Klassiker-Tipp der Woche "Vertigo" (USA 1958) Kritik – Das Reich der Toten

„Einer allein fährt manchmal ohne Ziel herum. Zwei zusammen haben meistens ein Ziel.“

null

‚Vertigo‘ aus dem Jahre 1958 von Meisterregisseur Hitchcock zählt zu recht zu den größten und besten Film-Klassikern aller Zeiten. Denn Hitchcock inszeniert einen Film, den der Zuschauer im Laufe seines Lebens immer mit anderen Sichtweisen aufnehmen kann und so nie losgelassen wird.

In ‚Vertigo‘ stimmt einfach alles. Kamera, Schnitt und Musik sind grandios. Vor allem die geniale Kameraarbeit von Robert Burks fängt großartige Bilder vom San Francisco der 50er Jahre ein. Ebenso der punktgenaue Schnitt von George Tomasini und der bedrückende Score von Bernard Herrmann machen ‚Vertigo‘ zu einem Zeitlosen Klassiker der einmaligen Sorte.

Wie gesagt, in ‚Vertigo‘ fehlt es an nichts. So auch nicht an schauspielerischen Leistungen. Die männliche Hauptrolle übernimmt der große und unvergessene James Stewart. Einer der besten Schauspieler aller Zeiten. Er spielt den von Höhenangst geplagten Detektiv Scottie Ferguson, der im Laufe des Films eine immer schmerzhaftere und zerreißende innere Wandlung durchlebt. Stewart bringt eine seiner besten Leistungen und treibt sein grandioses Schauspiel auf die Spitze. Auch Kim Novak als Madeline Elster und Judy Barton in der Scottie Madeleine erkennen will bringt ein extrem starke Leistung und fährt vor allem in der zweiten Hälfte des Films auf und muss sich vor James Stewart in keinster Weise verstecken.

Hitchcock, ein Meister seines Fachs, inszeniert ‚Vertigo‘ mit einer unglaublichen Brillanz wie man sie von ihm gewohnt ist. Der Film beginnt direkt mit einer tollen Szene, in der Scottie in einer Verfolgungsjagd über den Dächern von San Francisco abrutscht und zusehen muss wie ein Polizei-Kollege in den Tod stürzt. Danach nimmt Hitchcock den Fuß vom Gas und nimmt sich Zeit für seine Charaktere. Das dürfte für manche vielleicht langatmig sein, doch die Zeit benötigen die Charakter nun mal um ihnen die nötige Tiefe zu verleihen. ‚Vertigo‘ lädt zu den verschiedensten Interpretationen und Analysen ein. Denn wie wir schon in ’12 Monkeys‘ gesagt bekamen: Vertigo verändert sich nicht, nur der Zuschauer verändert sich und wird den Film immer wieder mit anderen Augen sehen. Hitchcock bleibt seinem Suspense-Image nicht im herkömmlichen Sinne treu. Er lässt die Bombe schon viel früher Platzen und richtet die Spannung so in eine ganz andere Richtung: Wie wird der gerade aus der Psychiatrie entlassene Scottie, nach dem Sturz seiner geliebten, auf Judy reagieren und wie wird er die Wahrheit aufdecken und verkraften? Denn Scottie ist einem erschreckenden Komplott verstrickt gewesen, den man so nicht erahnen konnte. Hitchcock geht auf den verletzten Charakter von Scottie ein, denn er ist nach dem Tod seines Kollegen ein gebrochener Mann. Nicht nur seine Höhenangst macht ihm zu schaffen, sondern auch die Schuldgefühle die ihn in Depressionen getrieben haben. Doch als er die blonde Schönheit Madeleine, die er eigentlich nur Beschatten sollte, kennenlernt scheint alles in eine bessere Richtung zu laufen. Jedenfalls für eine kurze Zeit. Denn auch Madeleine stürzt in die Tiefe und Scottie durchlebt wie schon bei dem Tod seines Kollegen eine grausame Zeit, natürlich noch schmerzhafter. Er gibt sich auch an ihrem Tod die Schuld, da er ihr wegen seiner Höhenangst nicht hinterher eilen konnte. Als er Judy Barton kennenlernt traut er seinen Augen nicht. Sie sieht Madeleine verblüffend ähnlich und Scottie kann nicht von ihr lassen. In einer der stärksten und intensivsten Szenen, in der er Judy die gleiche Kleidung wie Madeleine gekauft hat und sie gezwungen hat sich die Haare genauso wie Madeleine zu machen, kommt Judy aus dem Badezimmer und steht in einem Flimmern vor Scottie und erscheint wie eine Gestalt aus einer anderen Welt. Der Zuschauer kennt bereits die Wahrheit und es ist trotzdem unglaublich Spannend zuzusehen, wie Scottie dem ganzen nach und nach auf die Schliche kommt.

Hitchcocks Film durchzieht durchgehend ein unheimlicher Schleier der eine der dichtesten Atmosphären überhaupt erzeugt und in einem der besten Finale der Filmgeschichte mit einem Knall endet. Man kann Ängste besiegen, doch Herzschmerz setzt sich fest. ‚Vertigo‘ ist vieles: mysteriös, unheimlich, optimistisch und durch und durch pessimistisch. Vor allem aber ist ‚Vertigo‘ ein genialer Film, der zu Unrecht zu seiner Zeit mit Missachtung bestraft wurde.

Fazit: ‚Vertigo‘ ist wieder einer der Hitchcock-Filme die man nicht vergessen wird und der den Zuschauer noch lange verfolgt und nachdenken lässt. Ob es Hitchcocks bester Film ist kann man kaum einschätzen. In jedem Fall ist es einer der besten und einmaligsten Filme aller Zeiten. Das liegt an der genialen Inszenierung, der tollen Kameraarbeit, den fantastischen Schauspielern, der bedrückenden Atmosphäre und dem großartigen Drehbuch. Ein Film, der das Wort Klassiker verdient und im Leben nicht nur einmal gesehen werden sollte.

Bewertung: 10/10 Sternen