"Kiss the Coach" (USA 2012) Kritik – Gerard Butler kämpft um seinen Platz in der Familie

Autor: Pascal Reis

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„How do you get to meet so many hot women? – I have an ascent.“

Redet man vom zeitgenössischen RomCom-Sujet, dann sind die obligatorischen Stigmatisierungen immer in greifbarer Nähe: Charakter-Klischees, unglaubwürdige Entwicklungen und der ewig gleiche Handlungsverlauf, der auf sein einförmiges Happy End hinausläuft. Aus filmhistorischer Sicht sind diese kitschigen Machwerke zumeist vollkommen unbrauchbar und auch genauso schnell in den Untiefen der kinematographischen Belanglosigkeit versunken. Als Notlösung für den Einstieg in einen romantischen Abend mit der Auserwählten, kann man sich vielleicht noch einmal für einen Streifen mit Jennifer Aniston und Konsorten hinreißen lassen, immerhin treffen diese rosaroten Thematiken doch beim weiblichen Geschlecht gerne die richtigen Töne. Wenn man dann mit einem Film namens „Kiss the Coach“ konfrontiert wird, dann stehen die Vorurteile bereits Schlange. Bemerkt man dann aber, dass der manipulative Italiener Gabriele Muccino („Das Streben nach Glück“, „Sieben Leben“) auf dem Regiestuhl gesessen hat, dann passen die voreiligen Gedankenteilstücke nicht mehr zusammen. Das macht sich jedoch nicht auf dem Papier und im Kopf überdeutlich bemerkbar, sondern auch im katastrophalen Endprodukt.

Die glanzvollen Tage auf dem Spielfeld sind für George Dryer verflogen und der Versuch, seine ehemalige Popularität für einen Job als Sportkommentator zu benutzen, misslingt. Aber nicht nur beruflich läuft es für den ehemaligen Fußballstar äußerst unrund, auch in seinem familiären Umfeld gibt es einige Schlaglöcher, die endlich beseitigt werden müssen. George versucht die Beziehung zu seinem Sohn Lewis wieder aufzubauen und sucht die Nähe zu ihm, was ihn jedoch auch wieder in den engeren Kreis seiner Ex-Frau Stacie manövriert, die kurz vor der Hochzeit mit ihrem neuen Freund Matt steht. Als George die Chance ermöglicht wird, die Juniorenmannschaft seines Sohnes im Fußball zu coachen, ist das für George natürlich eine perfekte Ausgangssituation, um das Vater-Sohn-Verhältnis gehörig aufzupolieren. Aber nicht nur die Bindung zu seinem Sohn verbessert sich, die Mütter der anderen Kinder werfen auch immer deutlicher ein Auge auf den charmanten Sportler, doch in Wahrheit hängt Georges‘ Herz immer noch an Stacie…

In seinem dritten amerikanischen Film greift Muccino nicht auf den Hollywoodliebling Will Smith zurück, wie er in seinen beiden vorherigen Dramen tat, sondern setzt auf den Schotten Gerard Butler, der sich in der Vergangenheit bereits als Testosteronphänomen in Zack Snyders „300“ bewiesen hat und damit für die Männerwelt kein unbeliebter Zeitgenosse mehr ist, sich aber auch durch Filme wie „P.S. Ich liebe dich“ und „Der Kautions-Cop“ in die Herzen der Frauen gespielt hat. Ein Vorteil, wenn man für beide Geschlechter nicht gänzlich uninteressant ist. Das wusste natürlich auch Muccino und Butler darf als George Dryer den Sportler mit gutem Herzen geben. Ein brillanter Charakter-Darsteller war Butler nie, aber er hatte immer den gewissen Charme, dem man ihn auch in „Kiss the Coach“ nicht absprechen kann, es scheitert – mal wieder – an der schlecht geschriebenen Figur, die keine Freiräume zur künstlerischen Entfaltung erlaubt. Die Nebenrollen sind ähnlich prominent besetzt und Dennis Quaid („The Day After Tomorrow“), Jessica Biel („Blade: Trinity“) Judy Greer („Love & other Drugs“), Uma Thurman („Pulp Fiction“) und Catherine Zeta-Jones (Die nun bereits im zweiten Debakel neben dem Mark Wahlberg-Vehikel „Broken City“ dieses Jahr zu sehen ist) dürfen sich vor der Kamera zeigen, bleiben aber ähnlich peripher wie der Hauptprotagonist.

