Vertreter des Neo-Noir-Kinos, sondern auch ein intelligenter wie harter Charakter-Thriller, der mit fantastischen Schauspielern, allen voran Matthew McConaughey, überzeugen kann. Die Geschichte selbst ist packend, bretthart und ebenso cool erzählt und schafft es innerhalb weniger Minuten, den Zuschauer durch die unhaltbare Dynamik bereits vollkommen zu fesseln. William Friedkin hat sich erneut selbst übertroffen und zeigt der jüngeren Generation von Regisseuren, wie man einen mehr als mutigen Genre-Film inszeniert, denn man muss dem Zuschauer schließlich nicht immer alles auf dem Silbertablett servieren.