Klassiker-Tipp der Woche "Der Himmel über Berlin" (DE 1987) Kritik – Wim Wenders und die unsterbliche Menschlichkeit

„Wie kann es sein, dass ich, der Ich bin, bevor ich wurde, nicht war und dass einmal ich, der Ich bin, nicht mehr der, der Ich bin, sein werde.“

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Das deutsche Kino ist nicht mehr das, was es einmal war und kommt immer näher an den Nullpunkt heran. Die Zeiten der großen Regisseure sind längst vorbei und prägende Namen werden in der Filmwelt schmerzlich vermisst. Nun sind es Namen wie Jimi Blue Ochsenknecht, Matthias Schweighöfer und Elyas M’Barek, die sich vor der Kamera als Publikumsmagnet erweisen und Til Schweiger ist der beliebteste Regisseur, der sein eigenes Erfolgsrezept immer und immer wieder kopiert. Um Qualität geht er hierbei schon lange nicht mehr, viel mehr interessiert das Aussehen und die 08/15-Lovestorys sprengen jedes Mal aufs Neue die Kinokassen, obwohl es hier weder Überraschungen, noch etwas Neues gibt. Denkt man zurück an große Namen, dann kommen sofort Namen wie Rainer Werner Fassbinder, F.W. Murnau, Fritz Lang oder Werner Herzog direkt in den Sinn. Eine Hoffnung der Neuzeit ist Deutsch-Türke Fathi Akin, der mit ‚Gegen die Wand‘, ‚Soul Kitchen‘ und ‚Auf der anderen Seite‘ wieder richtig hochwertiges Kino in die Abgedroschenheit brachte, genau wie Florian Henckel von Donnersmarck, der mit dem Stasi-Drama ‚Das Leben der Anderen‘ auch vollkommen verdient den Oscar entgegennehmen durfte. Ein ganz anderer und ebenso interessanter deutscher Filmemacher, ist der gebürtige Düsseldorfer Wim Wenders, der 1987 nach 10 jähriger Abstinenz wieder zurück in sein Heimatland kam und mit ‚Der Himmel über Berlin‘ gleich eines der vollkommenen Meisterwerke des deutschen Films geschaffen hat, von dem heutige Regisseure nur träumen können.

Zwei Engel treiben durch die Straßen und Wohnungen von Berlin. Für Erwachsene unsichtbar lauschen sie den Gedanken der Menschen, legen unbemerkt die Hand schützend auf die Schulter und nehmen sich ihnen an, doch einer von ihnen, Damiel, verliebt sich in eine französische Trapezkünstlerin Marion und möchte seine Übernatürlichkeit aufgeben um in eine menschliche Hülle schlüpfen zu können und zu fühlen wie Mensch…

Fragt man so nach den größten Klassikern der deutschen Filmkunst, dann sollte man bei den genannten Regisseuren immer auf die gleichen Nenner kommen. Da wären in jedem Fall ‚Nosferatu – Symphonie des Grauens‘, ‚Metropolis‘, ‚M‘, ‚Die Blechtrommel‘, ‚Die Ehe der Maria Braun‘, ‚Angst essen Seele auf‘ und die Kinski/Herzog-Werke ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘, ‚Aguirre, der Zorn Gottes‘ und ‚Fitzcarraldo‘. Das alles sind wichtige, prägende und unnachahmliche Meisterwerke, die eine Qualität besaßen, welche so heute in dieser Form nur noch vermisst und nicht genießen kann. Warum sich auch ‚Der Himmel über Berlin‘ in diese Reihe zählen darf, fängt bei dem fantastischen Drehbuch an, welches als Rahmen das Gedicht „Lied vom Kindsein“ von Peter Handke. Innendrin befindet sich die eigentliche Geschichte, die von Wim Wenders persönlich und Richard Reitlinger so ungebunden und einzigartig verfasst wurde, dass man schon bei der ersten Einstellung die kommende Besonderheit bemerken kann.

Für diese Einstellungen war Henri Alekan verantwortlich gewesen, der die Engelswelt in wunderbaren schwarz-weiß Aufnahmen eindeckte und die Menschenwelt in klare und ebenso prächtige Farbtöne, die sich wie ein bunter Schleier sofort auf den Zuschauer legen können und einfach in ihrer Schönheit umklammern, genau wie Jürgen Kniepers Score, der sich den Szenen genau anpasst. Genauso überzeugen die Schauspieler, vor allem Bruno Ganz als sehnsüchtiger Engel Damiel, der jede Facette seines extrem interessanten Charakters mit seinem ganzen Können ausspielt. Aber auch die Nebenrollen sind mit Otto Sander als zweiter Engel Cassiel, Solveig Dommartin als Marion, Peter Falk als Filmstar und Curt Bois als alter Poet wunderbar besetzt.

