Klassiker-Tipp der Woche "Psycho" (USA 1960) Kritik – Alfred Hitchcocks seelischer Konflikt

„Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter.“

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Was muss ein Regisseur leisten, um die Massen ins Kino zu locken und auch noch nach dem Tod ein großes Thema in der Filmwelt zu sein? Darauf lässt sich wohl schnell eine klare Antworte finden: Er muss ganz einfach gute Filme inszenieren, die auf sich aufmerksam machen und auch immer mit neuer Aufmerksamkeit geadelt werden können. Wobei man an dieser Stelle sagen muss, das Wort „gut“ ist viel zu simpel. Genauer gesagt muss dieser Regisseur zeitlose, visionäre und beeindruckende Werke auf die Welt loslassen, die auch nach unzähligen Jahren noch mit der gleichen Kraft packen können und die Zuschauer einfach immer und immer wieder begeistern. In diese Kategorie fallen sicher Filmemacher wie Stanley Kubrick, Ingmar Bergman und der Brite Alfred Hitchcock. Und wenn wir uns die Filmografie von Hitchcock anschauen, dann stechen natürlich direkt seine bekanntesten Werke in die Augen: „Der unsichtbare Dritte“, „Die Vögel“, „Vertigo“ und „Das Fenster zum Hof“. Drei Filme, die unerschütterlich erscheinen und niemals ein Feind der Zeit sein werden. Jedoch wurde in dieser Aufzählung bewusst eines der großen Meisterwerke von Hitchcock ausgelassen, denn um diesen Film, der von vielen als Hitchcocks Bester bezeichnet wird, soll sich hier alles drehen: „Psycho“ aus dem Jahre 1960, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Robert Bloch.

40.000 Dollar sind schon eine verlockende Menge Geld. Das dachte sich auch die hübsche Sekretärin Marion Crane, die ihren Boss schnell um diesen Batzen erleichterte und sich schnurstracks auf dem Weg aus dem Staat machte, um zu ihrem Liebhaber nach Kalifornien zu kommen. Als sich jedoch ein Polizist an ihre Fersen heftet, weil er einen gewissen Verdacht hegt, macht sie im strömenden Regen Halt bei einem abgelegenen Hotel, welches unter der Führung des etwas zurückhaltenden Norman Bates steht. Als Norman seinem neuen Gast etwas zu essen bringen will, kann Marion aus dem Haus gegenüber ein Streitgespräch zwischen Norman und seiner Mutter hören. Währenddessen machen sich Marions Liebhaber Sam und ihre Schwester Lila langsam Sorgen um die verschwundene Schwester und begeben sich zusammen mit dem Detective Arbogast auf die Suche…

„Psycho“ ist einer dieser Jahrhundertfilme, in dem sich wirklich alles im Bereich der Perfektion abspielt. Das adaptierte Drehbuch von Joseph Stefano lässt keine Schwächen und Lücken zu und wurde von Hitchcock natürlich ebenso fantastisch umgesetzt. Dann die unvergessliche Musik von Meister Bernard Herrmann, der eine der großen Komponistenlegenden ist, und mit seinem Score zu „Psycho“ die eigene Unsterblichkeit endgültig gerechtfertigte. Herrmanns Soundtrack umklammert die hervorragende Atmosphäre nicht nur, sondern treibt sie immer weiter und weiter an, bis sie sich irgendwann auf der Spitze der erdrückenden Spannung entlädt. Ein weiteres großes Lob muss da an John L. Russells schaurige Kameraarbeit gehen, der einen riesigen Teil zur unklaren Lage beiträgt und immer nur das offenbart, was das Interesse und die Anspannung des Zuschauers antreibt, ohne aber die Karten zu früh auf den Tisch zu legen. Und dann natürlich noch der Schnitt von George Tomasini, der ebenfalls ganz große Kunst ist. In der berühmten Duschszene fügen sich diese Elemente in einer derartigen Brillanz und unangefochten Genauigkeit zusammen, wie man sie so nur hier zu sehen bekommt.

