Klassiker-Tipp der Woche "Stand by Me" (USA 1986) Kritik – Ein ganz persönliches Geheimnis

„Viele Gedanken schossen uns durch den Kopf, doch wir sprachen kaum.“

null

Mit Filmen wie ‚Harry und Sally‘, ‚Misery‘ und ‚Eine Frage der Ehre‘ konnte sich Regisseur Rob Reiner einen Namen machen und mehrere Male seine Qualität unter Beweis stellen. Mit ‚Misery‘ inszenierte Reiner aber nicht seine einzige gelungene Adaption eines Stephen King Vorlage. Seine dritter Kinofilm ‚Stand by‘ Me aus dem Jahr 1986, basierte ebenfalls schon auf der Novelle „Die Leiche“ von Stephen King, der sich als Autor sicher nicht nur in der Horrorecke wohlfühlte. Das Wort gelungen wird ‚Stand by Me‘ allerdings nicht im Ansatz gerecht, denn Rainer inszenierte hier nicht nur einen der schönsten Jugendfilme überhaupt, sondern auch einen der besten Filme, der längst zu Recht als zeitloser Klassiker gilt.

Castle Rock im Jahre 1959: Gordie, Chris, Teddy, Vern verfolgen schon einige Zeit gebannt die Radiomeldungen über einen Jungen beim Blaubeerpflücken verschwand. Der Junge soll angeblich irgendwo tot an den Gleisen liegen. Die Jungs wollen den toten Jungen finden und erträumen sich davon ein aufregendes Abenteuer, doch der Marsch dorthin wird nicht nur anstrengend, sondern verändert die Jungs von Grund auf…

Mit Kinderdarstellern ist das ja immer so eine schwierige Angelegenheit. Richtig böse kann man ihnen nicht sein, auch wenn sie mit ihren Darstellungen noch so sehr auf die Nerven gehen. Aber es gibt zum Glück die anderen Seiten und Kinder, die wirklich starke Leistungen bringen. Das trifft bei Stand by Me auf jeden Fall zu. Will Wheaton als Gordie, der viel zu früh verstorbene River Phoenix als Chris, der Inbegriff des 80er Jahre Kinderdarstellers Corey Feldman als Teddy und Jerry O’Connell als Vern leisten allesamt großartiges und füllen ihre unterschiedlichen Charaktere fantastisch aus. Die Harmonie zwischen den vier Jungs stimmt einfach. Die kleinen Rollen sind mit Kiefer Sutherland, John Cusack und Richard Dreyfuss als erwachsener Gordie, der gleichzeitig auch als Erzähler fungiert, ebenfalls erstklassig besetzt.

Aber nicht nur die tollen Hauptdarsteller harmonieren brillant, sondern auch Thomas Del Ruths Aufnahmen der idyllischen Sommerlandschaft sind voller Vertrautheit und Schönheit und liefern eine herzerwärmende Einstellung nach der nächsten. Dazu der berührende Soundtrack von Nick Nitzsche, der sich mit den Bildern einmalig verbinden kann. Natürlich kriegt auch Ben E. Kings Klassiker ‚Stand by Me‘ seinen tollen Einsatz.

Jeder von uns wollte als Kind doch einmal ein richtig großes und spannendes Abenteuer erleben. Jeder wollte einmal mit seinen Freunden durch die Welt ziehen, unter freiem Himmel schlafen, sich am Lagerfeuer Geschichten erzählen und die unberührte Natur und Freiheit in vollen Zügen genießen. Doch für viele von uns blieb das alles nur ein schöner Traum, der leider nie in Erfüllung ging. Mit ‚Stand by Me‘ können wir unser gewünschtes Abenteuer endlich nachholen. Wir können die Welt wieder durch die unschuldigen Kinderaugen betrachten.

‚Stand by Me‘ schafft es den Zuschauer ab dem ersten Augenblick in seinen Bann zu ziehen. Das liegt vor allem an den einzigartig gezeichneten Charakter. Der sensible und intelligente Gordie leidet unter dem Tod seines geliebten großen Bruders und kämpft um die Anerkennung seiner Familie, in der er sich nicht mehr als vollwertiges Mitglied sieht. Chris ist Gordies bester Freund und quasi der Anführer der kleinen Gruppe. Chris kommt aus schwierigen Verhältnissen, ist für sein Alter aber sehr reif und ein Vorbild für Gordie. Teddy lebt in seiner eigenen Welt und obwohl ihn sein Vater nicht gerade gut behandelte, lässt er kein schlechtes Wort auf ihn kommen und ist begeistert von dessen Kriegseinsatz. Und zu guter Letzt der pummelige Vern, der die Gruppe nicht selten mit seiner Art nervt und als Angsthase durchgeht. All diese Charaktere werden dem Zuschauer so nah gebracht, dass man sich immer wieder in einem der vier Jungs spiegeln kann und sich nicht selten in ihnen wiedererkennt.

Die vier Jungs machen sich auf den Weg zum Platz, an dem angeblich die Leiche des toten Jungen liegen soll. Über die Konsequenzen und Auswirkungen machen sie sich auf ihrer Reise jedoch keinerlei Gedanken. Wer macht sich die schon in diesem Alter? Schritt für Schritt reifen sie mehr und mehr auf ihre eigene Weise und werden schlagartig mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Sie wussten genau was sie taten, doch sie hatten keine Vorstellung davon, wie die Wahrheit aussehen wird und wie diese sich auf die Jungs legen wird. Wo der Hinweg noch viel Spaß und Spannung mit sich brachte, ist die Ernüchterung auf dem Heimweg schweigsam und nachdenklich bedrückt. Ein Geheimnis, das die Jungen immer verbinden wird und gleichzeitig trennt.

Rob Reiner inszeniert einen sensiblen und melancholischen Schritt zurück in die vergangenen Zeiten. ‚Stand by Me‘ ist ein Film über Freundschaft, über das Erwachsenwerden und über die bittere Realität. Die Veränderungen, die nicht nur das eigene Leben in andere Richtungen lenken, sondern auch jeden Menschen auf seine ganz unterschiedliche Weise. Eine einfühlsame und nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der Kinder noch Kinder waren und zu Helden für ganze Generationen wurden. Es gibt kaum andere Filme, die es so fantastisch verstehen Tragik und Frieden dermaßen gegenüberzustellen und so wirklich jedem Zuschauer ans Herz geht. Einfach weil er einem aus der Seele spricht und direkt unheimlich vertraut wirkt, auch wenn man ihn vorher noch nie gesehen hat.

Fazit: ‚Stand by Me‘ ist ein wunderschöner Film voller Wärme und Ruhe, der mit seinen 90 Minuten viel zu kurz geworden ist, denn man hätte die Jungs sicher noch eigene Stunden weiter auf ihrer Reise begleiten wollen. Mit fantastischen Darsteller, feinem Soundtrack und tollen Bildern wird ‚Stand by Me‘ zu einem ehrlichen Film, der berührt und jedem Menschen einen dicken Kloß im Hals verschaffen wird.

Bewertung: 10/10 Sternen