Klassiker-Tipp der Woche "Der Elefantenmensch" (USA/GB 1980) Kritik – Die Geschichte einer endlosen Sehnsucht

„Ich bin kein Monster! Ich bin ein menschliches Wesen!“

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Inzwischen sollte bei jedem interessierten Filmfan angekommen sein, dass David Lynch nicht nur für verstörenden und unerklärlichen Surrealismus steht, sondern, dass er auch die leisen und unaufdringlichen Töne toll beherrscht. Zuletzt bewies er das 1999, mit dem schönen Drama ‚The Straight Story‘. Aber auch schon im Jahre 1980 inszenierte Lynch mit ‚Der Elefantenmensch‘ einen sensiblen und gefühlvollen Film. Natürlich hatte David Lynch in diesem Jahr noch nicht ansatzweise den Bekanntheitsgrad wie heute und war nach einigen Kurzfilmen und seinem ersten Spielfilm ‚Eraserhead‘ noch im Dunkeln geblieben. Ausgerechnet Spaßvogel Mel Brooks nahm sich Lynch an und half ihm dabei, sein Drama zu verwirklichen, mit dem David Lynch voll und ganz in der Filmwelt angekommen war und sogar 8 Oscar Nominierungen verbuchen konnte.

John Merrick leidet unter einer schrecklichen Krankheit, die seinen ganzen Körper seit dem Kindesalter furchtbar entstellt. Wegen seinem schlimmen Aussehen wird er auf Jahrmärkten ausgestellt wie ein Tier und von seinem Besitzer immer wieder verprügelt. Als ihn jedoch der Arzt Frederick Treves entdeckt und ihn wegen einer Bronchitis in sein Krankenhaus aufnimmt, findet Merrick seinen ersten Freund im Leben und Treves will ihm nun dabei helfen, ihn irgendwie in die Gesellschaft einzubinden…

Mit Anthony Hopkins und John Hurt hat ‚Der Elefantenmensch‘ zwei Darsteller, die heute natürlich jedem bekannt sein dürften. Doch gerade im Jahre 1980 waren beide noch aufstrebende junge Darsteller, die sich zwar schon beweisen durften, aber noch nicht richtig angekommen waren. Anthony Hopkins spielt den Chirurgen Dr. Frederick Treves und füllt seine Rolle mit viel Gefühl aus und allein seine Augen berühren den Zuschauer immer wieder aufs Neue. Hopkins bringt eine nuancierte Glanzleistung, die in jedem Fall zu seinen besten Rollen zählt. Noch besser ist jedoch John Hurt als entstellter John Merrick. Hurt spielt so dermaßen intensiv und eindringlich, dass er jedem Zuschauer sofort ans Herz geht und mit seinen hoffnungslosen Wünschen ansteckt. Unaufdringlich und doch so kraftvoll. Absolut hervorragend und ganz großes Schauspiel. Auch Anne Bancroft bekommt in der Nebenrolle als Mrs. Kendel eine der stärksten Szenen des Films zugesprochen.

David Lynch setzte auf schwarz-weiß Bilder und gibt dem Film so ab der ersten Einstellung die Atmosphäre, die sich nicht nur der viktorianischen Zeit anpassen sollte, sondern auch den Zuschauer einfängt. Das liegt aber auch an Freddie Francis hervorragender Kameraarbeit, der die Industrialisierung dieser Jahre brillant einfängt. Die Straßen sind durchzogen von Qualm, alles hämmert und bebt, genau wie die Gesellschaft, die sich auf John Merrick nicht einlassen kann. Die schreiende Frau, die Verzweiflung die sich öffnet, die donnernden Elefanten und die stille Einsamkeit. Alles zeichnet diese einmalige Atmosphäre aus und hat eine ganz eigene Bedeutung. Natürlich ist auch der feine Score von John Morris etwas ganz Besonderes und rundet den Film genauestens ab.

