"Die Klapperschlange" (USA 1981) Kritik – Kurt Russell im Gefängnis der Zukunft

„Ich kenne dich, hab aber gehört du wärst tot.“ – „Bin ich auch.“

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Geht es nach den meisten Regisseuren und Autoren, dann erwartet uns Menschen keine besonders rosige Zukunft. An erster Stelle dürfte da Ridley Scotts „Blade Runner“ genannt werden, der uns eine Welt offenbarte, in die Frage nach Menschlichkeit einen ganz neuen Kern geschenkt bekam und wir in eine Umgebung gezogen wurden, in der es weder Sonnenlicht und Wärme gibt, sondern nur Dreck, Hoffnungslosigkeit und prasselnden Dauerregen. Ebenso erwähnenswert ist auch Terry Gilliams pessimistischer „12 Monkeys“, in dem der exzentrische Regisseur Bruce Willis durch die Zeit schickte, um einen Virus aufzuhalten und die Verseuchung der Menschheit zu retten. Und auch James Camerons „Terminator“ darf noch genannt werden, in dem der Kanadier uns ein apokalyptisches Bild der Zerstörung zeichnete und die Maschinen zur Übermacht verkommen lies, die die Menschheit ausradieren will. Ein ganz anderer, nicht minder einflussreicher Regisseur, hat sich ebenfalls dem beliebten Thema der Dystopie gewidmet und uns seine Interpretation der Zukunft vorgestellt. Die Rede ist von Legende John Carpenter, über den man heute zwar nicht mehr die besten Worte finden kann, aber in der Vergangenheit, gerade in den 1970er und 80er Jahren, einige wichtige Klassiker serviert bekam. Zu diesen zählt auch „Die Klapperschlange“ aus dem Jahre 1981.

Wir finden uns im Jahre 1997 in New York wieder, genauer gesagt, in Manhattan. Manhattan ist inzwischen ein einziges Hochsicherheitsgefängnis, vollgestopft mit Verbrechern und ein Ausweg ist für alle Insassen unmöglich. Als eines Tages die Flugkapsel des Präsidenten der vereinigten Staaten mit in dieser Hölle abstürzt, ist die Panik groß, denn der Präsident hat ein Audioband in der Tasche, welches für die Welt von hoher Bedeutung ist und einen Atomkrieg verhindern könnte. Ein Mann muss in das Innere des Gefängnisses reisen und den Präsidenten samt Tonband retten. Die Wahl fällt auf Snake Plissken, ein ehemaliger hochangesehener Ex-Soldat, der sich durch ein Verbrechen selber als lebenslänglich Gefangener in der Gegenwart wiederfindet. Plissken hat 24 Stunden Zeit die Lage zu retten, ansonsten implodieren die Sprengsätze in seinem Körper…

Die Großstadtkulisse des verendeten Manhattans zählt zu den atmosphärischsten überhaupt. Hier gibt es keinen Sonnenschein, keine bunten Farben oder einen Hauch von geborgener Sicherheit. Die grau-schwarze Hölle wird zum Ort ohne Rückkehr, weder aus Manhattan selbst, noch in die normale Welt, denn so wie es aussieht, gibt es in „Die Klapperschlange“ keine Normalität mehr. Kameramann Dean Cundey eröffnet einige der düstersten Fotografien der Filmgeschichte und versteht es, den Zuschauer sofort in dieses hoffnungslose Szenario zu reißen. Für den Score war wieder Regisseur Carpenter höchstpersönlich verantwortlich, der auch schon bei „Halloween“ und „The Fog“ die großartigen Soundtracks selber komponierte. In „Die Klapperschlange“ weiß Carpenter erneut den finsteren Ton des Filmes mit seiner Musik durchgehend zu treffen und treibt die Atmosphäre in ihrer Dichte immer weiter an.