Die Story lässt – ähnlich wie der Titel – eine standardisierte RomCom-Katastrophe erahnen, der angeschlagene Ton des Drehbuches von Robbie Fox geht allerdings in eine andere Richtung und versucht sich am Spagat zwischen Humor und Dramatik, schließlich ließ Fox in seinem Drehbuch einige autobiographische Anleihen seiner Person mit ins Geschehen miteinfließen, das Problem ist letzten Endes nur, dass es einfach keinen Menschen auf dem Globus interessiert. Mit Tränendrüsen-Manipulator Muccino hat man sich eigentlich einen Filmemacher gesichert, der den Zuschauer durch überzogene Dramatisierungen um den Finger wickelt, seine Charaktere bis zum Zerbersten auf Sympathien trimmt, um den empathischen Zugang für jeden Zuschauer auf allen Ebenen zu ermöglichen. Die Voraussetzungen waren auch in „Kiss the Coach“ eine vorzügliche Grundlage, denn mit dem ehemaligen Topfußballer, der von den britischen Massen als King George gefeiert wurde, in den Vereinigten Staaten aber ein Niemand ist und sich um seine familiäre Wiedervereinigung kümmern möchte, aber gleichzeitig den Frauen widerstehen muss, die sich immer deutlicher an ihn heranwerfen, hätte sich Muccino austoben können.

Gabriele Muccino bringt kein Gleichgewicht in seine konturlose Inszenierung, was natürlich ebenfalls an der entsetzlichen Drehbuchvorlage liegt, an der auch gestandene Regiegrößen elendig gescheitert wären. „Kiss the Coach“ kann sich nicht entscheiden in welche Art von Film er sich nun eigentlich entwickeln will und welchen angemessenen Ton er wirklich anschneiden soll. Altbackenes wird ohne jeden Mut oder Esprit in einen Topf geschmissen, humorvolle Einlagen können nicht als solche entlarvt werden, weil den Verantwortlichen jedes Verständnis für Komik verloren gegangen ist und die nötige Harmonie zwischen den Figuren zu keiner Zeit aufkommt. Die zwischenzeitigen Angriffe auf die Lachmuskeln misslingen durchgehend, wenn „Kiss the Coach“ dann im nächsten Moment aber eine rührselige Schwere heraufbeschwören möchte und den Eindruck erweckt, als würde Muccino sich plötzlich für einen europäischen Arthouse-Beziehungsanalytiker halten, was natürlich nicht im Ansatz stimmt, einfach weil der Mann nur überzogene Gefühlsmanipulationen beherrscht, aber nie durch seriöse Gefühle bis zum Zuschauer vordringt, dann wird es so richtig blamabel und der Eindruck, dass „Kiss the Coach“ nicht nur unausgewogen, sondern auch ein missratenes Desaster ohne jede Daseinsberechtigung ist, bestätigt sich in vollem Ausmaß.

Fazit: Eine treffende Ausgewogenheit zwischen komischen Momenten und ernsten Zwischentönen gelingt „Kiss the Coach“ zu keiner Zeit, die Handlung ist vollkommen konturlos und weiß zu keinem Zeitpunkt, in welche Richtung sie sich nun wirklich bewegen soll und die akzeptablen Darsteller prostituieren sich erneut für einen unbedeutenden Streifen, der sich in der untersten Qualitätsschublade gerne ausbreiten darf, denn genau in diese gehört er auch. „Kiss the Coach“ ist für Filmfreunde genauso unterhaltsam und abwechslungsreich, wie ein Kugelpendel für Nicht-Physiker und wird nicht nur an den Kinokassen untergehen, sondern auch nur maximal einen Sendeplatz im Vormittagsprogramm der Privatsender à la RTL bekommen.