Klassiker-Tipp der Woche "Nosferatu – Phantom der Nacht" (D 1979) Kritik – Die Einsamkeit des Todes

„Das Leben ist nicht alles.“

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7 Jahre später. Die Hass-Liebe zwischen Werner Herzog und Klaus Kinski geht in die nächste Runde. Die Dreharbeiten fielen im Gegensatz zu ‚Aguirre‘ ungewöhnlich ruhig ab. Kinski diesmal völlig ohne Tobsuchtsanfälle und höchst diszipliniert. Selbst bei der täglich vierstündigen Maskenarbeit bliebt er angenehm friedlich und hält sich im Zaun. Die zweite Zusammenarbeit der beiden Größen in ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ von 1979 ist eine Hommage an Murnau’s Stummfilmklassiker ‚Nosferatu – Symphonie des Grauens‘ von 1922. Welcher der beiden Filme nun der bessere ist, darüber will ich nicht richten, nur eins sei an dieser Stelle gesagt: Herzogs ‚Nosferatu‘ ist wie ‚Aguirre‘ ein meisterhaftes Stück Filmgeschichte.

Wieder hat Herzog sich auf die Reise gemacht, direkt nach Transsilvanien, auf der Suche nach passenden Schlössern und er wurde nicht nur einmal fündig. Doch das Problem: Das neue rumänische Staatsoberhaupt wurde durch seine Vorgehensweisen und sein Verhalten zum neuen Graf Dracula betitelt. Folge davon: Drehverbot für Herzog und die durchaus schwierige Suche war umsonst. Doch Werner Herzog lässt sich natürlich nicht unterkriegen und wurde in der Slowakei, Tschechien, in den Niederlanden und im eigenen Land wieder fündig. Wie in ‚Aguirre‘ sagen die Bilder mehr als tausend Worte. Jörg Schmidt-Reitwein fängt unglaublich stimmige, düstere und bedrohlich-vernebelte Landschaftsaufnahmen ein. Auf Jonathans Reise zu Draculas Schloss durchwandert er verschiedenste Landschaften, felsig, eben und finstere Unterführen. Jeder neue Schnitt an dieser Stelle ist auch ein völlig neuer Drehort in den verschiedenen Ländern. Dann die einschnürenden Szenen in den Jonathan die finstere Gänge des Schlosses erforscht und einen möglichen Fluchtweg sucht. Diese Szenen kommen ganz ohne Schnitte aus, was allein der Orientierungsmöglichkeit des Zuschauers dient und das Schloss noch viel bedrohlicher und enger erscheinen lässt. In einer Szene drehte Herzog sogar genau an der gleichen Stelle in Lübeck wie Murnau. Zu beachten an dieser Stelle: Im Original sind vor den Häusern nur kleine Büsche, in Herzogs Film sind es bereits große Bäume. Natürlich ist auch hier wieder die musikalische Untermalung ein großes Highlight. Ob zarte Wagner-Stücke oder die eindringlich-genial komponierte Musik von Popol Vuh. Sie trägt ihren Teil zur einschnürenden Atmosphäre bei, die den Film durchgängig im Klammergriff hält.

Die Besetzung ist wieder überragend und im Gegensatz zu ‚Aguirre‘ mit bekannten Gesichtern besetzt. Die größte Rolle des Films nimmt der Schweizer Bruno Ganz als Jonathan Harker ein. Ganz spielt vom ersten Moment großartig. Zu Anfang noch der entschlossene Makler und zum Ende wird er immer mehr, Stück für Stück, zum Teil des Bösen selbst. Dann Isabelle Adjani, zu ihrer Zeit äußerst beliebt und gefragt und eine gute Freundin von Murnau und Lang selbst. Adjani zeigt ebenfalls eine starke Leistung, vor allem ihre Ängste bringt sie äußerst greifbar und ehrlich rüber. Und das Beste kommt wie gewohnt zum Schluss: der unantastbare Klaus Kinski. Kinski spielt Graf Dracula. Wobei, er spielt nicht nur, er lebt ihn und wird zu Graf Dracula. Kinski verleiht seinem unglücklichen Untoten eine unglaubliche Präsenz. Obwohl Kinski maximal 20 Minuten zu sehen ist, ist er Allgegenwärtig. Alles dreht sich um ihn und auch wenn die Kamera Kinski nicht Sucht, zieht er jeden Blick des Zuschauers auf sich. Kinski steht seiner ‚Aguirre‘-Leistung nicht im Ansatz nach und bringt wieder eine absolut meisterhafte Glanzleistung.

