Kinospiele #1 – Star Wars: Rebellion

Star Wars Rebellion

© Fantasy Flight Games

Das Kino findet schon lange nicht mehr nur im Kino statt. Es durchdringt und wird durchdrungen von allem möglichen, seien es das Fernsehen, Comics, Romane, Videospiele oder Stullenboxen. Gerade im Zeitalter der Franchises und Multiversen lohnt es sich seine Arme in alle Richtungen über den Markt zu strecken. Höhepunkt dieser Entwicklung war sicherlich das viral gegangene Supermarktfoto eines Beutels Orangen mit BB-8 aus Star Wars VII drauf.

In unserer neuen Rubrik Kinospiele geht es deshalb nicht direkt um filmische Erzeugnisse, sondern ihre Ableger im Bereich der Gesellschaftsspiele. Während Games, Bücher und Comics mittlerweile fester Bestandteil der Filmberichterstattung sind, hört man über Veröffentlichungen im Bereich der analogen Spielewelt noch recht wenig. Dabei boomen Gesellschaftsspiele wie selten zuvor. Ich selbst spiele seit ein paar Jahren regelmäßig und häufig mit Freund_innen und hätte vor drei Jahren nicht gedacht, dass das mal so sein wird.

Die Schnittstelle zwischen Film und analogem Spiel steht hier nun also im Vordergrund. Damit sind nicht nur Lizenztitel gemeint, also Spiele, die konkret existierende Filme adaptieren, sondern auch Spiele, die vielleicht besonders narrativ sind, sich filmisch anfühlen oder in ihrer Aufbereitung an bestimmte Filme erinnern. Kurz gesagt: Welche Gesellschaftsspiele gehören auf den Tisch eines jeden Filmfreaks?

Für die Rubrik-Premiere musste natürlich ein großer Lizenztitel her. Glücklicherweise hat der amerikanische Spieleverlag Fantasy Flight Games vor kurzem das wohl größte Star-Wars-Brettspiel aller Zeiten veröffentlicht: Star Wars: Rebellion.

Es ist der Traum eines jeden Fans, denn es erlaubt den Spielenden quasi die komplette Originaltrilogie der Saga durchzuspielen und zwar auf eine Weise, die nicht der bloßen Linearität der Erzählung folgt, sondern aufbereitet als episches Strategiespiel über den Kampf zwischen dem Galaktischen Imperium und der Rebellenallianz. Jede Seite wird dabei von ein oder zwei Spieler_innen verkörpert.

Kümmern wir uns aber erst mal um die Äußerlichkeiten. Allein der gigantische Spielkarton flößt bereits Respekt ein, der sich allerdings im nachhinein als etwas zu überdimensioniert herausstellt, da neben den Spielmaterialien noch viel Luft im Karton bleibt. Vielleicht dient der Platz aber auch als Stauraum für kommende Erweiterungen. We will see. In erster Linie schindet die Größe Eindruck, was angesichts des happigen Preises von 100 US-Dollar klug erscheint. Zumindest haben die Käufer_innen so das Gefühl „etwas“ für ihr Geld bekommen zu haben. Ich denke eher, dass die Lizenzkosten seit Das Erwachen der Macht in die Höhe geschnellt sind.

Beim riesigen Karton hört es allerdings nicht auf. Einen großen Tisch sollte man ebenso zuhause stehen haben, denn die beiden Spielbretter nehmen zusammen geschoben satte 100×50 cm Platz weg und man braucht ja schließlich noch ein wenig Freiraum drumherum für die zig Marker, Karten und Figuren. Die haben es allerdings in sich. Denn während die bekannten Figuren der Filme, wie Leia, Han Solo, Luke oder Admiral Ackbar, als kleine Porträts auf Karton mit Plastikfuß daher kommen, erstrahlen die militärischen Komponenten, wie Sternenzerstörer, X-Wings, Mon Calamari Kreuzer, Sturmtruppen und AT-ATs als detailreich verarbeitete Miniaturen. Ganze 153 solcher Figürchen stehen den Spielenden zur Verfügung und so erklärt sich zumindest die Größe des Spielbretts. Die müssen im schlimmsten Fall ja alle drauf passen.

