Klassiker-Tipp der Woche "Fitzcarraldo" (D 1982) Kritik – Das Vermächtnis der Träume

„Ich werde einen Berg versetzen.“

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Im Jahre 1982 kam es zur vierten Zusammenarbeit zwischen den ewig geliebten Feinden Klaus Kinski und Werner Herzog. Nach den zwei Meisterwerken ‚Aguirre‘ und ‚Nosferatu‘ und der für mich eher enttäuschenden Romanverfilmung ‚Woyzeck‘ kam es wohl zur wohl bekanntesten Arbeit der beiden in ‚Fitzcarraldo‘. Werner Herzog inszenierte ein kraftvolles Kunstwerk und gleichzeitig einen der besten Filme aller Zeiten.

Nach ‚Aguirre‘ zieht es Werner Herzog endlich wieder zurück in den geliebten Dschungel. Der unberührte peruanische Dschungel in seiner vollen Schönheit und der mächtige Amazonas spielen hier eine klare Hauptrolle. Kameramann Thomas Mauch liefert hier wirklich exzellente Arbeit ab und fängt die beeindruckende Naturkulisse in fantastischen Aufnahmen ein. Hierbei natürlich auch grandios wie Mauch es immer wieder versteht, Kinski, Räume und Weiten einzufangen. Die musikalische Untermalung bekommt ‚Fitzcarraldo‘ natürlich wieder durch Florian Frickes Band Popol Vuh, die den Film mit hypnotisch berauschenden Klängen unterstreicht. Aber auch Opernsänger Enrico Caruso kriegt seine großen Einsätze.

In der Hauptrolle haben wir das Glück, den brillanten Klaus Kinski wieder zu bewundern. Glück deswegen, weil Kinski eigentlich gar nicht eingeplant war. Zuerst sollten Jason Robards und Mick Jagger die Hauptrollen spielen. Robards wurde jedoch während der Dreharbeiten krank und das Projekt fiel ins Wasser. Also fiel die Wahl nach langem Hin und Her auf Klaus Kinski, der schon vorher unter Herzog drei Meisterleistungen ablieferte. Kinski spielt den exzentrischen Träumer Brian Sweeney „Fitzcarraldo“ Fitzgerald. Kinski beweist wieder einmal seine beeindruckende Gestik und Mimik, die zu den stärksten überhaupt zählte und sich locker in die Reihe seiner anderen tollen Darstellungen einfügt. Auch mit von der Partie ist die große Claudia Cardinale als Fitzcarraldos Freundin Molly. Cardinale kann zwar nicht wirklich mit starkem Schauspiel auffahren, hat aber genug Charme um im Gedächtnis zu bleiben.

Im Iquitos um die Jahrhundertwende träumt Fitzcarraldo davon, eine Oper im Dschungel zu errichten. Um seine Reise zu finanzieren leiht er sich Geld von seiner reichen Freundin Molly und besorgt einen Dampfer, mit dem er angeblich Kautschuk aus dem Dschungel transportieren will. Fitzcarraldo hat jedoch nur seine Oper im Kopf und um die zelebrieren zu können, muss er den Dampfer vom Rio Pachitea in den Rio Ucayali befördern. Das klappt allerdings nur über einen Weg: der Dampfer muss über einen Bergrücken geschleppt werden. Mit der Hilfe von unzähligen Indios, versucht Fitzcarraldo das Unmögliche und kämpfe gegen die Mächte der Natur und gegen die Kräfte in sich selbst.

