Klassiker-Tipp der Woche "Nosferatu" (DE 1922) Kritik – Die unvergessliche Symphonie des Grauens

„Ihr dürft jetzt nicht weiter, der Werwolf streift durch die Wälder.“

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Vampire waren schon immer ein großer Bestandteil der Literatur und Filmwelt. Kein Untoter versprüht einen derartig anziehend Reiz und trägt in sich diese unstillbaren Sehnsüchte. Bram Stockers Roman „Dracula“ ist heute jedem bekannt und hat zu Recht unzählige Anhänger. Und auch im Film sind die Blutsauger wieder angesagter denn je. Verständlich, denn das Potenzial dieser leidenden aber grauenvollen Gestalten wird niemals ausgeschöpft sein. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, das die großen Zeiten der bissigen Grafen vorbei sind und die wirklichen Fans der Vampire fast schon mit Sachen wie Twilight bestraft werden. Doch es gibt immer einen Film, der den Grundstein für die guten und schlechten Vertreter des Genres legte. Ein Film, aus dem alle weiteren Regisseure ihre Kreativität ziehen und den roten Faden weiterspinnen. Im Vampirbereich war das ganz eindeutig Friedrich Wilhelm Murnaus ‚Nosferatu‘ aus dem Jahr 1922. Murnau, der sich natürlich auch eindeutig von Stockers unantastbarem Roman inspirieren ließ, inszenierte in der Zeit des Stummfilms den Vater aller Vampirfilme, der nicht nur prägend war, sondern auch heute nichts von seiner einmaligen Atmosphäre verloren hat.

Graf Orlok kontaktiert aus Transsylvanien den Makler Knock, denn der einsame Graf will sich ein Haus in Wisborg kaufen. Knock schickt darauf seinen Sekretär Hutter in das Land der Geister und Wölfe, damit der Graf den Vertrag unterschreiben kann und der Kauf abgewickelt wird. Hutters Frau Ellen plagt jedoch die Angst vor seiner Abreise und ihre Versuche ihn aufzuhalten scheitern. Als Hutter nachts das schaurige Schloss des Grafen in den Karpaten erreicht, wird er vom geheimnisvollen Grafen begrüßt. Hutter stellt am nächsten Morgen Bisswunden an seinem Hals fest, doch macht sich noch keine Gedanken darüber, was ihm zugestoßen ist. Beim Abendessen fällt dem Grafen ein Bild von Hutters Frau in die kalten Hände und Graf Orlock ist von dem Anblick ihres Halses sofort paralysiert. Nachdem Hutter das Schloss untersucht hat und Orlok in einem Sarg schlafend vorfand und dazu noch die unheimliche Flucht vom Grafen am Abend aus dem Schloss beobachtete, reist er ebenfalls aus Sorge zurück zu seiner Frau…

Die Vieragierung, auf die Murnau in seiner Urfassung bestand, ist für den Film nicht nur wichtig, sondern auch unbedingt notwendig, um einen Überblick der Zeit zu behalten und einen schwerwiegenden Logikfehler in der schwarz weiß Version zu umgehen. Das heißt, Murnau hat seinen Film mit verschiedenen Farbtönen unterlegt: blau, gelb, sepiabraun und rot, um die verschiedenen Tages- und Nachtzeiten einzufärben. Was dem Film natürlich noch eine ganz andere visuelle Kraft gibt. Dazu Hans Erdmanns originale Filmmusik, die ‚Nosferatu‘ den Hauch von schwarzer, düsterer Romantik gibt und die Angst vor dem Geheimnisvollen, die den Film von Anfang an begleitet, immer aufrechterhält. Diese Komposition aus der Kraft der Bilder und der Eindringlichkeit der Musik erzeugt eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann und ab der ersten Einstellung von einer unheimlichen Dichte lebt.

Max Schreck wurde durch seine Darstellung des Grafen Orlock/Nosferatu zu einer Legende. Zu Recht, denn sein manchmal fast erstarrtes Schauspiel trägt so viel Schmerz und Bedrohung in sich, dass er mit seiner bloßen Ausstrahlung für Gänsehaut sorgt und jeden Blick unweigerlich auf sich zieht. Seine Ausstrahlung und immer fühlbare Präsenz kann niemand erreichen, aber auch die weiteren Schauspieler wie Gustav von Wangenheim als Hutter und vor allem Greta Schröder als Hutters Frau Ellen überzeugen in jeder Szene und schaffen es ohne Worte viel zu sagen.

