"König der Fischer" (USA 1991) Kritik – Die Realität des Verrückten

„Ich bin der Hausmeister Gottes.“

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Terry Gilliam ist schon ein ganz besonderer und spezieller Fall für sich. Das ehemalige Monty Python Mitglied, der nicht nur für die britische Truppe vor der Kamera stand, sondern auch ihre legendäre Klassiker ‚Die Ritter der Kokosnuss‘ und ‚Der Sinn des Lebens‘ inszeniert, kann nicht immer jeden Geschmack erreichen. Wie schon die genannten Python-Komödien, die auch nicht jedermanns Sache waren, setzte Gilliam seine Solokarriere ebenso eigenwillig wie eindrucksvoll fort. Schaut man sich seine Filmografie genau an, wird man schnell feststellen, was mit eigenwilliger Regie gemeint ist. Filme wie ‚Fear and Loathing in Las Vegas‘, ’12 Monkeys‘ oder ‚Brazil‘ genießen natürlich Kultstatus, sind aber, aufgrund ihrer doch untypischen Erzählweisen und Aufmachungen, absolute Geschmackssache. Auch seine letzten beiden Filme ‚Tideland‘ und ‚Das Kabinett des Dr. Parnassus‘, in dem der viel zu verstorbene Heath Ledger seinen letzten Auftritt hatte, passen perfekt in diese Sparte. Entweder man liebt Gilliam, oder man hasst ihn. Eines seiner großen Meisterwerke inszenierte Gilliam im Jahre 1991, in dem er mit ‚König der Fischer‘ seinem heutigen Ruf alle Ehre machte.

Der Radiomoderator Jack Lucas führt eine ziemlich provokative Radioshow. Als er einen Anrufer so demütigte, dass dieser zum Amokläufer wurde, fällt Lucas in einen schweres Tief. Er betreibt von nun an mit seiner Freundin eine Videothek, wobei betreibt wirklich eine schwere Übertreibung ist. Er trinkt nur noch und seine Frau ist seinen schweren Launen ausgeliefert. Als er nachts von zwei Typen angriffen wird, rettet ihn der Obdachlose Perry, der sich selbst für einen Ritter hält und in seiner eigenen Traumwelt lebt. Lucas sieht in dem Penner seine Chance sein Trauma zu überwinden und will ihm helfen, den Heiligen Gral zu finden, doch das ist leichter gesagt als getan…

In der Hauptrolle des schmieriger Radio-DJ Jack Lucas, sehen wir einen der besten Schauspieler unserer Zeit: Jeff Bridges. Bridges, vor allem bekannt durch ‚The Big Lebowski‘, wo er den legendären Dude verkörperte, zeigt hier, warum er sich den Ruf als einer der besten Darsteller der Filmgeschichte verdient hat. Sein Charakter besitzt sowohl die durchtriebenen und unsympathischen Facetten, als auch die freundlichen und die versteht Bridges einfach unglaublich versiert auszuspielen. Neben Bridges fährt allerdings ein Robin Williams zur Hochform auf, der ihn beinahe noch übertrumpft. Williams gibt den verwirrten Obdachlosen Perry und steckt so viel Herzblut und überdrehten Elan in seine Rolle, dass es einfach eine riesige Freude ist ihm zuzusehen. Ebenso wie Bridges versteht auch Williams es, seinen eigentlich tragischen Charakter genauestens auszufüllen. Jacks Freundin Anne wurde mit Mercedes Ruehl besetzt und sie konnte für ihre Rolle den Oscar für die Beste Nebendarstellerin gewinnen. Vollkommen verdient. Ihre Gefühlsausbrüche sind authentisch, genau wie ihre anziehende und zerbrechliche Weiblichkeit. Und auch die kleinen Nebenrollen sind mit Leuten wie Amanda Plummer als Lydia oder Michael Jeter als obdachloser und homosexueller Cabaretsänger legt einen Büroauftritt hin, der unerreicht bleiben wird.