Natürlich dürfen auch die Schauspieler nicht unerwähnt bleiben, und bei einem Film von Hitchcock weiß man ja, dass der Perfektionist immer alles aus seinen Schauspielern herausholt. Angefangen mit dem damaligen Star Janet Leigh, die Marion Crane spielt und Teil eines der größten Kniffe Hitchcocks ist, mit dem er die Erwartungen des Zuschauers konsequent zerbricht. Vera Miles als Lila Crane, John Gavin als Sam Loomis, der auch Namengeber für John Carpenters Dr. Loomis in „Halloween“ wurde, und Martin Balsam als Detective Arbogast. Alle bringen sie in ihren Rollen starke Leistungen und können ihre Charaktere blendend ausfüllen. Das große Besetzungshighlight ist jedoch Anthony Perkins als Norman Bates, der sich mit dieser Rolle zu einer Legende machte, danach allerdings rein gar nichts mehr erreichen konnte. Perkins stellt den Motelbesitzer in einer Präzision dar, das einem so manches Mal ein Schauer über den Rücken läuft, gerade in Anbetracht der Verlaufs der Geschichte und Rückblickend auf die Vorkommnisse. Eine Meisterleistung von Perkins, der im Jahre 1992 tragisch an Aids verstorben ist.

Es ist nach wie vor beeindruckend, wie „Psycho“ es beherrscht, den Zuschauer durchgehend zu dirigieren und wie Marionetten durch den Film zu führen. Meisterregisseur Alfred Hitchcock, und das zählt zu den ganz großen inszenatorischen Leistungen der Filmgeschichte, vermischt und vertauscht dabei immer wieder Sympathie, Antipathie und Empathie und legt sie wie einen Schleier über die Figuren, nur um sie in der nächsten Szene wieder zu wechseln und den Zuschauer so nach Lust und Laune zu manipulieren. Dabei arbeitet Hitchcock zumeist immer nur mit Andeutungen und bedrohlicher Symbolik, die in Form von unscharfen Schatten auftritt und die Ängste der Zuschauers weiter antreibt, der sich in der unklaren Lage immer wieder zurecht finden muss. „Psycho“ erweist sich als unvergessliche Suche nach Wahrheit, die allerdings auf allen Seiten eine unterschiedliche ist, wenn auch immer den gleichen Kern in sich trägt. Lila und Sam suchen nach Marion, die sich flüchtend aus der Stadt begeben hat und wie vom Erdboden verschwunden ist. Wir als Zuschauer kennen die Wahrheit, jedoch wissen wir nicht, wer Marion umgebracht hat. So befinden wir uns in einem Rätsel, welches sich mit der wahren Identität des Mörders und der Wahrheit um die Person von Normans Mutter befasst, von der wir alles gesehen haben, außer das Gesicht. Hitchcock versteht es, die Atmosphäre immer weiter aufzudrehen und den Zuschauer nicht nur zum Voyeurismus zu verführen, sondern ihn auch selber zum Teil der erschaffenden Illusion zu machen, die ihre eigenen Lügen glaubt und in einem Farbspiel, verdeutlich durch die weiße Reinheit und die schwarze Befleckung, gefangen nimmt. „Psycho“ wird zu einem Suspense-Thriller, der nicht nur durchgehend hochspannend ist und mit atmosphärischer Perfektion glänzen kann, sondern auch die seelischen Konflikte, gebaut auf Eifersucht und Veränderung, des unbekannten Psychopathen schlüssig bis zum großen Finale ausleuchtet.

Fazit: Wenn ein Film den Titel „Klassiker“ ohne Wenn und Aber verdient hat, dann ist es Alfred Hitchcocks „Psycho“, der wirklich auf allen Ebenen brillant funktioniert und nie etwas von seiner Genialität verlieren wird. Schauspielerisch fantastisch, psychologisch hochinteressant, atmosphärisch beklemmend und visuell beeindruckend. All das trifft auf „Psycho“ zu, der sich weder Schwächen erlaubt, noch irgendwelche Durchhänger aufweist. Nie war ein Hotel gruseliger und nie konnte einen Film dieses derartige Paukenschlagfinale imitieren, das auch heute noch einen erbarmungslosen Schauer über den Rücken jagt. „Psycho“ ist ein Meisterwerk, durch und durch, das wirklich jeder in seinem Leben gesehen haben muss und es genauso zu schätzen wissen wird.

Bewertung: 10/10 Sternen