Bram Stokers Dracula wurde schon unzählige Male verfilmt und neuinterpretiert. Ob wir von ‚Dracula‘ mit Bela Lugosi reden, ‚Dracula‘ mit Christopher Lee und auch ‚Dracula‘ von Francis Ford Coppola. Sie alle lassen sich natürlich auf den Roman zurückführen, besitzen aber immer eigene Aspekte und Richtlinien. Das sollte auch Murnau zum Verhängnis werden. Die Frau von Bram Stoker verklagte Murnau und der daraus resultierende Urheberstreit führte dazu, dass viele Kopien von Murnaus fertigem Film vernichtet wurden. Einige Kopien, die schon ins Ausland versendet wurden, konnten jedoch zum Glück gerettet werden und ‚Nosferatu‘ fand seinen gefeierten Weg in die große Filmwelt. Murnau, ein Perfektionist, zählt heute nicht nur zu den wegweisendsten Regisseuren der Stummfilmzeit, sondern auch zu den besten Regisseuren überhaupt, denn jede Einstellung, jeder Blickwinkel und jede Aufnahme trägt eine ganz eigene Symbolik in sich. Die Figur Nosferatu, die es in vielen weiteren Filmen mehr oder weniger schlecht in die Kinos oder Filmregale schaffte, wurde nur noch in zwei Fällen nach Murnaus Meisterstück mit ähnlicher Brillanz inszeniert: Herzogs ‚Nosferatu‘ mit Klaus Kinski in der Hauptrolle, der ebenfalls zu den besten Filmen aller Zeiten zählt und Merhiges ‚Shadow of the Vampire‘, der allerdings eher als grandiose Hommage zu verstanden ist.

Friedrich Wilhelm Murnau zeichnete seinen Grafen Orlock, der nachts zum blutsaugenden Nosferatu wird, zum Untoten, vielen Lebewesen aus der Tier- und Insektenwelt ähnlich. Nosferatu ist ein Jäger. Wenn die Sonne untergeht, steigt er aus seinem Sarg, lechzend nach dem Blut einer sterblichen Seele. Genau wie der Wolf, der durch die Dunkelheit zieht und sein nächstes Opfer auflauert. Das unsichtbare Ungeziefer, die Insekten, charakterlos, fast ohne physische Gegenwart, die ihren tiefsten Instinkten folgen. Eben das trifft auf Nosferatu zu. Ein Jäger, ohne Inhalt, nur diese lüsterne Leere, die ihr Verlangen nach der größten Sucht immer und immer wieder stillen muss. Doch so schrecklich und mysteriös dieser Graf auch sein mag, so tragisch ist er auch. Der zum Leben verdammte Tote, der niemals wieder etwas fühlen wird, keine Liebe, keine Wärme, keine Zuneigung, sondern nur diesen einen Trieb ausleben muss, der ihn schlussendlich zu Staub zerfallen lässt.

‚Nosferatu‘ lebt in erster Linie von seiner Atmosphäre, die uns nicht nur fesselt, sondern auch heute noch, 90 Jahre später, das Fürchten lehrt. Murnau lässt den Tod durch den Film schweben, an jeder Ecke wartet er, überall wird er angedeutet und ständig steht seine eiskalte Symbolik in der Luft. Nosferatu ist ein Verdammter unter den Lebenden, eine stumme Sehnsucht und eine der gefährlichsten Bedrohungen überhaupt. Dabei teilt Murnau seinen Film wie ein Bühnendrama in verschiedene Akte und spielt uns die Symphonie des Grauens und der Begierde in seiner ruhigen, schweigenden und fast leblosen Art und Weise vor. Nosferatu und Graf Orlock, ein Phantom, gefangen im Reich des Lebens, treibend im endlosen Meer der Qualen, angetrieben durch die Lust der Jungfrau und ihr Blut. Die schwarze Romantik, die ‚Nosferatu‘ umwittert, wird in der letzten Szene bis zum Anschlag ausgereizt. Die Furcht und die Anziehenung, die beide in vollem Ausmaß durchleben, die versteckten Triebe, die sich nun eröffnen dürfen, wenn der Vampir in ihr Schlafzimmer eindringt und der erste Sonnenstrahl, der dem Toten den einzigen Wunsch verbietet. Sicher ist ‚Nosferatu‘ heute vielen, allein wegen seines langsamen Erzähltempos, nicht mehr zu empfehlen, doch gerade für die Menschen, die sich in diese Zeit versetzen und fühlen können, dürfte ‚Nosferatu‘ nach wie vor einer tragischsten und wichtigsten Vertreter der Vampir- und Filmgeschichte sein.

Fazit: ‚Nosferatu‘ ist eine Symphonie über Ängste, das Leben und den ewigen, erlösenden Tod. Ein Stummfilm-Meisterwerk, welches nichts von seiner Energie und Atmosphäre einbüßen musste und uns an eine Zeit erinnern darf, in der Vampire noch Vampire waren und nicht so unendlich ausgeschlachtet wurden, damit sich auch jeder mit ihnen abfinden kann. Die hervorragenden Schauspieler, die visuelle Brillanz, Murnaus einzigartige Führung und der begleitende Score machen ‚Nosferatu‘ zu einem der größten Klassiker überhaupt.

Bewertung: 9/10 Sternen