Auch hier setzt Werner Herzog wieder auf die nötige Authentizität die ihn ausmacht. Dass er nicht in Transsilvanien drehen konnte, hat ihn natürlich gefuchst. Doch er fand einen mehr als würdigen Ersatz. Und wie erwähnt, wenn in einem Herzog-Film Indianer auftreten, dann sind das auch Indianer. So ist das auch der Fall in ‚Nosferatu‘ mit Zigeunern. Überall sammelte Herzog die passenden Gesichter ein und gab ihnen den Text vor, den sie im ungefähren sagen sollte. Was sie in Wirklichkeit sagten, weiß Herzog bis heute nicht. Doch wieder einmal besticht Herzog durch sein grandioses Händchen für die Schauspielerwahl die den Szenen nicht nur einmal einen ganz ungewöhnlich, fast abstrakt wirkenden Touch geben. In ‚Aguirre‘ der verwirrte Panflötenspieler, in ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ das Geigenspielende Kleinkind. ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ lebt zuerst von seiner erdrückenden, angsteinflößenden Atmosphäre. Der Zuschauer weiß auf was er sich einlässt und Herzog spielt immer wieder mit den typischen Vampir-Genre-Regeln. Der Name Dracula löst bei den Bewohnern pure Angstzustände aus und das langsame Aufdecken der Wahrheit. Doch ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ steht, trotz leichten Schielens auf den Stummfilm-Klassiker, als eigenständiger Film. Der größte Unterschied der beiden Filme ist die Dracula-Figur selbst. In Murnaus Film war Graf Dracula ein Seelenloser, Herzog selbst nennt Schrecks Dracula-Darstellung gerne „Eine Art Insekt“, äußerst treffend. In Herzog’s Version gibt er seiner Dracula-Figur fast menschliche Züge. Aus dem Untoten wird eine unglaublich tragische Figur. Ein Wesen auf der Suche nach Erlösung. Ein einsames Wesen mit der Sucht nach Selbstzerstörung, Hoffnung und verletzend gefangen in verzweifelter Unendlichkeit. Diese Gefühlswelt, tief verbunden mit nie endender Einsamkeit spielt Klaus Kinski wieder mit beeindruckender Klasse und darf sich ohne Probleme zu den besten Dracula-Darstellern überhaupt zählen und auch gerne mit Max Shreck auf eine Stufe stellen. Dazu kommt der Konflikt, Jonathan-Lucy-Dracula. Jonathan ist geschwächt durch seine unübersichtliche Verwandlung. Lucy die erkennt was mit ihrem Mann nicht stimmt und dem Auslöser, Graf Dracula, vernichten will und Graf Dracula, die Tragik in Person, der nach Erlösung verlangt und sie in der eigenen Weise erfährt. Natürlich muss ich jetzt auch wieder einmal ein ganz großes Lob an Herzog und Schmidt-Reitwein aussprechen, wie sie es wieder verstehen Kinski in Szene zu setzen. Allein die erste Einstellung, in der sich das Schlosstor knatschend öffnet und Kinski langsam aus dem dunkeln Vortritt und man ihn in seiner erschreckend-genialen Maske sieht und es mit der Angst zu tun bekommt. Eigentlich kann ich an dieser Stelle jede Kinski-Szene erwähnen, würde aber natürlich den eh schon gesprengten Rahmen total explodieren lassen. Dazu auch das depressive und hoffnungslose Ende, endlich konsequent durchgezogen. Was mir natürlich außerordentlich gut gefallen hat. Gebündelt mit der letzten perfekten Filmszene, die ich hier ausnahmsweise nicht erwähnen möchte. Doch wer sie kennt, wird mir in jedem Fall zustimmen. Ein perfekter Abschluss für den perfekten Vampir-Film. Das macht ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ zu einem ganz besonderen, weil ganz anderen, Vampir-Film. Natürlich nicht Ansatzweise für einen unterhaltsamen Abend geeignet, aber für jeden Fan von großer Filmkunst eine uneingeschränkte Empfehlung. Auch hier wieder extrem Empfehlenswert: der Audiokommentar von Werner Herzog und Laurens Straub. Ganz große Klasse.

Fazit: Werner Herzogs ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ ist eine mehr als würdige Hommage an den Stummfilm-Klassiker von 1922. Mehr als würdig ist vielleicht sogar noch eine Untertreibung, denn ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ funktioniert nicht nur blendend als eigenständiger Film, er kann sich auch mit Fug und Recht mit Murnau’s Version messen, nur in keinem Fall vergleichen lassen. ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘ begeistert durch seine einmalig bedrohliche Atmosphäre, dem perfekt-gewählten Cast, allen voran Schauspiel-Gott Klaus Kinski und dem fein gewählte Score, der den Film schlussendlich wieder zu einem der besten Filme aller Zeiten macht und zum zweiten Meisterwerk des Gespanns Kinski/Herzog. Hut ab, ein Film der absoluten Extraklasse.

Bewertung: 10/10 Sternen