Klassiker-Tipp der Woche "Giganten" (USA 1956) Kritik – James Deans letzter großer Auftritt

„Bick, den Kerl hättest du längst erschießen sollen. Jetzt ist er zu reich dazu.“

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Abschied nehmen fällt uns allen schwer. Vor allem wenn er viel zu früh und unerwartet kommt. So ist das auch mit Fans und Schauspielern, Sängern, etc. Natürlich kaum in dem Ausmaß, wie der Abschied von einem geliebten Menschen, aber dennoch lässt sich auch so eine Trennung als tragisch und schmerzhaft bezeichnen. James Dean ist auch hier wieder das allerbeste Beispiel. In George Stevens Oscar prämierten Gesellschafts/Familiendrama ‚Giganten‘ aus dem Jahr 1952, dürfen wir Dean zum letzten Mal in einem ihm würdigen Meisterwerk bewundern.

Die raue Einöde der texanischen Weiten und das einsame Anwesen der Benedicts, wurde in kräftigen Bildern eingefangen, die das verlassen wirkende Land manchmal schon wie einen völlig fremden Planeten erscheinen lassen. William C. Miller versteht sein Handwerk und kann mit punktgenauer Kameraführung und tollen Einstellungen überzeugen. Auch der Score von Dimitri Tiomkin passt sich genau diesem Bild an und kann ganz besonders in den ruhigen Momenten seine ganze Wirkung erzielen.

Bei den Schauspielern konnte ‚Giganten‘ die ganz großen Kaliber dieser Zeit auffahren. Die weiblichen Hauptrolle darf eine der ganz großen Filmikonen übernehmen: Elizabeth Taylor. Taylor zeigt als gutmütige Leslie eine gewohnt tolle Leistung und kann nicht nur durch ihr bezauberndes Aussehen punkten, sondern genauso so mit ihrem ausdrucksstarken Schauspiel. Rock Hudson steht dem natürlich in gar nichts nach. Als reicher Rancher Jordan „Bick“ Benedict, kann er auch sein ganzes Talent beweisen und liefert eine Impulsive, aber auch nuancierte Vorstellung ab. Auch der viel, viel zu früh verstorben James Dean zeigt nach ‚Jenseits von Eden‘ und ‚…denn sie wissen nicht, was sie tun‘ eine absolute Glanzleistung und kann als Jett Rink wieder durch seine einmalige Mimik und Gestik begeistern. Dean bekommt hier aber leider nicht die große Screentime wie Taylor und Hudson. Die Nominierung für den besten HAUPTDARSTELLER ist so auch nicht gerechtfertigt. Aber auch die kleinen Nebenrollen sind mit Mercedes McCambridge als Luz Benedict, Carroll Baker als Luz Benedict II und Dennis Hopper als Jordan Benedict II stark besetzt. In zwei Mini-Rollen sind mit San Mineo und Rod Taylor ebenfalls zwei alte Bekannte zu sehen.

George Steven zeichnet uns mit ‚Giganten‘ ein unheimlich umfangreiches und ausführliches Gesellschaftsbild über drei Jahrzehnte, während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bick Benedict ist attraktiv, hat viel Geld durch seine geerbte Rinderzucht und ist in Texas ein angesehener Mann. Das einzige was ihm noch fehlt ist eine Frau an seiner Seite. Er reist nach Maryland um dort einen Pferdehandel abzuschließen und das prächtige Pferd Westwind mit nach Texas zunehmen. Dabei verliebt er sich in Leslie und heiratet sie. Wieder in Texas angekommen, besitzt er nicht nur ein tolles Pferd, sondern hat auch endlich die ersehnte Ehefrau gefunden. Das Missfällt Luz, der Schwester von Bick, die nun ihren Platz in der Familie in Gefahr sieht. Immer wieder versucht Luz Leslie in die Rolle der Hausfrau zu drängen. Leslie, die einen klaren Plan vom Leben hat, gefällt das natürlich gar nicht und es entstehen immer mehr Spannungen zwischen den Frauen. Nach einem schrecklichen Unfall mit dem neuen Pferd, verstirbt Luz und hinterlässt dem Außenseiter und Hilfsarbeiter Jett ein kleines Stück Land.

Die Jahre vergehen, Leslie und Bick wurden inzwischen mehrere Male Eltern und Jett, der sein Leben auf dem kleinen Land immer mehr in den Griff zu bekommen scheint, stößt bei alltäglichen Arbeiten auf eine sprudelnde Ölquelle. Jett, der vorher gerade so um die Runden gekommen ist, wird von einem Moment auf den anderen zu einem der reichsten Männer überhaupt. Doch Geld und Macht allein machen nicht vollkommen glücklich. Das wissen inzwischen auch Bick und Leslie, die sich in ihrem riesigen Haus immer fremder werden und in ihren Kindern keine rechtmäßigen Erben für die Rinderzucht finden können.