‚Fitzcarraldo‘ erweist sich als Herzogs kraftraubendstes und belastendstes Projekt. Erst die Sache mit Robards, der den Dreh abbrach. Dann musste Herzog sein Drehbuch vollkommen umschreiben und auf Klaus Kinski anpassen. Dazu kamen dann natürlich Kinskis regelmäßige Tobsuchtsanfälle, in dem er alles zu Trümmern geschlagen hat. Ein Todesfall am Set durch Unachtsamkeit beim Paddeln auf dem Amazonas und der unglaublich Pressewirbel, der Herzog vorwarf, er würde menschenverachtend arbeiten und die Natur zerstören, sowie die amerikanischen Ureinwohner misshandeln. Heute ist bewiesen, dass nichts davon der Fall war und Herzog die Indios sogar ungewöhnlich gut behandelte. Den Realismus, den Herzog in seinen Filmen immer pflegte, spielte auch noch eine anstrengende Rolle für alle Beteiligten. Der tonnenschwere Dampfer musste also wirklich per Seilwinden und der Kraft der Indianer über den Berg gezogen werden. Diese Authentizität ist natürlich durchgehend spürbar, genauso wie Herzog immer auf echte Ureinwohner setzte. Dass die Ureinwohner so verschreckt von Kinskis Verhalten waren, dass sie bereit waren ihn zu töten, ist nochmal eine andere Geschichte. Herzog lehnte das Angebot des Häuptlings jedenfalls dankend ab.

‚Fitzcarraldo‘ erzählt uns die Geschichte eines größenwahnsinnigen Träumers. Eines Träumers, der in jedem von uns verwurzelt ist. Fitzcarraldo will die Mächte der unerbittlichen Natur bezwingen, trifft dabei allerdings auf sein eigenes großes Scheitern. Betört durch die Stimme Carusos, bekommt er durch die Ureinwohner die nötige Unterstützung. Sie sehen in dem Dampfer und im Vorhaben jedoch ein göttliche Vorsehung, eine Prophezeiung die sich bewahrheitet und das Land heimsucht, in der Gott mit seiner Schöpfung nie fertig wurde. Die freie Welt wird zugunsten Fitzcarraldos zerstört, der Friede wird gestört und die Vision des Wahnsinns setzt sich fort. Fitzcarraldo ist kein Held, der in neue Welten vordringt. Kein prachtvoller Ritter, mit edlem Antlitz der mit erhobenem Haupt von seinem Abenteuer zurückkehrt. Fitzcarraldo wird im Moment des Glückes zerbrochen und die Indios, die nur die Verheißung Gottes retten wollen, schildern dabei seinen Untergang. Der Traum vom unerreichbaren zerplatzt in den Stromschnellen des Amazonas. Dennoch ist es schlussendlich keine volle Niederlage und Fitzcarraldo wird seinen großen Moment bekommen.

Werner Herzog inszeniert ein fieberhaftes Erlebnis, das nur so von Lebenskraft umwittert wird. In 150 Minuten nimmt er sich die nötige Zeit und erzählt uns eine unglaubliche Geschichte, die gleichermaßen beeindruckt und umklammert. Ein Film, der sich wie ein Gemälde in den Köpfen des Zuschauers rahmt. Voller schöner und zerstörerisch wuchtiger Momente, die sich durch die Augenblicke der Stille immer wieder extrem aufladen können. Ein Schrei nach Freiheit und Unendlichkeit. ‚Fitzcarraldo‘ könnte authentischer nicht sein, denn hier wirkt nichts gespielt. Umgebung, Blicke und Gefühle sind echt und die daraus entstehende Atmosphäre zieht jeden Zuschauer in ihren brennenden Sog. Vielleicht ist es der beste Film von Kinski und Herzog. Vielleicht ist es sogar der beste deutsche Film aller Zeiten. In jedem Fall zählt er aber zu den Filmen, die man im Leben gesehen haben muss. Einfach nur um zu wissen, wie groß ein Film sein kann, denn derartiges wird man nie wieder zu sehen bekommen.

Fazit: ‚Fitzcarraldo‘ ist ein weiteres brillantes Meister- und Kunstwerk im Schaffen von Werner Herzog. Mit der unvergessenen Naturgewalt Klaus Kinski in der Hauptrolle, einer fesselnden Atmosphäre, hervorragenden Naturaufnahmen, fantastischer Musik und natürlich Herzogs einmaliger Inszenierung wird der Film zu einem der Besten, Schönsten und Brachialsten, die je gedreht wurden. Schade, dass ‚Cobra Verde‘ kein würdiger Abschluss wurde und die Zusammenarbeit von Kinski und Herzog mit einem dunklen Schatten enden ließ.

Bewertung: 10/10 Sternen