Schaut man sich einen Film von Terry Gilliam an, sollte man sich vorher schlau machen, worum sich er sich dreht und vielleicht auch ein wenig darüber lesen, um sich wirklich darauf einstellen zu können, denn sonst könnte man im schlimmsten Fall, vor eine enttäuschende und befremdliche Mauer rennen, die jegliche Freude nimmt. Das ‚König der Fischer‘ nicht unbedingt ein ganz normaler Standardfilm ist, lässt sich schon an den Kameraeinstellungen erahnen, die immer aus verschiedensten und nicht gerade gewöhnlichen Winkeln filmen. Von unten, von oben, halblinks, rechts und dabei alles ein wenig schräg verlagert. Genau wie die Kulissen selbst, die sich nicht gerade mit dem modernen Stadtbild anfreunden wollen und herrlich detailliert sind. Interessanter als die tolle Aufmachung und Visualisierung gestalten sich jedoch die komplexen Charaktere und hier geht das große Lob an Richard LaGravenese meisterhaftes Drehbuch. Angefangen mit Jack, der sich zu Anfang noch für den größten Macker hält und mit seiner Radioshow die Menschen mit Problemen viel mehr demütigt und verspottet, als das er sich ihre Probleme wirklich anhört. Aber auch ihn werden die Probleme noch einholen, nur weil er nicht auf seine Worte geachtet hat, veranlasst er einen jungen Mann zu einem Amoklauf in einer noblen Bar. Drei Jahre vergehen, Jack ist ein Loch gefallen und sein bester Freund ist der Alkohol. Auf einem besoffenen Streifzug durch die Nacht, der eigentlich im Suizid enden sollte, trifft er Perry, der sich für einen edlen Rittersmann hält und auf der Suche nach dem Heiligen Gral ist. Jack sieht seine Chance, den schweren Fehler aus der Vergangenheit wieder wettzumachen, in dem er Perry hilft, denn Geld will er nicht annehmen. Doch in der gemeinsamen Zeit wachsen die beiden eigentlich vollkommen unterschiedlichen Männer zusammen und es geht Jack schnell nicht mehr nur um die reine Wiedergutmachung, sondern auch um den Menschen Perry, der ihm endlich die schönen Dinge im Leben wieder deutlich macht.

‚König der Fischer‘ ist vor allem eine Sache: skurril. Hier ist eigentlich niemand normal. So gut wie jede Szene bringt etwas Bizarres mit sich, ist dabei aber nie lächerlich oder überzogen. Terry Gilliam erzählt uns ein modernes Märchen um einen Obdachlosen, der sich nichts mehr wünscht, als endlich den Heiligen Gral in den Händen zu halten. Nebenbei vergöttert er noch die ebenso eigenartige Lydia, die er jeden Tag beobachtet und wird dazu noch von einem angsteinflößend feuerspeienden roten Ritter verfolgt. In diese verrückte Welt stolpert Jack, der sich wahrscheinlich früher oder später totgesoffen hätte. Doch durch Perry kriegt er wieder neuen Halt. Am Anfang will er sich nur wieder eine weiße Weste machen, doch es entsteht eine Freundschaft, die weit über jede normale freundschaftliche Beziehung hinausgeht. Neben diesen beiden fantastisch gezeichneten Charakteren kümmert sich Gilliam allerdings auch noch um ganz andere Themen. Er spricht das versnobte Yuppietum und die schwere Armut der Großstädte an. Hervorragend in der Szene mit dem Rollstuhlveteran auf den Punkt gebracht: „Der hat dich ja nicht mal angesehen.“ – „Dafür bezahlt er ja auch.“ Die Wolkenkratzer, die in die Höhen schießen und der wütende Konsum, der keine Grenzen mehr kennt. Doch ‚König der Fischer‘ behandelt ebenso das Suchen und Finden der Liebe, die Schuld, die Menschlichkeit und Normalität, die immer anders ausgerichtet wird, der verschiedensten Schichten. Ein liebenswerter, tragischer und menschlich schöner Film, der so außergewöhnlich ist, das er sicher nicht jedem gefallen wird, aber allen die sich ihm hingeben können, einfach einen wunderbaren und genauso herzerwärmenden Ausflug ermöglicht.

Fazit: ‚König der Fischer‘ ist Sozialkritik voller Skurrilität, Romantik und Kreativität. Zwei Welten, gar nicht so verschieden, finden sich und können sich nicht mehr trennen. Die tollen Schauspieler, die ungewöhnliche, aber genauso starke Kameraarbeit, das hervorragende Drehbuch und Gillams gewohnt fantastische Inszenierung machen ‚König der Fischer‘ zu einer wahren Perle. Ein Film für das Herz und auch für die grauen Zellen. Großartig. Zu sonderbar für die Realität und doch vollkommen aus dem Leben gegriffen.

Bewertung: 9/10 Sternen