Der Fall von John Merrick, der im viktorianischen Zeitalter als Elefantenmensch bekannt wurde, litt unter dem äußerst seltenen Proteus-Syndrom, welches heute wahrscheinlich kaum noch jemandem etwas sagen wird. Bei diesem Syndrom wachsen Haut, Knochen, Muskeln, Fettgewebe und die Gefäße so rapide, dass es zu extremen Deformationen des Körpers kommt und während dem zunehmenden Alter immer größere Ausmaße nehmen können. Dazu kommt es auch noch dazu, dass das Risiko für Tumore noch viel höher ist und eine richtige Behandlungsmöglichkeit gibt es bis heute nicht. Genau dieser wahren und unendlich traurigen Geschichte nimmt sich David Lynch an. John Merrick wird gehalten wie ein Monster und für die schaulustigen Menschen in einem Käfig ausgestellt. Jeden Tag wird er mit herablassenden Blicken gestraft und die angeekelten Gesichter kommen jeden Tag immer und immer wieder. Von Menschenwürde ist hier schon keine Spur mehr und wenn John sich mal nicht gut fühlt und zu schwach für eine neue Ausstellung ist, prügelt ihn sein peinigender Besitzer mit der Peitsche. Sein Leben hat längst keinen Wert mehr und alles scheint in den ewigen Qualen zu enden. Wäre da nicht der gutmütige Dr. Frederick Treves, der John auf einer dieser sogenannten Freak-Shows findet und ihm wegen seiner Entzündung der Bronchien in sein Krankenhaus aufnimmt. John und Frederick verbringen immer mehr Zeit miteinander und Frederick stellt fest, dass sich hinter der abstoßenden äußeren Schale ein kluger und liebenswerter Mensch befindet, dessen Intelligenz von seiner Krankheit nicht beeinflusst wurde. Frederick will ihm endlich ein neues Leben geben und ihn, trotz seines Aussehens, in diese Gesellschaft einfügen. Er soll sich endlich so fühlen dürfen, wie jeder andere. Doch John wird immer ein Außenseiter bleiben und er wird immer auf sein Äußerliches reduziert werden.

David Lynch erzeugte wieder eine Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann und erzählt uns eine der schmerzhaftesten und emotionalsten Geschichten überhaupt. John Merricks Versuche endlich angenommen zu werden und einmal so leben zu dürfen, wie es auch jedem Menschen ohne Probleme erlaubt ist. Doch Normalität wird ihm in keinem Punkt gegönnt. Einzig Dr. Frederick Treves erkennt den jungen und zurückgezogenen Mann, der John in Wirklichkeit ist. Ein Mensch, der so herzlich und freundlich ist, dass man ihn unmöglich schlecht behandeln könnte, wird wegen seiner Krankheit von jedem verachtet und mit Spott und Hass bestraft. Die Geschichte zeichnete David Lynch mit so viel Fingerspitzengefühl, Feinsinn und Emotionalität und guckt dabei jedem Zuschauer direkt in die Augen. Wo hätten wir gestanden und wo stehen wir auch heute noch in solchen Fällen? Wie oft gehen wir durch die Welt, lachen über Menschen, die anders sind und lästern hinter ihren Rücken? Die Frage kann sich wohl jeder mit einem schlechten Gewissen beantworten und sollte sich mal darüber Gedanken machen, wie oberflächlich auch wir durch die heutige Zeit gehen und mit dem Zeigefinger auf Menschen zeigen, die für ihr Aussehen oft gar nichts können.

‚Der Elefantenmensch‘ ist ein Film über Schmerz, Leid und Einsamkeit, voller Bedürfnisse und Sehnsüchte, die niemals ganz gestillt werden können. Aber es ist auch ein Film über Freundschaft und Menschlichkeit und er zeigt uns auf ruhige und nachdenkliche Weise, was es bedeutet, immer allein zu sein und doch dabei die Hoffnung nie ganz aufzugeben. Wir begleiten John Merrick auf seinem schweren Leidensweg und durchleben die gleichen Gefühle wie er. Wir freuen uns, wir weinen und wir dürfen unser Herz öffnen. Dabei verzichtet Lynch vollkommen auf eine aufgesetzte Rührseligkeit, sondern setzt auf echte Emotionen, die sich um den Zuschauer klammern und ihn gleichermaßen leiden und hoffen lassen. Ein schwerer, schmerzhafter und doch schöner, ehrlicher und unglaublich wichtiger Film, den man unbedingt gesehen haben sollte und vielen auch die Augen öffnen wird, vor allem im Umgang mit den Menschen, die nicht dieses Glück mit der Gesundheit hatten.

Fazit: ‚Der Elefantenmensch‘ ist ein weiteres Meisterwerk in der Karriere von David Lynch und er inszenierte einen gefühlvollen, eindringlichen, intensiven und einfühlsamen Film, der den Zuschauer einige Zeit nicht mehr loslassen wird. Die hervorragenden Schauspieler, die tollen Bilder, der feine Soundtrack, die zarte, aber unausweichliche Atmosphäre und natürlich Lynchs sorgfältige Atmosphäre machen ‚Der Elefantenmensch‘ zu einem Klassiker, den man gesehen haben muss.

Bewertung: 9/10 Sternen