In der Hauptrolle sehen wir Kurt Russell als Snake Plissken, der in Wahrheit gar keine Klapperschlange auf dem Körper tätowiert trug, sondern ganz deutlich eine Kobra. Russell zeigt hier als wortkarger Anti-Held eine seiner besten Rollen, die sich aus Gleichgültigkeit am Wohl der Menschheit und stiller Coolness zusammensetzt. Er zieht los, einfach weil er keine andere Wahl hatte und ihm sein eigenes Leben, auch wenn er für jeden schon für tot gehalten wird, noch einen Hauch bedeutet. Carpenter konzentriert sich voll auf seinen abgestumpften Protagonisten und vergisst dabei, die hochkarätigen Nebenrollen mit Leben zu füllen. Da hätten wir Lee van Cleef als Missionsleiter Bob Hauk, Ernest Borgnine als Cabbie, Donald Pleasence als Präsident, Isaac Hayes als Duke, Harry Dean Stanton als Brain und Adrienne Barbeau als Maggie. Namenhafte Nebensächlichkeiten, die zu keiner Zeit ihr Können zeigen dürfen, sondern nur als Stichwortgeber und Randerscheinungen fungieren.

„Mein Name ist Snake!“

„Die Klapperschlange“ wird zur trostlosen, tristen und extrem finsteren Zukunftsvision, in der eine einstige Metropole zu einem riesigen Gefängnis verkommen ist, aus dem es keinerlei Entkommen gibt. Die anarchische Hölle von Manhattan wird zum Ghetto für bedrohlichen Schatten und ewige Dunkelheit, in dem das Gesetz des Dschungels herrscht und der Stärkere immer an der Spitze steht. Zwischen Bergen von Müll, schleichenden Psychopathen und gezwungenem Kannibalismus muss Snake Plissken einen Atomkrieg verhindern und dazu in die Tiefen der deprimierenden Geisterstadt vordringen. So kann „Die Klapperschlange“ durchgehend mit seiner hervorragenden Atmosphäre glänzen, allerdings vernachlässigt Regisseur Carpenter es etwas, dem Zuschauer die neue Gesellschaft im Inneren des erschaffenen Abgrundes vorzustellen und hangelt sich zu schnell von Szene zu Szene, ohne sich wirklich auf die neuen Gewohnheiten der ehemaligen Millionenstadt zu konzentrieren. Genau wie die Nebenfiguren, die sicher interessante Ansätze vorweisen, zu oberflächlich dargestellt worden sind und den nötigen Tiefgang vermissen lassen. Dennoch kann Carpenters Inszenierung überzeugen, vor allem wenn man sich in das Jahr 1981 zurückversetzt und die visionäre Klasse von „Die Klapperschlange“ erkennt, die die tiefen Ängste vor einem neuen Atomkrieg verbindet und den optimistischen Blick in die Zukunft vollends verwehrt, dabei aber immer einen ironischen Unterton in sich trägt. Hier scheint es keine Hoffnung, Freude oder eine ruhige Außenwelt mehr zu geben, denn alles was bleibt sind Gefahr, Furcht und erbarmungslose Gefühlskälte im kalten Endzeitmantel.

Fazit: „Die Klapperschlange“ zählt ohne weiteres zu den interessantesten und besten Dystopien der Filmgeschichte, vor allem weil Carpenter seine extrem düstere und trostlose Art durchgehend behält und die Schritte immer konsequent in die Dunkelheit setzt. Hätte er sich etwas mehr um die neue Subkultur gekümmert und auch die Nebenfiguren mit mehr Leben ausgefüllt, dann wäre auch „Die Klapperschlange“ zu einem der Meisterwerke von John Carpenter geworden. So bleibt ein überaus sehenswerter Film, der zwar seine Schwächen mit sich bringt, aber genügend positive Aspekte vorweist, die den Film einfach zu einem Highlight machen, nicht zuletzt dank Kurt Russells toller Darstellung.

Bewertung: 7/10 Sternen