Wir finden uns im noch in West und Ost getrennten Berlin im Jahre 1987 wieder. Hier sind es die beiden Engel Damiel und Cassiel, die durch die Straßen der Hauptstadt reisen und die Menschen in ihrem Leben beobachten. Sie sitzen in ihren Wohnungen, irren durch die Straßen, fahren mit der U-Bahn und verbringen die Zeit auf der Arbeit. Dabei haben Damiel und Cassiel die Möglichkeit, die Gedanken aller Menschen zu lesen, die sich natürlich auch um die verschiedensten Dinge drehen. Die einen fragen sich, warum sie nicht über verstorbene Menschen trauern können, die anderen spielen mit dem Gedanken Selbstmord zu begehen und wieder ganz andere sind genervt vom schlechten Fernsehprogramm und der lauten Rockmusik aus dem Zimmer des Sohnes. Mittendrin die beiden Engel, die von erwachsenen Menschen nicht gesehen werden können, sondern nur von unschuldigen Kinderaugen. Dazu ist der ehemalige Engel Peter Falk, nun ein Filmstar, in Berlin und dreht seinen neuen Film. Auch er kann die Engel nicht mehr sehen, aber er fühlt die Anwesenheit. Dann gibt es noch den alten Poeten Homer, der sich nach der Vergangenheit sehnt und auf der Suche nach dem Potsdamer Platz ist. Als Damiel sich dann auch noch in die französische Trapezkünstlerin aus einem Zirkus verliebt, steht sein Entschluss langsam fest. Er will in die Welt der Menschen, die eigenen Sphären verlassen und spüren was es heißt, ein Mensch zu sein.

„Keine Träne, kein Schmerz. Vielleicht später…“

‚Der Himmel über Berlin‘ ist klare Geschmackssache und wird nicht jedem Zuschauer gefallen können, doch wer sich dem Film nicht nur mit offenen Augen hingibt, sondern auch mit dem Herz sehen und verstehen kann, der erlebt hier eine einmalige Reise durch zwei verschiedene Welten, mitten in Berlin. Engel Damiel verliert sein Herz an Marion, doch sie kann ihn nicht sehen, sie weiß nicht, dass es ihn gibt, obwohl er schon lange bei ihr ist, um ihren Gedanken zu lauschen. Damiel will nicht mehr Engel sein, er will alles aufgeben, um einer von vielen zu werden. Er wird zum Menschen, sieht die Welt in ihrer ganzen Farbenpracht, atmet die Luft und das Flair der Hauptstadt so ein, wie er es noch nie tat. Neue Eindrücke und neue Ansichten in einem neuen Leben. Der sehnsüchtige Wunsch nach Menschlichkeit lässt sich auf das unbändige Verlangen und die ewige Sucht zurückführen. Eine Sucht nach Zuneigung, Berührungen, Schmerz, Trauer und Annahme. Er will mit dem Zigarettenqualm seine Lunge füllen und den heißen Kaffee endlich schmecken. Die Alltäglichkeit für jeden wird zur unbeschreiblichen Besonderheit für den einen. Menschlich sein, nicht nur zum Schein. Gesehen werden, fühlbar sein, unter uns treiben und mit der neuen Existenz eins werden. Die Unsterblichkeit eintauschen gegen das Anlehnen und Einkehren, gegen das Altern und Vergehen. Lieben und geliebt werden. ‚Der Himmel über Berlin‘ ist das gefühlvolle Schweigen und die zarte Liebeserklären an das, was wir sind, aber viele nicht mehr zu schätzen wissen. Ein poetischer Werdegang zwischen Vergangenheit und Zukunft, der eine philosophische Schönheit besitzt und in jeder Szene ein ganz eigenes Ziel findet, voller Fragen, auf die es nie Antworten geben wird.

Fazit: ‚Der Himmel über Berlin‘ ist ein klares Muss für jeden, der sich in Filme versetzen kann und jede Moment auskosten wie fühlen kan. Ein meditatives, stilles, philosophisches und einfach wunderschönes Meisterwerk über die poetische Bedeutung des Daseins und was es heißt, ein Mensch zu sein. Mit fantastischen Aufnahmen, hervorragenden Darstellern, dem grandiosen Drehbuch und Wenders nahezu perfekter Inszenierung wird ‚Der Himmel über Berlin‘ zu einem unvergesslichen Kunstwerk.

Bewertung: 10/10 Sternen