Klassiker-Tipp der Woche "Hundstage" (USA 1975) Kritik – Al Pacino begeht ein Verbrechen aus Liebe

„Verhaltet euch ruhig und gelassen und wir werden aus der Sache rauskommen.“

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Al Pacino hat in seiner Karriere nicht nur eine denkwürdige Performance abgeliefert, sondern gleich ein Dutzend. Vor allem in den 70er Jahren wurde er für so gut wie jede Rolle für einen internationalen Preis nominiert, oder konnte ihn im besten Fall sogar auch gewinnen. Das er heute nur noch ein grauer Schatten seiner strahlenden Jahre ist, hat inzwischen jeder Begriffen, und das er sich in grausigen Adam Sandler Filmen herumschlägt, schmerzt noch viel mehr, gerade im Anbetracht auf die ruhmreiche Zeit, in denen er sich mit Robert De Niro den Schauspielthron teilte. In dieser Glanzzeit arbeitete er zweimal mit dem Meisterregisseur Sidney Lumet zusammen, der aus ihm natürlich das Maximum herauskitzelte. 1973 fing es mit dem Polizei-Drama ‚Serpico‘ an und fand seine zweite Runde 1975 in ‚Hundstage‘, bei dem Lumet sich einem wahren Banküberfall aus dem Jahre 1972 annahm und wieder bewies, warum er einer der talentiertesten und genauesten Regisseure dieser Zeit war.

Kurz vor dem Feierabend und Schalterschluss stürmen drei Männer in eine Bank in Brooklyn und wollen das Geld aus dem Tresor. Der Tresor ist allerdings schon leer, denn das Geld wurde schon abgeholt und lediglich 1.100 Dollars sind noch zu haben. Einer der Männer verzieht sich darauf schnell und die beiden anderen begehen einen dummen Fehler, der die Polizei schnell anlockt. Nun spannt sich die Lage immer weiter an, doch Sonny, der Kopf des Verbrechens, plante den Überfall gar nicht aus Habgier…

In der Hauptrolle sehen wir also einen Al Pacino, der in der Blütezeit seiner Karriere steckte und nicht zu schlagen war. Als Bankräuber mit Herz Sonny Wortzig zeigte er sich wieder einmal von seiner besten Seite und steht seiner ebenfalls fantastischen Darstellung als Frank Serpico in keinem Punkt nach. Pacino entfaltet seinen Charakter Stück für Stück, bis er seine Seele dem Zuschauer vollkommen offenbart und dieser versteht, mit was für einem einfühlsamen Menschen er es zu tun bekommen. Eine nuancierte und doch impulsive Großleistung der Legende. An seiner Seite sehen wir John Cazale als Sal, der schon mit Pacino in den ersten beiden ‚Paten‘-Filme zusammenspielen durfte und auch hier wieder mit seiner zurückgebliebenen Art genau in das Charaktermuster passt und so in seinen Szenen vollkommen überzeugt, auch wenn er natürlich nicht die Intensität eines Pacinos erreichen kann. Als Polizist Moretti ist Charles Durning zu sehen, der die Kommunikation zu den Verbrechern aufnimmt und seine Figur solide ausspielen kann. Auch die weiteren Rollen sind mit Chris Sarandon als Leon, Beulah Garrick als Margaret und James Broderick als Sheldon gut besetzt.

Wenn ein Regisseur sich einen wahren Fall zum Thema nimmt, dann kann es schnell passieren, das Fakten und Tatsachen den Hollywoodgesetzen zum Opfer fallen und alles vollkommen verfälscht wiedergegeben wird, so das Monster zu Helden werden und Helden zu Feinden. Bei einem Regisseur wie Sidney Lumet brauchte man solche Befürchtungen im Vorfeld jedoch nicht hegen, denn Lumet heuchelt nicht, noch beugt er sich der Hollywoodmoral. Es geht also um einen missglückten Banküberfall vom 22. August 1972. Die beiden Verbrecher John Wojtowicz, im Film Sonny Wortzig und Salvatore Naturile, im Film Sal, hetzten sich durch einen eigenen Fehler die Polizei an den Hals und verbrachten darauf mehrere Stunden mit dem Geschäftsführer und mehreren Angestellten in der Bank, bis ihre Forderung, ein Flugzeug nach Algerien, endlich in die Wege geleitet wird. Das konnte natürlich nicht gutgehen und für die beiden Männer endete der Einbruch im eigenen Desaster. Ein eigentlich als nur maximal 30 minütiger geplante Überfall wird zu einer 12 stündigen Angelegenheit.

