Klassiker-Tipp der Woche "Das Fenster zum Hof" (USA 1954) Kritik – Der Blick in die Ungewissheit

„Darf ich mal durch das tragbare Schlüsselloch gucken?“

null

Wenn man sich auf die Suche nach prägenden Größen der Filmgeschichte macht, dann muss man in der Zeit natürlich Jahrzehnte zurückgehen. Namen wie F.W. Murnau, Fritz Lang, John Carpenter, Jean-Pierre Melville, Roman Polanski und Stanley Kubrick sind mit Sicherheit einige von den wichtigsten Vertretern der Liste. Fragt man nach den wichtigsten und auch besten Regisseuren aller Zeiten, dann dürfen diese genannten Filmemacher sicher auch wieder erwähnt werden, doch müssen wohl für einen ganz bestimmten Regisseur weichen: dem in London geborenen Alfred Hitchcock. Ein Name, der nicht nur Filminteressierten ein Begriff sein dürfte und auch in Kinderkreisen durch die fantastischen „???“-Kassetten und CDs seine Wellen schlagen durfte. Viel wichtiger ist jedoch sein filmisches Schaffen, welches so unantastbar ist, dass es in seiner zeitlosen Form noch in hunderten von Jahren nichts von seinem Reiz verloren hat. Wieso Hitchcock als vollkommener Meister seines Fachs galt, lässt sich einfach durch das aufzählen seiner Werke aufzählen, denn wenn jemand in der Lage ist, Filme wie ‚Vertigo‘, ‚Psycho‘ und ‚Die Vögel‘ zu inszenieren, dann besteht kein Zweifel mehr. Einen seiner bedeutendsten Filme, auch in Bezug auf die ganze Filmwelt, schuf Hitchcock mit ‚Das Fenster zum Hof‘ im Jahr 1954.

Unser Hauptcharakter ist der Fotojournalist Jeff, der sich nach einem schweren Unfall das Bein brach und nun aufgrund seines Gipses, der sich über das ganze Bein verteilt hat, an den Rollstuhl gefesselt ist. Die Langeweile wird immer extremer und da er sein Apartment nicht verlassen kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als aus dem Fenster zu schauen, wo er seine Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite in ihren Wohnungen genau beobachten kann. Er sieht die verschiedensten Menschen, von einer Tänzerin, die von Männern umwandert wird, einem Ehepaar, welches immer auf dem Balkon schläft und keine Kinder hat, sondern mit einem kleinen Hund zusammenlebt, ein ständig betrunkener Künstler und eine einsame Frau, die sich beim Abendessen selbst unterhält. Auch nachdem ihm seine Pflegerin mehrere Male davon abgeraten hat, er solle das Spannen doch sein lassen, macht Jeff immer weiter, selbst seine hübsche Freundin Lisa, die auf eine Hochzeit pocht, kann ihn davon nicht mehr abhalten. Als er jedoch Thorwald, den Vertreter für Modeschmuck von gegenüber, dabei sieht, wie er in tiefer Nacht immer wieder seine Wohnung verlässt und am nächsten Morgen seine Frau nicht mehr aufzufinden ist, macht sich Jeff natürlich seine Gedanken. Doch es bleibt nicht nur bei Gedanken und es müssen Ermittlungen aufgestellt werden, obwohl er den Rollstuhl nicht verlassen kann und er Lisa anweisen muss. Ein gefährliches, undurchsichtiges Spiel beginnt.

Mit ‚Das Fenster zum Hof‘ werden wir genau in die Rolle gezogen, die wir in Wahrheit immer abstreiten würden, aber in jedem von uns steckt: die des Voyeurs. Jeder von uns schaut aus dem Fenster, um die Menschen zu beobachten und jeder von uns würde, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, die Nachbarn bei ihrem alltäglichen Tagesablauf in den eigenen vier Wänden beobachten. Dass der Großteil den fremden Menschen auch im Schlafzimmer folgen würde, erklärt sich natürlich von selber. Wieso man sich zum Voyeurismus so hingezogen fühlt und ihn in vielen Situationen nicht umgehen kann, lässt sich auf viele Gründe zurückführen. Zum einen ist es natürlich die Neugierde und der Reiz des Unbekannten, der sich durch das heimliche Spannen eröffnet und so ein fremdes Leben voll ausschöpfen kann, auch in den intimsten Momenten. Auf der anderen Seite ist es die sexuelle Begierde und die Luststeigerung, die die Erregung auf das Höchstmaß treiben können und das allein durch das Sehen und das Beobachten.

