Klassiker-Tipp der Woche "Achteinhalb" (IT/FR 1963) Kritik – Fellinis meisterhafte Selbstreflexion

„Die ganze Geschichte könnte hier enden.“

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Der italienische Neorealismus stand für den filmischen Aufschwung im stiefelförmigen Land. Seinen Ursprung konnte die Epoche aus dem Mussolini Faschismus ziehen und namenhafte italienische Regisseure wie Roberto Rossellini, Luchino Visconti oder Vittorio De Sico, wollten sich mit ihren Werken gegen den Faschismus auflehnen und das wahre Gesicht wie die Folgen des Diktators zeigen. Es wurde auf puren Realismus gepocht, keine Studios, keine gesellschaftliche Verlogenheit und die Schauspieler waren zumeist Laien, die in ihrem eigentlichen Leben selber Leidende dieser Zeit waren. Das wichtigste Gesicht der italienischen Filmgeschichte war jedoch Federico Fellini, der immer gerne in die Sparte des Neorealismus geschoben wird, seine Filme aber nie wirklich unter diesem Mantel begraben hat. Zum einen macht sich das natürlich dadurch bemerkbar, dass Fellini seine Hauptrollen immer mit Schauspielgrößen besetzt hat und seine Filme immer unter einem autobiografischen Aspekt inszenierte. Mit seinem persönlichsten Meisterwerk „Achteinhalb“ aus dem Jahre 1963, konnte Fellini das sogar auf die eigene Spitze treiben, in dem er genaugenommen einen Film über sich allein drehte.

Jeder Regisseur hat mal eine Schaffenskrise, außer man heißt Woody Allen und bringt jedes Jahr einen neuen Film in die Kinos. „Achteinhalb“ kümmert sich genau um so eine Schaffenskrise beim katholischen Regisseur Guido Anselmi. Guido weiß weder vor noch zurück, die Muse will ihn nicht küssen und Ideen die er hat, wollen sich nicht konkret zusammensetzen lassen. Er sucht ein idyllisches Kurbad auf und versucht nicht nur zu sich zu finden, sondern auch seinen gewünschten Sci-Fi-Film in brauchbare Gedanken zusammenzusetzen. Guido lernt immer neue Menschen kennen, treibt von einem Ort zum anderen und lässt nicht nur einmal die Sphären vermischen, um sich in seinen Träumen zu verlieren. Doch der Drehbeginn rückt immer näher, der Druck auf Guido wächst, die Frauen scheinen die einzige Freude in seinem Leben zu sein und doch wird auch der Suizid langsam ein Thema…

Seinen bedeutsamen Stand in der Filmwelt kann man Federico Fellini nicht absprechen, allein 4 Oscars konnte der Meisterregisseur in seiner Zeit gewinnen, auch wenn einer von ihnen die Auszeichnung für das Lebenswerk war, so sind drei Goldjungen für den Besten ausländischen Film doch schon etwas wirklich Besonderes. Auch „Achteinhalb“ konnte sich als freudiger Gewinner der Trophäe bezeichnen. Zu Recht, versteht sich, denn „Achteinhalb“ erweist sich als einer der Filme, die keinerlei Schwächen aufweisen. Das Drehbuch von Flaiano und Fellini selbst ist natürlich eine Zusammensetzung aus losen Momenten und Szenen, die jedoch als Ganzes etwas wirklich Einzigartiges darstellen. Auch die wunderbare Musik von Nino Rota, die ihren kraftvollen Klänge gekonnt einsetzt, weiß vollkommen zu bezaubern, gerade in der Verbindung der prächtigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und der hervorragenden Fotografien von Gianni Di Venazo. Visuell und musikalisch ist das hier brillant. Aber auch schauspielerisch hat „Achteinhalb“ mit Hauptdarsteller Marcello Mastroianni ein ganz großes Kaliber aufzubieten. Mastroianni gibt Fellinis Alter Ego Guido Anselmi und weiß sein ganzes Können, wie immer unter Fellini, in mimischer Präzision darzustellen. In den Nebenrollen sind noch Namen wie Claudia Cardinale und Anouk Aimeé vertreten.

„Achteinhalb“ steht für die persönliche Schaffenskrise und Inspirationslosigkeit des großen Federico Fellini, der den schweren Selbstzweifel und der fühlbaren Bestimmungslosigkeit seiner Zeit nicht entfliehen konnte. Wo führt der eigene Weg hin? Welchen Sinn trägt die persönliche Existenz? Wann wird die richtungslose Ziellosigkeit endlich ein Ende haben und man selber wieder zurück in die berufliche wie menschliche Spur finden? Wenn man nun als Zuschauer versucht, irgendwie einen roten Faden in Fellinis Inszenierung zu finden, so wird man doch schnell bemerken, dass es hier weder einen roten Faden gibt, noch ein klares Handlungsgerüst. Loses und Klares wird eins, Verschwommenes und Deutliches eröffnet sich in der stillen Deutlichkeit und „Achteinhalb“ wird zu einer energischen Auseinandersetzung mit der Psyche von Guido, der gleichzeitig für Fellini selbst steht, und dem Erforschung des bodenlosen Unterbewusstseins. Erfolgsdruck und die tief verankerte Furcht vor dem bitteren Versagen, trifft auf die beklemmenden Zukunftsängste. Fellini zieht den Zuschauer in die surreale wie hilflose Komplexität eines Mannes, der zwischen Traum und Wirklichkeit, Illusion und Tatsachenbeschreibung umhertreibt und die Erinnerung an die unschuldige Vergangenheit zwischen Hingabe und Tortur grenzenlos vermengt. „Achteinhalb“ ist Selbstporträt, tiefgehende Analyse, detaillierte Therapie und gleichzeitig eine obsessiv-autobiografische Studie. Wenn Fellini dann noch Erotomanie und den Katholizismus thematisiert, dann bekommt „Achteinhalb“, trotz seiner humorvollen und sicher selbstironischen Ader, einen ganz neuen bedeutungsvollen Kern.

Fazit: „Achteinhalb“ ist eines der großen Meisterwerke im Schaffen von Federico Fellini, vielleicht sogar sein bedeutsamstes. Schon komisch, wenn man bedenkt, dass dieser Film aus der schweren Schaffenskrise des Regisseurs hervorgegangen ist. „Achteinhalb“ ist ein stimmiger und kompletter Film, der trotz der Fehlerlosigkeit einige Male gesehen werden muss, um wirklich seine ganze Brillanz und Genialität entladen zu können. Ein surrealer, persönlicher und eigenwilliger Film, der es dem Zuschauer nicht immer einfach macht, ihm aber in jedem Moment etwas Besonderes vorführt. Schauspielerisch ist das hier große Kunst, visuell eine Augenschmaus und musikalisch eine Wucht. „Achteinhalb“ ist einer der wichtigen und wirklich großen Klassiker der Filmgeschichte.

„Was ich machen wollte, kam mir ganz einfach vor: einen Film, der jedem einzelnen gestatten sollte, endlich zu begraben, was wir alle an Abgestorbenem in uns tragen. Ich bin indessen selber der erste, der nicht das Herz hat, irgendetwas zu begraben.“
– Federico Fellini

Bewertung: 9/10 Sternen