Klassiker-Tipp der Woche "Beim Sterben ist jeder der Erste" (USA 1972) – In fremden Gewässern

„Das ist einer der letzten wilden, unberührten, unverdreckten, unzerstörten, unverseuchten Flüsse des Südens. Versteht ihr, was das bedeutet?!“

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John Boorman ist auch einer dieser Regisseure, die immer im Dunkeln geblieben sind. Wahrscheinlich ist das in diesem Fall auch gerechtfertigt. Nach seinem ordentlichen Debütfilm ‚Point Blank‘ mit Lee Marvin in der Hauptrolle, gab es fünf Jahre später, 1972, das ganz große Meisterstück in Boormans Schaffen: ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘. Danach erreichte er nie wieder diese einmalige Qualität. Boorman inszeniert hier einen erschreckenden, gesellschaftskritischen und hochspannenden Backwood-Psycho-Thriller, dem bis heute kein anderer Genre-Streifen das Wasser reichen konnte.

Kameramann Vilmos Zsigmond liefert grandiose Naturaufnahmen rund um den Cattooga-Fluss. Die Anfangs einladende, unberührte Idylle wird nach und nach zur Hölle. Genau das kann Zsigmond auch durch seine ausdrucksstarken Fotografien auf den Zuschauer übertragen. Das sich immer wiederholende Banjo-Stück gibt dem Film ab dem ersten Moment direkt den bedrohlichen Unterton. So entsteht eine Atmosphäre, die den Zuschauer nicht nur zunehmend anspannt, sondern auch extrem fesselt und zu keiner Sekunde locker lässt.

Jon Voight gibt die Hauptrolle und kann als Ed, einer von vier Großstädtern, mit authentischem Schauspiel überzeugen und schnell mitreißen. Burt Reynolds als Draufgänger Lewis kann da genauso mithalten und durch seine kraftvolle Darstellung zu einer großen Leistung auffahren. Ned Beatty als Bobby und Ronny Cox als Drew komplettieren das Quartett aus der Stadt und runden den Cast mit ebenfalls starken Darstellungen ab. Lobend erwähnen muss man an dieser Stelle auch noch, dass die Schauspieler ihre Kanu und Kletter-Stunts alle selber ausgeführt haben.

Vier Großstädter möchten die Natur noch einmal so erleben, wie sie geschaffen wurde, bevor sie einem riesigem Staudamm zum Opfer fällt. Mit den Kanus jagen sie durch die Stromschnellen und genießen ihre Zeit, fern vom öden Stadtleben. Doch schon bald wird die gute Stimmung schlagartig ausgebremst und zwei Einheimische sehen die Großstädter gar nicht gerne in ihrem Gebiet. Es kommt zur Katastrophe…

‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ ist auch heute noch unverständlicherweise viel zu unbekannt und wird dazu auch noch allzu gerne unterschätzt und geradewegs als B-Movie abgestempelt. Einer der größten Fehler überhaupt, denn ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ ist nicht ein Psycho-Thriller der Extraklasse, sondern auch eine ganz klare und unmissverständliche Gesellschaftskritik, ohne dabei unnötig mit dem Finger auf den Zuschauer zu zeigen.

Doch fangen wir erst mal mit unseren Charakteren an. Da haben wir Ed, einen Standardamerikaner, frisch aus dem Leben gegriffen und ohne jegliche Besonderheit. Ein stinknormaler Kerl eben. Dann Lewis, der muskelbepackte Abenteurer, der eigentlich der klare Anführer der Gruppe ist, sich aber durch einen Unfall unterordnen muss. Hier werden die ersten klaren Charakterzüge durcheinandergeworfen. Der klare „Held“ wird durch seine Verletzung zum „Ballast“ und der Normalo Ed muss die Zügel in die Hand nehmen. Dann der übergewichtige Bobby, der deutlich angewidert von den Lebensumständen der Einheimischen ist. Doch gerade Bobby wird noch mit dem Hass der Hinterwäldler konfrontiert. Zuletzt wäre da noch Drew, ein Spießer, der sich gleich zu Anfang mit einem zurückgeblieben Jungen ein Banjo-Duell liefert und klar unterliegt. Eine musikalische Vorwarnung auf das, was die Großstädter noch erleben werden. Denn sie sind hier die ganz deutlichen Außenseiter.

Der Ausflug, der noch mehr oder weniger harmonisch beginnt, schlägt fast im Minutentackt immer mehr um. Die Flucht in die letzten Überreste der einzigartigen Schönheit, wird zur Reise in einen Abgrund. Die Rache der Einheimischen, dafür dass ihre Lebensräume Stück für Stück genommen werden, müssen die Männer am eigenen Leib erfahren. Zwei Welten prallen aufeinander. Zwei Welten, die sich so nah sind und doch nie wieder zu einem Ganzen zusammenkommen werden. Ein Kampf ums bloße Überleben beginnt, der nächste Moment ist dabei vollkommen unvorhersehbar, denn die Großstädter sind nicht in ihrem vertrauten Umfeld und die wilde Gefahr könnte hinter jedem Baum lauern. Das Ende dabei immer klar vor Augen. Hier ist es dann ganz besonders die schreckliche Vergewaltigung von Bobby, die sich ins Gedächtnis brennt und dem Zuschauer den Atem raubt. Boorman verzichtet auch gänzlich auf blutige Einlagen. Die hat der Film auch nicht im Ansatz nötig, denn die psychische Gewalt, die der Film freisetzt, wirkt noch viel extremer, als irgendwelche banalen Blutfontänen. ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ wird zu einem Film, den man im Leben sicher nicht mehr vergessen wird, einfach weil so viel Wahrheit und Schrecken in ihm steckt.

Fazit: ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ ist der mit Abstand beste Film mit Backwood-Hintergrund. Boorman besticht dabei nicht nur mit der blanken Verzweiflung und Angst, die der Film auf den Zuschauer überträgt, sondern auch mit der wichtigen Kritik an der Menschheit und ihren Verhaltensweisen. Ein Film, gegen die Zerstörung von Lebensräumen. Dazu die tollen Darsteller, die kraftvollen und schönen Bilder, die brillante und fesselnde Atmosphäre und ‚Beim Sterben ist jeder der Erste‘ wird zu einem verstörenden und dramatischen Meisterwerk, mit einem hochaktuellem Kernthema.

Bewertung: 10/10 Sternen