Das Familienbild in ‚Giganten‘ ist genauso wie das Gesellschaftsbild von vornherein klar. Niemand lässt Dreck auf seinem Namen liegen, die Arbeit steht über allem und die Familie verliert sich dadurch immer mehr aus den Augen. Für Bick zählt nur seine Rinderzucht. Wie sein Großvater und sein Vater Rinder gezüchtet haben, tut er das auch. Er hatte keine Wahl, es wurde ihm gesagt und fertig. Das versucht er auch mit seinem Sohn, der jedoch will ganz andere Wege einschlagen. Völlig unverständlich für Bick und eine große Blamage. Genauso wie seine Meinung zu den mexikanischen Arbeitern auf der Ranch. Sie sind billige Hilfsmittel, sie tun ihre Arbeit und gut. Helfen sollen sie sich bei Problemen selber und wenn sie krank sind, dann haben sie ganz einfach Pech. Leslie dagegen ist offen für die große, weite Welt. Will viel sehen, will lernen und verstehen. Die Kinder haben die Freiheit zu lernen was sie wollen, sie sollen nur glücklich werden. Die mexikanischen Arbeiter behandelt sie, genau wie sie Jett behandelt, mit Respekt und Freundlichkeit. Aus der Sicht von Luz und Bick ein unverständliches und unangebrachtes Verhalten. Sie setzt sich mehr und mehr für die Mexikaner ein, hilft ihnen die nötige Hygiene im Dorf zu erreichen und besorgt sogar einen eigenen Arzt. Das trockene und verstaubte Texas, trifft auf das blühende Maryland. Zwei verschiedene Mentalitäten, die immer wieder aufeinanderstoßen. Bick fühlt sich von Leslie immer wieder bloßgestellt, weil sie sagt wie sie denkt und sich nicht wie die anderen Frauen still in die Ecke oder an den Herd stellt. All das treibt sie auseinander und doch immer wieder zusammen. Sie können nicht mit und sie können nicht ohne einander.

Eine ganz andere tragische Figur ist der junge Jett. Jett war immer ein Außenseiter, für das Arbeiten war er gut genug, das war es dann. Zu Leslie fühlte er sich jedoch schon immer hingezogen, denn sie hat ihn nicht schräg angeguckt oder schlecht behandelt. Der plötzliche Reichtum erschlägt Jett jedoch. Die Macht die ihm die Ölquelle verleiht, kann er nicht handhaben. Er steht sogar über Bick, ist aber durch seine lange Einsamkeit längst zum Alkoholiker geworden. Er wacht alleine auf, er schläft alleine ein. Er hat keinen Halt im Leben, niemand der ihm hilft, niemand dem er sich anvertrauen kann und niemanden der ihn zurückhält. Da sind nur das unzählbare Geld, seine unendliche Verlassenheit und der Alkohol, mit dem er in aller Kraft versucht, diese Vereinsamung zu ertränken. Trotz seines Reichtums wird er sich nie verändern. Er wird immer ein Außenseiter bleiben. Der Unterschied ist nur, dass er ein reicher Außenseiter ist und sich mit der Zeit durch seine Sucht selbst richten wird.

‚Giganten‘ ist ein unhaltbar wuchtiges Epos über den Wert von familiärer Bindung und Zusammenhalt. Über die Dinge, die im Leben wirklich zählen. Das offenbart uns der Film erst in den letzten Minuten, wenn wir die Schicksale von Leslie, Bick und Jett gegenübergestellt bekommen. Die einen bekommen die Kurve, überdenken ihr Verhalten und finden in die Spur. Andere hingegen bleiben sie selbst, obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben um sich zu ändern. Es ist aber auch eine Geschichte über unverstandene Gefühle, über die eigene Isolation und über Gewinner und Verlierer. Als kleinen Kritikpunkt könnte man vielleicht die hastig wirkenden Zeitsprünge zwischendurch bezeichnen, jedoch sind die Zeitpunkte gar nicht falsch angebracht und das ausführen dieser übersprungenen Momente, würde den mit 200 Minuten schon großen Rahmen, nochmal gewaltig sprengen. Was aber nicht heißen soll, das der Film grobe Längen hat. Ganz im Gegenteil, die 200 Minuten vergehen wie im Flug und weisen kaum nennenswerte oder schwerwiegende Durchhänger auf.

Fazit: Ganz besonders aber wird ‚Giganten‘ für mich immer ein Film sein, mit dem ich das Wort Abschied verbinden werde, denn James Dean verabschiedet sich mit einem gestürzten Charakter von der großen Leinwand, aber mit seiner dritten unvergesslichen Darstellung von der Welt. Dazu die weiteren fantastischen Darsteller, die tollen und atmosphärischen Bilder, der feine Soundtrack und Stevens oscarprämierte Inszenierung machen den Film zu einem der größten und besten Klassiker aller Zeiten, für den man sich unbedingt die Zeit nehmen sollte. Kurz gesagt: Giganten ist einfach gigantisch und das in jedem Punkt.

„Ich bin reich, Bick. Ich werde mehr Geld haben, als Sie und ihre dreckige Sippschaft!“

Bewertung: 9/10 Sternen