Klassiker-Tipp der Woche "Halloween" (USA 1978) Kritik – Die Nacht des Grauens

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Der leibhaftige Tod ist in Ihre Stadt gekommen, Sheriff. Sie können ihn ignorieren oder mir helfen ihn aufzuhalten.

Die goldenen Zeiten des John Carpenter liegen weit zurück in staubiger Vergangenheit. Seinen letzten annehmbaren Film lieferte er mit ‚Vampire‘ 1998, mit einem ultracoolen James Woods in der Hauptrolle. Heute ist Carpenter allerdings nur noch ein grauer Schatten seiner selbst und der einst so hochwertige Name hat viel von seinem Glanz einbüßen müssen. Diesmal gehen wir allerdings zurück in die glorreichen Tage und widmen uns seinem wohl bekanntesten, wegweisendsten Film aus seiner inzwischen durchwachsenen Karriere. Die Rede ist von einem Horror-Meisterwerk, das Carpenter noch vor seinen Meilensteinen ‚The Fog‘, ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ und ‚Die Klapperschlange‘ inszenierte. Spätestens jetzt müsste der Groschen gefallen sein, denn es kann sich nur um den unantastbaren Klassiker ‚Halloween‘ handeln.

An Halloween tötete der 6 jährige Michael Myers seine Schwester mit einem Küchenmesser. Nun sind Jahre vergangen und der inzwischen erwachsene Michael bricht aus der psychiatrischen Anstalt wieder aus. Sein Arzt, Dr. Loomis, der ihn behandelt, versucht Michael wieder einzufangen und ist der klaren Überzeugung, dass Michael in seine Heimatstadt Haddonfield zurückkehren will, um erneut zu morden. Laurie, eine Jugendliche aus Haddonfield, hat seitdem das ständige Gefühl, das sie von einem maskierten Mann beobachtet wird…

Mit Jamie Lee Curtis als Laurie, die durch diese Rolle zur Screamqueen wurde, hat Carpenter genau das richtige Gesicht gefunden. Unschuldig, frisch, zart, sympathisch und doch standhaft. Genau so wie das Auftreten und der Charakter der Jugendlichen auch auszusehen hat. Als Dr. Loomis ist Donald Pleasence zu sehen. Pleasence, der gerne unterschätzt wird, ist genau der richtige Mann für den seriösen Loomis, der genau weiß, was auf Haddonfield zukommen wird. Nick Castle hat als Michael Myers zwar immer eine Maske auf, doch allein seine klare Körpersprache ist angsteinflößend.

Bei einem Budget von knapp über 300.000 Dollar sollte man natürlich kein prachtvolles Setting oder beeindruckende Effekte erwarten. Sogar die Schauspieler mussten ihre eigenen Klamotten mitbringen, denn dafür war kein Platz mehr im Budget. Die Kameraführung von Dean Cundey ist immer direkt auf dem Punkt und hält nur die wichtigsten Sachen fest, ohne abzuschweifen. Selten wirkte eine gepflegte Vorstadt so furchterregend und bedrängend. Der inzwischen legendäre Score von John Carpenter höchstpersönlich zählt nicht nur zu den besten Soundtracks überhaupt, sondern schöpft aus seinem Minimalismus das Maximum. Gänsehaut ist unausweichlich. Das alles lässt eine einzigartige Atmosphäre entstehen, wie man sie besser kaum machen hätte können.

Nach dem zügigen und genauso genialen Beginn, in der wir alles durch die Augen von Michael betrachten, um kurz darauf in das so normale Kindergesicht zu blicken, nimmt Carpenter das Tempo rapide raus. Wir werden in das Vorstadtleben langsam, aber nie schleppend, eingeführt. Halloween steht wieder vor der Tür und Kinder freuen sich auf das Verkleiden und Süßigkeiten sammeln. Laurie muss wieder Babysitten und den Überredungsversuchen ihrer Freundinnen zu Partys, Alkohol und Sex widerstehen. Alles ist wie immer und doch so anders. Ein dunkler Schatten scheint sich in die Stadt zu schleichen und nach und nach immer schwerwiegender die heile Welt zu zerstören. An allen Ecken scheint der maskierte Mann in pechschwarzer Kleidung zu lauern. Hinter jeder Hauswand und hinter jedem Busch, könnte der Alptraum warten und sein eindringlicher toter Blick scheint sich in den Köpfen zu verankern. Doch unter der Maske lauert ein Geheimnis, welches gleichermaßen verstört und sich mit seiner ganzen Klarheit in den Köpfen einbrennt.

Was Carpenter hier unnachahmlich versteht, ist das Erzeugen von Atmosphäre. ‚Halloween‘ packt uns ab der ersten Einstellung und lässt zu keiner Sekunde los. Die Situation wird immer unvorhersehbarer und spannt sich zunehmend an. Was sich wirklich unter der Maske befindet, wird immer unerklärlicher. Wir haben den Blick des offensichtlich erschreckten Jungen gesehen, doch was hat ihn dazu verleitet? Carpenter gibt uns nicht den Hauch einer Antwort und lässt uns mit der zerfressenden Angst allein. Hat Dr. Loomis Recht und ist Michael wirklich das pure, unzerstörbare Böse? Man weiß es nicht und die Suche nach Motiven scheitert kläglich. Wir befinden uns in der sauberen Kleinstadt und das Fremde dringt langsam in sie hinein. Schutz finden wir nirgendwo und Carpenter zieht die Schlinge immer enger und enger, bis uns der Atem gänzlich wegbleibt. Eine atmosphärische Meisterleistung, deren Faszination und Undurchdringlichkeit niemals abflachen wird. Für die heutige Jugend ist ‚Halloween‘ sicher zu ruhig und die Menschen, die hier ein blutiges Massaker erwarten, werden enttäuscht sein. Auch kleine Logikpatzer und etwas angesetzten Staub kann man dem Film nicht absprechen. Wer sich jedoch einer exzellenten Atmosphäre hingeben kann, der erlebt hier einen der besten Horrorfilme überhaupt.

Fazit: Mit ‚Halloween‘ gelang John Carpenters mit seinem vierten Film bereits ein Geniestreich. Als Mutter des Slasher-Films und einer der absoluten Könige des Horror-Genres, ging Halloween vollkommen zu Recht in die Filmgeschichte ein. Eine perfekt Atmosphäre, ein unvergesslicher Score, so wie eine maskierte Horrorikone, die zu den beliebtesten und erschreckendsten überhaupt zählt. Ein minimalistisches Meisterwerk, durch und durch.