Das große Können von Sidney Lumet lag schon immer in der Charakterzeichnung und der Offenlegung dieser. In ‚Serpico‘ war Al Pacino noch ein junger, idealistischer Polizist, der für das Recht kämpfte, auch wenn es ihn selber zerstören wird. In ‚Hundstage‘ nimmt er nun die Täterrolle ein. Was uns schnell klar wird in Verbindung mit Sonny ist die Tatsache, dass er kein schlechter Mensch ist und mit Sicherheit auch kein Mörder. Er lässt mit sich reden, geht Kompromisse ein und will nicht nur das Beste für sich, sondern für alle Beteiligten. Doch Sonny, der der kluge Kopf des Duos ist, hat sich zu diesem Verbrechen nicht aus Geldsucht verleiten lassen, sondern seines Herzens und seiner Gefühle wegen. Denn Sonny ist zwar verheiratet und hat zwei Kinder, doch in Wahrheit liebt er einen anderen Mann namens Leon, dem er mit dem gestohlenen Geld einen teuren Traum erfüllen will. Sein Komplize Sal ist schon fast das Gegenteil von Sonny. Sal hat, so scheint es, keinen Halt mehr im Leben und stellt sich immer mehr als nervöses, etwas zurückgebliebenes und leise verzweifelndes Wrack dar, dass in den Ecken kauert und ohne Sonny nicht einen Schritt weiterwüsste. Er ist auf ihn angewiesen, kann selber nicht klardenken und wäre sofort bereit zum Töten. Diese beiden unterschiedlichen Menschen stolpern beinahe in ein Verbrechen, welches durch ihren Fehler unzählige Leute anlockt und jeden Standpunkt der Geschichte säuberlich ausleuchtet.

Sidney Lumet inszeniert mit ‚Hundstage‘ in erster Linie keinen packenden Thriller über einen missglückten Bankraub, sondern eine ruhige Charakterstudie über einen Veteran, der nicht aus Habsucht das Geld der Bank stehlen will, sondern aus Liebe. Aus Liebe zu einem Mann, dem er die Geschlechtsumwandlung bezahlen will. Aus Liebe zu einem Mann, dem er endlich seinen größten Wunsch erfüllen möchte, auch wenn er sich dafür strafbar macht und die schweren Folgen alleine tragen muss. Lumet geht auf den Charakter von Sonny mit viel Sensibilität ein, dringt tiefer und tiefer in ihm vor und entblättert die Emotionen, die im Inneren des Homosexuellen immer schwerer aufbrodeln. Sonny ist kein böser Mensch, kein Verbrecher, er handelt aus Leidenschaft. Genauso stellt Lumet seinen Protagonisten auch vor, unheimlich menschlich und ebenso sympathisch. Wir sehen die Polizisten, die ihre Arbeit im Übereifer aus den Fugen geraten lassen und Sonny die letzte Hoffnung auf das gewünschte neue Leben nehmen. Wir sehen die jubelnde Menge, die Sonny immer wieder anfeuern und antreiben. Und wir sehen die Geiseln, die Menschen, die gefangen gehalten werden, allerdings ohne jegliche Gewaltanwendung oder Brutalität. Das Handeln in Extremsituationen wird seziert und ein Meer aus Hoffnung, Verzweiflung, Humor, Menschlichkeit, Angst, Hilflosigkeit und Anspannung kracht über jeden Charakter, wie auch den Zuschauer, langsam ein. ‚Hundstage‘ ist natürlich auch spannend, mit Gesellschafts- und Medienkritik gewürzt und weist keinerlei Längen auf, doch der klare Schwerpunkt liegt auf der Charakterisierung, und die beherrschte Lumet vollkommen.

Fazit: Hundstage ist ein Klassiker, der sich seinen Status natürlich verdient hat, denn einen derart menschlich gezeichneten Überfall bekommt man so nur hier zu sehen. Mit tollen Darstellern, allen voran der einmalige Pacino in Bestform, ohne jegliche musikalische Untermalung, den hitzigen wie klaren Bildern und Lumets sorgfältiger Inszenierung wird ‚Hundstage‘ zu einer spannenden Charakterstudie, die sicher nie etwas von ihrer Qualität verlieren wird und besonders für Pacino-Fans ein absolutes Muss ist.

Bewertung: 8/10 Sternen