Klassiker-Tipp der Woche "Der Clan der Sizilianer" (FR 1969) Kritik – Französisches Kino der Extraklasse

„Entschuldigen Sie wenn Sie eines Tages im Morgengrauen wegen mir aufstehen müssen.“

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Das waren noch Zeiten. Die 60er Jahre und das französische Kino. Eine Zeit, in der man sich durchgehend auf Schauspieler und Regisseure verlassen konnte, weil sie einfach alles gegeben und Herzblut in ihre Filme gelegt haben. Dementsprechend sahen die Filme auch aus und nicht nur einmal kam ein Meisterwerk dabei heraus, dass nicht nur die Filmwelt prägte, sondern auch den Zuschauer. Begeben wir uns in das Jahr 1969 und treffen uns in ‚Der Clan der Sizilianer‘ mit drei der BESTEN Schauspieler aller Zeiten und einem der großen Meisterwerke der Filmgeschichte.

Berauschend fotografiert Henri Decaë ‚Der Clan der Sizilianer‘ und liefert einige der besten und stilsichersten Bilder der Filmgeschichte. Grobkörnige Bilder, starke Kamerafahrten und Schwenks und dabei durchgehend hervorragend in Szene gesetzt. Ein optischer Hammer. Aber nicht nur die Optik ist wunderbar, auch die Musik. Niemand geringeres als Großmeister Ennio Morricone ist für die Untermalung des Films zuständig und leistet, wie immer, hervorragend und absolut stimmige Arbeit. Seine Musik ist immer auf den Punkt und kommt genau zur rechten Zeit und gibt dem Film das ganz besondere Etwas.

Jetzt kommen wir zur Besetzung und lassen das Herz von jedem Filmfan mal so richtige Jubelsprünge machen. Niemand geringes als Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura spielen hier die Hauptrollen. Drei absolute Legenden der Filmgeschichte die zu ihren Glanzzeiten eine Meisterleistung nach der anderen ablieferten. Alain Delon spielt den kaltblütigen Verbrecher Roger Sartet und überschwemmt den Bildschirm fast mit seiner unnachahmlich unterkühlten Coolness und dem wie von ihm gewohnten tollen Schauspiel. In jedem anderen Film würde Delon den anderen Darsteller ohne Probleme die Präsenz und jegliches Licht entziehen und die, doch nicht hier. Jean Gabin als Mafia-Pate Vittorio Manalese glänzt zwar nicht durch Coolness, aber durch seine absolut seriös-bodenstände Darstellung die es in jedem Fall mit Delon aufnehmen kann und in allen Belangen hervorragend ist. Dann an letzter Stelle Lino Ventura. Ventura spielt den harten Inspector Le Goff und Ventura, wer hätte das gedacht, bringt ebenfalls eine absolut grandiose Leistung und ist mein persönlicher Lieblings-Charakter im Film. Die drei Größen vereint in einem Film. Pflicht für jeden Filmliebhaber.

Henri Verneuil zählt zwar nicht zu den Größen wie Melville, Godard oder Truffaut, beweist aber mit ‚Der Clan der Sizilianer‘ zu was für Meisterwerken er in der Lage ist. Er inszeniert eine recht simple Krimi-Story an der sich heute trotzdem noch unzählige Regisseure orientieren. Es gibt den ehrgeizigen und gefürchteten Kommissaren, den coolen Gauner der die Frauenherzen im Sturm erobert und den unantastbaren Mafia-Paten. Man könnte so meinen es sind Charaktere von der Stange, das wären sie auch, wenn Verneuil sie nicht dermaßen großartig ausarbeitet hätte. Und hier sieht man wieder den deutlichen Unterschied zum Genre-Einheitsbrei und zu Filmen wie ‚Der Clan der Sizilianer‘. Denn ‚Der Clan der Sizilianer‘ verfügt über unglaublich ausgefeilte Charaktere die in allen drei Fällen unglaublich fesseln und ihre Sympathie aufbauen und übertragen. Jeder Charakter steht für sich selbst und jeder ist auf seine Art einfach hochinteressant. Der Zuschauer ist mittendrin, quasi zwischen den Fronten. Zu wem soll er jetzt halten? Sartet der Herzensbrecher und Mörder. Eiskalt und immer treffsicher, bis er einen schwerwiegenden Fehler macht und sich nicht über die Konsequenzen im Klaren ist. Manalese der Mann mit dem unantastbaren Ruf und dem vibrierenden Auftreten. Ehre und Familie steht über allem und wird etwas von beidem beschmutzt, werden direkt Maßnahmen ergriffen, denn auch Konsequenz wird großgeschrieben. Und Le Goff, mein persönlichen Liebling, der eisenharte Ermittler mit dem unerschütterlichen Durchhaltevermögen. Ein Mann der bis zum Schluss kämpft und niemals aufgibt. All diese Charaktere, mit ihrer Wut und ihrer Tragik in sich zählen ohne weiteres zu den Interessantesten der Filmgeschichte und die man so nicht mehr erleben wird. Dazu kommt die grandiose Inszenierung in den Action-Szenen, die zwar ziemlich selten sind, aber wenn sie dann kommen schlagen sie auf den Zuschauer ein und reißen mit. Genauso wie es sein muss. Spannung ist durchgehend da, allein wegen der Charaktere und das fesselnde Drumherum. Auch die Dialoge sitzen und keine Wünsche bleiben offen. Die Fragen die aufkommen: Wie wird alles enden? Wer wird als Gewinner und wer wird als Verlierer die Bühne verlassen? Drei Welten verschmelzen, die Seiten des Gesetzes verbinden sich, bleiben aber dennoch abgegrenzt und doch sind sie sich alle Näher als sie sich wünschen würden. Und dann der grandiose Showdown der ohne weiteres zu den besten überhaupt zählt und den Film einfach nur perfekt mit einem Paukenschlag sondergleichen Enden lässt.

Fazit: ‚Der Clan der Sizilianer‘ ist ein perfekt inszenierter Film, immer auf den Punkt gebracht. Selten, fast nie verliert er auch nur ein Wort zu viel. Hier und da schleichen sich mal kurze Längen ein, fallen aber nicht weiter ins Gewicht. Am Ende bleibt ein hochspannender und mitreißender Film, mit mehr als fantastischen Darstellern, hervorragender Musik und tollen Bildern… französisches Meisterkino.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, das lasse ich mir nicht entgehen.“

Bewertung: 9/10 Sternen