Es ist aber nicht allein die bloße Größe und Materialfülle, die Rebellion zu einem epischen Erlebnis macht. In erster Linie ist dies der fantastischen Präsentation zu verdanken. Die wunderschönen Illustrationen auf jeder Spielkomponente, vom Karton bis zur Anleitung, könnten direkt aus der Feder  Ralph Mac Quarries, dem Urvater des Star-Wars-Looks, sein. Viele Bilder kennt man zwar bereits vom Star Wars – Living Card Game (ebenfalls von FFG), aber warum sollte man etwas perfektes unnötig verändern?

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Die Rebellen sind militärisch meistens in der Unterzahl.

Kommen wir zum wichtigsten: Der Mechanik und dem Spielgefühl, was wir dem Spieldesigner Corey Konieczka zu verdanken haben, der sich bereits mit dem Dungeon-Crawler Descent (2. Ed.) und den von H.P. Lovecraft inspirierten Spielen Villen des Wahnsinns und Eldritch Horror (mein Lieblingsspiel) verdient gemacht hat. Die Regeln von Rebellion hier sinnvoll aufzulisten ist schier unmöglich. Es ist kein simples Spiel, sondern groß, komplex und benötigt Zeit, um sich mit den Regeln vertraut zu machen, die in der 20-seitigen Anleitung gut erklärt werden. Zusätzlich gibt es noch eine Art Lexikon, wo mithilfe eines Indexes Regelfragen während des Spielens schnell geklärt werden können. Laut Verlag beläuft sich die Spielzeit auf drei bis vier Stunden, was glücklicherweise auch mal zu stimmen scheint. Oftmals geben Verlage nämlich geringere Laufzeiten an, um nicht zu viele Kund_innen zu verschrecken. Wer allerdings das Feeling, eine ganze Saga zu spielen, haben möchte, wird mit einem 30-Minuten-Spiel für zwischendurch nicht glücklich werden. Hier macht die lange Laufzeit also durchaus Sinn und geübte Spieler_innen werden allenfalls drei Stunden, exklusive Auf- und Abbau, benötigen.

Die erste konsequent den Filmen entlehnte und spielerisch ebenso spannende Idee sind die asymmetrischen Siegbedingungen der beiden Fraktionen. Das Imperium gewinnt das Spiel nur, wenn es die Rebellenbasis einnimmt, während die Allianz den Sieg nur erringt, wenn es ihr gelingt, ihre Basis erfolgreich versteckt zu halten und genügend Ansehen in der Bevölkerung zu sammeln, so dass es zu einem Aufstand gegen das Imperium kommt. Es ist also kein Kriegsspiel, wo sich der Sieg durch bloßes Kräftemessen entscheidet, da beide Seiten sich bei weitem nicht auf Augenhöhe begegnen. Beide haben unterschiedliche Vor- und Nachteile, wobei man sich gerade als Rebellen deutlich im Nachteil fühlt, was dem Gefühl der Filme natürlich zuträglich ist. Die dunkle Seite mag mehr Miniaturen, den Todesstern, Darth Vader und Palpatine haben, aber ein Sieg auf der Seite der schon immer etwas uncool wirkenden Rebellen fühlt sich triumphaler an, als die weitere Einnahme eines Planetensystems durch Besetzung und Gewalt. Während das Imperium ein vielfaches an militärischer Stärke aufweist und jederzeit Planetensysteme unterwerfen oder mithilfe des Todessterns sogar vernichten kann, arbeitet die Rebellenallianz vornehmlich mit Guerilla-Taktiken, Sabotage und heimlichen Missionen. Jede Seite spielt sich genuin anders. Es ist eben kein bloßes Schach-Derivat in einer hübschen Star-Wars-Verpackung, wo beide Seiten eigentlich gleich sind und nur anders aussehen.

Die Asymmetrie ist aber nicht das einzige, wo sich die Star-Wars-Filme narrativ und sinnlich im Spiel wiederfinden. Mehr oder weniger durchläuft man auch die ikonischen Momente der Trilogie, je nach Spielaufbau und Verlauf. Zu Beginn jeder Runde können die Spieler_innen ihre Leader-Figuren, die handelnde Akteure aus dem Star-Wars-Universum, wie Luke, Leia, Darth Vader uvm., repräsentieren, auf Missionen schicken. Eine Mission kann zum Beispiel der Diebstahl der Todesstern-Pläne sein oder die Verbreitung von Propaganda für das Imperium. Jede Mission hat andere Anforderungen, wofür manche Leader besser geeignet sind als andere. Leia eignet sich gut für diplomatische Missionen, während Darth Vader gut für Action, wie die Entführung eines Rebellen-Leaders, geeignet ist. Manche Missionen sind maßgeschneidert für bestimmte Figuren. Chewbacca kann z.B. einen Aufstand auf Kashyyyk initiieren. All diese Missionen sind nicht nur spielerisch abwechslungsreich, sondern lassen die Spielenden selbstbestimmt eigene kleine Star-Wars-Abenteuer erleben.