Bei dem Perfektionisten Hitchcock konnte man immer davon ausgehen, dass jeder Bereich seines Films erstklassig abgedeckt war. Das fängt natürlich beim hervorragend ausgearbeiteten Drehbuch von John Michael Hayes an, welches die Krimi-Kurzgeschichte „It Had tob e Murder“ von Cornell Woolrich aus dem Jahr 1942 als Vorlage nahm. Geht weiter über die packende musikalische Untermalung von Franz Waxman und natürlich der fantastischen Kameraarbeit von Robert Burks, der die Enge der Lage und die Hitze der Außenwelt verbindet und in seine nahezu perfekten Fotografien einfließen lässt. Bei seiner Schauspielerwahl ist das auch kein Stück anders und Hitchcock verstand es immer, das Maximum an Können aus seinen Darstellern zu kitzeln und sie zu Höchstleistungen zu bringen. In der Hauptrolle des Jeff sehen wir den unvergesslichen James Stewart, der auch in ‚Cocktail für eine Leiche‘, ‚Der Mann, der zuviel wusste‘ und ‚Vertigo‘ mit dem britischen Meisterregisseur zusammenarbeitete und immer großartige Leistungen brachte. Auch als Jeff weiß Stewart wieder durchgehend in höchstem Maße zu überzeugen. Neben ihm glänzt die bildhübsche Grace Kelly als sehnsüchtige Freundin Lisa, die ebenfalls eine starke Leistung abliefert und gerade im Zusammenspiel mit Stewart aus den Vollen schöpfen kann. Aber auch die kleinen Nebenrollen sind Wendell Corey als Det. Lt. Tom Doyle, Thelma Ritter als Stella und Raymond Barr als verdächtiger Thorwald wunderbar besetzt.

Hitchcock führt uns in die Rolle des Voyeurs, doch er will uns dabei nicht schamhaft ertappen, sondern lässt jeden Zuschauer sich selber erwischen, wie er näher an den Bildschirm rutscht und versucht die Nachbarschaft und ihre Details vollkommen einzufangen. Wir verschmelzen mit unserem Protagonisten Jeff, der sich, genau wie wir, nicht aus dem Apartment bewegen kann und alles nur mit seinen Augen aufnehmen kann. Ein simpler Trick, den Hitchcock mit einer Genialität ausreizt, wie man sie so nicht mehr zu sehen bekam. Dabei wird das zu Anfang noch aus Langeweile entstandene Spannen schnell zum obsessiven Voyeurismus. Jeff muss seinen Nachbarn Thorwald beobachten, er muss ihm folgen und Informationen sammeln, um seinen Verdacht zu festigen. Aus der monotonen Bewegungslosigkeit wird eine hilflose Sucht, die sich auch auf die Probleme der Beziehung zwischen Jeff und Lisa ausweitet. Sie will unbedingt Heiraten, versucht wieder und wieder zu verführen, doch Jeff interessiert nur der Hof, der Blick in die Ungewissheit. Hitchcock inszeniert mit ‚Das Fenster zum Hof‘ einen nahezu perfekten Suspense-Thriller, bei dem sich immer mehr die Frage nach dem Zeitpunkt der Auflösung stellt. Die Wahrheit wird auf uns einprasseln, das steht ab dem ersten Moment fest, nur Wann das passieren wird, steht allein in der Macht des Regisseur, der uns mit seiner hochspannenden Führung nur durch das Fenster blicken lässt. Die ausweglose Enge wird in ihrer ganzen Kraft spürbar gemacht. Man kommt an dem Punkt an, an dem man sich fragt, ob es hier schon um paranoide Einbildungen handelt, oder ob unsere Sicht klarer denn je ist. Und gerade für eine solche Geschichte, die wirklich immer weiter aufbaut, kommt die ruhige Inszenierung von Hitchcock gerade richtig, die anspannt, fesselt und die kommende Explosion unausweichlich macht.

Fazit: Das Hitchcock der große Meister des Suspense-Kinos ist, sollte heute wirklich jedem klar sein. Wer das aber immer noch nicht glauben kann, sollte sich schnellstmöglich ‚Das Fenster zum Hof‘ schnappen und sich davon überzeugen, wie gut dieser Mann einen Thriller mit simplen Mitteln ausreizen konnte. Dabei kam er ohne große Gesten oder jegliche Effekte aus, sondern brauchte nur ein Zimmer, einen Hof und die fantastischen Darsteller. ‚Das Fenster zum Hof‘ ist einer der unangefochtenen Klassiker, den man gesehen haben muss, nicht nur wegen seiner Wichtigkeit, sondern auch wegen seiner Klasse, die niemals abnehmen wird.