Klassiker-Tipp der Woche "Es geschah am hellichten Tag" (DE 1958) Kritik – Zeitlos und bittere Realität

„Eine Forelle ist ein Raubfisch. Einen Raubfisch kann man nur mit etwas lebendigem fangen. Mit einer Mücke, mit einem Wurm oder mit einem kleinen Fisch.“

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Im Jahr 1958 machte ein Film die Runde, der für diese Zeit ein extremes Tabuthema ansprach, welches auch heute noch viel zu oft todgeschwiegen wird: Kindesmissbrauch. Die Rede ist von Ladislao Vajdas ‚Es geschah am hellichten Tag‘. Einer der ganz großen deutschen Krimi-Klassiker und dazu auch noch aktueller denn je.

Die klaren schwarz-weiß Bilder tragen den Film in voller Kraft über die gesamte Laufzeit. Vor allem aber der impulsive und gleichermaßen grandiose Score von Bruno Canfora bleibt im Kopf und erzeugt nicht nur einmal Gänsehaut. Die Atmosphäre zählt zu einer der spannendsten und umklammerndsten überhaupt.

Bei den Schauspielern können zwei Legenden des deutschen Films zu Höchstleistungen auffahren. Heinz Rühmann als Kommissar Matthäi war nie besser. In einer durch und durch ernsten Rolle kann er durch sein absolut seriöses und gestandenes Auftreten schnell überzeugen und mitreißen. Gert Fröbe als unterdrückter Schrott steht Rühmanns Darstellung in keinem Stück nach. Fröbe bringt eine erschreckend authentische Darstellung seines Kinderschänders, die ihm die Türen Hollywood schlussendlich eröffnete. Vollkommen verdient, versteht sich.

Nachdem in einem Waldstück die Leiche eines 8 jährigen Mädchen gefunden wurde, wird Hausierer Jacquier zu Unrecht der Tat verdächtigt. Die Polizei wird in Angesicht dieses Mordes nervös, denn schon Jahre zuvor gab es zwei ähnliche Morde. Kommissar Matthäi ist von der Unschuld des Hausierers überzeugt und verspricht der Familie des ermordeten Mädchens den Mörder zu finden. Er mietet eine Tankstelle und nimmt dort die junge Mutter Frau Heller samt Tochter Annemarie auf. Was beide nicht wissen: Annemarie soll als Lockvogel fungieren und schon bald wird sie von einem fremden Mann im Wald angesprochen.

So oft wie wir in der heutigen Zeit mit dem Thema Kindesmissbrauch, Schändung und Vergewaltigung konfrontiert werden, sind wir längst an einen Punkt angekommen, an dem wir uns mit diesem grausamen Thema beschäftigen müssen und auch die bestmöglichen Schritte einleiten um Kinder vor so einem furchtbaren Verbrechen zu bewahren und schützen.

Mit dem Kommissar Matthäi kriegen wir einen Charakter, dem so schnell niemand etwas vormachen kann. Er hat seine strenge Eigenart, die ihm den nötigen Respekt einbringt, aber er weiß auch genau wie er mit Menschen umzugehen hat und wie er sie anpacken muss. Eigentlich wollte er sich gerade nach Jordanien versetzen lassen, doch der Mordfall am 8 jährigen Mädchen kann ihn nicht loslassen und nimmt ihn immer mehr in Anspruch. Dass er sogar ein weiteres Mädchen als Köder benutzt, ist moralisch nicht zu vertreten, doch in seiner ganzen Versessenheit pocht er nur darauf den Mörder zu finden.

Wenn Matthäi plötzlich einen geistesblitzt ereilt und er sich an das Gespräch mit einer Mitschülerin vom getöteten Mädchen erinnert, dann folgt eine der besten Szenen der Krimi-Geschichte. Anhand einer Kinderzeichnung, von Pädagogen nie ernstgenommen, entschlüsselt er das Rätsel Stück für Stück und kann endlich ein klares Täterprofil erstellen.

Doch was muss ein Mensch durchgemacht und erlebt haben, um sich an Kindern auszulassen? Diese Antwort wird im Film vom psychologischen Standpunkt recht simpel erklärt. Schrott, ein Schrank von einem Mann, lebt in einer Ehe, in der er rein gar nichts zu melden hat. Ständig wird er von seiner Frau bevormundet und seine Grenzen werden ihm immer wieder aufgezeigt. Er kriegt Taschengeld und muss sich rechtfertigen, wenn er mal etwas länger als geplant aus dem Haus ist. Eigene Kinder hat er auch keine und wenn er von seiner Frau mal wieder richtig untergebuttert wurde und die Wut in ihm aufkocht, geht er auf die Jagd. Mit Pralinen und Handpuppe gibt er sich als Zauberer aus und nutzt die Naivität eines Kindes um sein Verlangen zu stillen.

Das Schrott sich zu so einem Verhalten hingezogen fühlt, ist wohl nicht wirklich nachvollziehbar, aber mildert den Gesamteindruck des Films in kleinster Weise. Der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt schrieb das tadellose Drehbuch und verfasste im gleichen Jahr seinen Roman ‚Das Versprechen‘, der sich wieder mit diesem Thema befasste. Dort jedoch ging er viel mehr auf die Charaktere ein und baute sie aus, schenkte der Kriminalgeschichte an und für sich aber weniger Aufmerksamkeit.

Dass der Film für seine Zeit ziemlich gewagt und schockierend war, ist verständlich. Doch wer sich auf drastische Darstellung der Taten einstellt, der täuscht sich. Die hat der Film aber auch gar nicht nötig, denn die Tätersuche erweist sich nicht nur als hochspannend und fesselnd, sondern auch als aufwühlend und wachrüttelnd. Das Ende selbst kommt zwar etwas apprupt und abgeharkt und auch die Reaktion der Mutter ist sicher nicht realistisch. Dennoch hat der Film genau das bewirkt, was er wollte: er macht aufmerksam auf schrecklichen Taten, die leider Realität sind und stimmt noch lange nachdenklich.

Fazit: ‚Es geschah am hellichten Tag‘ hat trotz seines Alters nichts von seiner Brisanz und Wichtigkeit verloren. Die hervorragenden Leistungen von Rühmann und Fröbe, der meisterhafte Score und Vajdos tolle Inszenierung in Verbindung mit Dürrenmatts Drehbuch machen den Film zu einem der stärksten Klassiker der Filmgeschichte. Einer der Filme, auf die wir als Deutsche noch stolz sein dürfen.

Bewertung: 9/10 Sternen