Leader, die nicht auf Missionen geschickt werden, verbleiben im Leader-Pool und können bei Bedarf gezogen werden, um Missionen des Gegners zu verhindern oder um Schiffe und Einheiten durch die Galaxis zu bewegen, wo es auch immer mal wieder zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommt, sei es im Weltraum oder am Boden eines Planeten. Letztendlich entscheidet bei Kämpfen wie auch bei Missionen das Würfelglück der Spieler_innen. Von einem reinen Glücksspiel ist Rebellion allerdings weit entfernt. Der strategische Anteil überwiegt deutlich. Trotzdem gibt es nichts schöneres, wenn man es schafft als Rebellenführer mit ein paar Schiffen eine ganze imperiale Flotte zu besiegen, nur weil die Würfel günstig gefallen sind.

Was das Spiel letztendlich nicht nur zu einem bloßen Stresstest für das gebeutelte Rebellenherz werden lässt, ist die zeitliche Komponente. Die Spiellaufzeit ist zwar nicht kurz. Sie kann aber auch nicht wie im schlimmsten Monopoly-Alptraum exorbitant ansteigen. Die Zeit arbeitet gleichzeitig für und gegen die Spielenden. Jede Runde wird der Marker auf der Zeitleiste fortgerückt. Weiter hinten auf der Zeitleiste befindet sich der Reputationsmarker der Rebellen. Treffen sich die beiden Marker, kommt es zu einem Aufstand in der Bevölkerung und das Imperium hat verloren. Quasi, das Ende von Die Rückkehr der Jedi-Ritter tritt ein. Das Imperium hat also nicht alle Zeit der Welt, um die Rebellen zu besiegen. Zumal die Allianz mithilfe sogenannter Objective-Karten ihren Marker weiter Richtung Zeitmarker rücken kann. Eine Objective-Karte verlangt z.B., dass die Rebellen einen Sternenzerstörer innerhalb eines Gefechts vernichten sollen. Gelingt ihnen das, lösen sie die Karte ein und rücken ihren Marker eine Stufe weiter Richtung Sieg. Auf der anderen Seite können sich auch nicht die Rebellen ausruhen bis die Zeit des Aufstands gekommen ist, da das Imperium jede Runde seine Dronen in die Galaxis schickt und einen Hinweis erhält, in welchen Systemen sich die Rebellenbasis nicht befindet. Bei 32 Systemen auf dem Spielbrett wird es dann zunehmend eng für die Rebellen und sie müssen sich entscheiden, ob sie ihre Basis halten oder kurzfristig ein neues Versteck suchen, denn bei kriegerischen Gefechten hat das Imperium grundlegend die Oberhand.

Star Wars: Rebellion ist wahrlich kein leichtes Spiel und wer seit Mensch ärgere dich nicht kein Brettspiel mehr gespielt hat, wird auf den ersten Blick überfordert sein. Doch es lohnt sich. Das Star-Wars-Thema floss nicht nur in die beeindruckende Gestaltung des Spiels, sondern wurde auch konsequent ins Gameplay integriert. Rebellion ist einnehmend, narrativ ohne linear zu sein und strategisch, gewürzt mit einer Prise Glück. Andere Star-Wars-Spiele wie Imperial Assault (ein verkleidetes Descent) oder Armada konzentrieren sich vornehmlich auf Fragmente des Universums, auf einzelne Missionen oder (Miniaturen-)Gefechte. Rebellion vereint dagegen alle Motive und Momente, die wir aus den Filmen kennen. Letztendlich muss ich das Urteil wagen, dass wir mit Star Wars: Rebellion wohl das beste Gesellschaftsspiel zur Weltraumsaga bekommen haben. Eine klare Empfehlung also für alle Film-, Sci-Fi- und natürlich Star-Wars-Fans.

Die deutsche Version von Star Wars: Rebellion erscheint beim Heidelberger Spieleverlag wahrscheinlich im 3. Quartal 2016.