Klassiker-Tipp der Woche "Im Westen nichts Neues" (USA 1930) Kritik – Die Sinnlosigkeit des Krieges

„Aber ich dachte nur an dein Gewehr, dein Bajonett, die Handgranaten. Wenn wir das alles wegwerfen würden, könnten wir Brüder sein.“

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In den Anfangszeiten des Tonfilms sorgte einer der ersten Antikriegsfilme überhaupt für viel Aufsehen. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans ‚Im Westen nichts Neues‘ aus dem Jahr 1930 konnte bei der ersten Oscar Verleihung gleich den Preis für den besten Film und auch für Lewis Milestones Regie gewinnen. Auf der anderen Seite stieß der Film jedoch auf Demonstrationen und die Kinosäle wurden von Anhängern der NSDAP gestürmt. In einigen Ländern war der Film so sogar bis in die 80er Jahre verboten. Eine Sache ist jedoch sicher, ‚Im Westen nichts Neues‘ ist nicht nur einer der ehrlichsten Filme über den ersten Weltkrieg, sondern auch einer der besten Kriegsfilme überhaupt.

Die Atmosphäre des Films zählt zu einer der beklemmendsten und erdrückendsten überhaupt. Kameramann Arthur Edeson leistet beeindruckende Arbeit und entfaltet sein ganzes Können vor allem in den hervorragend fotografierten Schlachtenszenen, die sich in Verbindung mit der Schnitttechnik in die Köpfe der Zuschauer hämmern. Auf eine musikalische Untermalung verzichtet der Film gänzlich. Hier gibt es nur die zermürbenden Schreie, die Granateinschläge und das ratternde Trommelfeuer. Das gibt der Stimmung selbst natürlich auch noch eine ganz eigene Note.

Lew Ayres übernimmt die Hauptrolle des jungen deutschen Paul Bäumer, der direkt ins Kriegsgeschehen gezogen wird. Ayres agiert stellenweise zwar etwas hölzern und unausgeglichen, kann seinen desillusionierten Charakter dennoch gut ausfüllen. Louis Wolheim als Kat, der eine Art Mentor und Vaterfigur für Paul wird, zeigt da schon eine stärke Leistung und kann seine raue aber herzliche Figur mit viel Sympathie ausfüllen. Auch die weiteren Schauspieler wie Slim Summerville als Tjaden oder Arnold Lucy als Rektor können in ihren Rollen überzeugen.

Paul Bäumer meldet sich durch die antreibende Ansprache seines Rektors voller Enthusiasmus zum Kriegsdienst an der Westfront. Die Wahrheit holt Paul und seine Kameraden schnell ein und jeglicher Stolz und Idealismus verliert sich im Kugelgewitter. Zwischen Schützengräben, toten Kameraden, unerbittlichen Nahkämpfen und Maschinengewehrsalven werden Paul und
seine Kameraden von der bitteren Realität zum Sterben verdammt.

Regisseur Lewis Milestone eröffnet uns eines der authentischsten und bittersten Kriegsbilder überhaupt. Paul und seine Freunde drücken noch die Schulbank, doch durch die patriotischen Reden seines strengen Rektors und der der Väter wird voller Vorfreude zur Waffe gegriffen. Das Heldenhaften und der Ruhm, der sich von diesem Einsatz versprochen wurde, werden schnell durch die unausweichliche Wahrheit des Krieges zerstört. Nach und nach verliert Paul die Menschen, mit denen er aufgewachsen ist und sein Leben sonst unbeschwert genießen konnte. Bis er sich auch schließlich selbst verliert. Gezwungen zum Töten und zum Untergehen vorbestimmt, wird er zu einem Gefangenen des Grauens. Auch wenn er Urlaub hat, ist er zu keiner Sekunde zu Hause anwesend. Er ist immer an der Front und wird es auch immer bleiben, denn er ist längst ein Opfer des Krieges geworden.

‚Im Westen nichts Neues‘ zeichnet sich auch daraus aus, dass der Film vollständig auf Pathos und Glorifizierung verzichtet. Niemand will sich hier beweisen. Jeder tut das, was von ihm verlangt wird, einfach weil sie keine andere Wahl haben. Dazu gibt es keine Verurteilung der Einzelpersonen und Verteufelung einer Nation. Jeder ist hier „nur“ Soldat und geht seiner aufgezwungenen und verlogenen Pflicht und Hoffnung nach, um an den harten Tatsachen zu zerbrechen. Die einzigen Befürworter des Krieges sind hier die Leute, die selber nicht an der Front waren und sich abends in den Kneipen ihre Mäuler zerreißen. Natürlich auch der Rektor, der seine Zöglinge ins Verderben jagt, aber von den Folgen und Konsequenten nichts wissen will.

Die warmen Momente sind spärlich aber vorhanden. Ob es nun ein gemeinsamer Abend mit drei Französinnen ist oder doppelte Rationen. Der schwarze Schatten der Kriegsbestie liegt jedoch auf jedem Augenblick. Eines ist aber immer da: die Kameradschaft. Der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, der mehr und mehr wächst, egal wie schrecklich es auch wird. Ganz besonders zwischen Kat und Paul selbst. Doch der Krieg nimmt sich jede Freude und Wärme. So ist es auch ein Moment der winzigen ungetrübten und unantastbaren Schönheit, der Paul zum Verhängnis wird.

Die Kämpfe an und für sich sind wohl dosiert, dafür aber umso eindringlicher und schonungsloser eingefangen. Wenn Reihen von Männern ohne Chance gegen einen Kugelhagel anrennen, die Körper sich krümmen und zu Boden gehen, kann von Patriotismus keine Rede sein und die pure Sinnlosigkeit wird erschreckend verdeutlicht. Hier gibt es keine Sieger oder Gewinner, keine Gruppierungen von guten und schlechten Menschen. Alle sind sie Soldaten und alle sind sie gleichermaßen verloren.

Wir erleben hier Momente der Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit. Junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten, doch alles in der Kürze eines Flügelschlags verlieren. Verstört zerbrechen ihre Wünsche und Hoffnungen und zerfallen im Angesicht des sinnlosesten Todes zu Staub.

Fazit: ‚Im Westen nichts Neues‘ ist bitteres, schmerzhaftes und wichtiges Antikriegskino voller Realismus und Ehrlichkeit. Mit ausdrucksstarken Darstellungen, kraftvollen Bildern, einer tollen Ausstattung und Milestones aufwühlender Inszenierung wird ‚Im Westen nichts Neues‘ zu einem der Filme, die in jeder Sammlung vertreten sein sollten und sowieso zum Cineasten ABC gehören.

Bewertung: 9/10 Sternen