"Der Krieg des Charlie Wilson" (USA 2007) Kritik – Tom Hanks unterstützt Afghanistan

„Welche Strategie verfolgen Sie in Afghanistan?“ – „Streng genommen gar keine, aber wir arbeiten daran.“

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Polit-Kino ist an einem Punkt angekommen, der die Zuschauermasse nicht mehr wirklich tangiert. Die Themen sind zu trocken inszeniert, die Schauspieler nicht ansprechend genug und allgemein bekommt man doch alles in den Nachrichten erzählt, was man über die politischen Probleme in aller Welt wissen sollte. Das könnte man durchaus so sehen, aber erstens wäre das eine viel zu oberflächliche Sichtweise und zweitens auch die vollkommen falsche, denn wenn man sich mit einem Thema wirklich beschäftigten will, braucht es schon etwas mehr, als die alltäglichen Nachrichten zu verfolgen und danach wieder den Kopf auf Durchzug zu schalten. Dokumentationen sind natürlich auch immer hilfreich, Gesetz dem Fall, sie verlieren den Sinn der Sache nicht aus den Augen. Gleiches gilt auch für Spielfilme, die sich um eine politische Thematik kümmern und gerne zur Heldenstilisierung neigen. Filme wie „Der ewige Gärtner“, „Die Unbestechlichen“, „Die drei Tage des Condor“ oder „Michael Clayton“ sind da einige der vielen starken Beispiele. Aber auch der in Berlin geborene Filmemacher Mike Nichols hat es im Jahr 2007 geschafft, mit „Der Krieg des Charlie Wilson eine mehr als überzeugende Polit-Satire zu entwerfen.

Charlie Wilson lässt in seinem Leben gerne die Sau raus: Partys in Las Vegas, am besten mit Stripperinnen, viel Alkohol und ein paar Nasen Kokain. Allerdings ist Charlie Wilson ein demokratischer Abgeordneter des Kongress der Vereinigten Staaten und der exzessive Spaß wird in dieser Branche natürlich gar nicht gerne gesehen. In seinem Büro wimmelt es vor weiblichen Angestellten, die nicht nur ihren Job vorstehen, sondern auch jeden Mann mit ihrem Aussehen um den Finger wickeln können – nicht umsonst werden sie „Charlie’s Angels“ genannt. Sein politisches Engagement steckt Charlie Wilson in die Unterstützung Afghanistans, oder besser gesagt, in die Finanzierung des Krieges zwischen den Mudschahedin und der Roten Armee. Wilson kommt dank seiner guten Beziehung zu Joanne Herring, eine der reichsten Frauen Texas und strenge Antikommunistin, die ihm immer wieder die Karten in die Hand spiel,t und dem FBI-Agent Gust Avrakotos seinem Unterstützungsplan immer näher. Dazu kommt natürlich auch, dass Wilson in einem Komitee sitzt, welches sich zwischen CIA und Regierungsinstitutionen vermittelt. Schnell ist das afghanische Budget von 5 Millionen auf 500 Millionen gestiegen…

Regisseur Mike Nichols ist eines dieser Multitalente. Das wird besonders deutlich, wenn man sich die Karriere des Amerikaners anguckt und die mehr als gelungenen Genresprünge unter die Lupe nimmt: Der gefeierte Klassiker und gleichzeitig Nichols Debüt „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, die Komödie „Die Waffen der Frauen“ und das Beziehungs-Drama „Hautnah“. Nichols versteht sein Handwerk, dementsprechend war es auch keine allzu große Überraschung, dass „Der Krieg des Charlie Wilson“ keine Bruchlandung wurde, sondern sich ohne Probleme in die Reihe der besten Nichols‘ Filme stellen durfte. Dabei hat sich allerdings auch Drehbuchautor Aaron Sorkin („The Social Netowork“, „Moneyball“) ein dickes Lob verdient, der mit geschliffenen Dialogen der Extraklasse auffahren kann. Genau wie die Schauspieler wunderbar gewählt wurden: Tom Hanks („Verschollen“) gibt Charlie Wilson und zeigt als Lebemann-Politiker eine seiner besten Performances und Philip Seymour Hoffman („Boogie Nights“) als FBI-Agent Gust Avrakotos ist wie gewohnt fantastisch und kann Hanks ohne Mühe die Präsenz entziehen. Darsteller wie Julia Robert („Hautnah), Amy Adams („Glaubensfrage“), Ned Betty („Beim Sterben ist jeder der Erste“) und Emily Blunt („Looper“) werden zwar zu Randfiguren degradiert, machen ihre Sache, wenn sie benötigt werden, ausnahmslos gut.

Die Figur Charlie Wilson ist schon ein interessanter Fall für sich, den man schnell mit einigen Oberbegriffen abfertigen könnte: Frauenheld, Abgeordneter, Whiskeysäufer und Kokser. Natürlich ließe sich das äußerst leichtfertig, denn hinter dem Mann Charlie Wilson versteckt sich noch so viel mehr, und damit ist nicht nur gemeint, dass Wilson als erster Zivilist die höchste Ehrung des CIA – „Honored Colleague“ genannt – erhalten hat, sondern auch seine politische Aktivität, die gerade in Bezug auf die heutige Zeit eine maßgebliche Rolle spielt. Dazu müssen wir uns jedoch zurück in die 1980er Jahre begeben, in die Zeit, in der sich Afghanistan, also die Mudschahedin, im Kampf gegen die sowjetische Besetzungsmacht befand und deutlich unterlegen war. Wilson sah die Berichte im Fernsehen, verspürte Mitleid und setzt sich daraufhin für die Subvention in Sachen Waffen für Afghanistan ein, mit Hilfe von Saudi-Arabien, damit die russischen Mi-24-Kampfhubschrauber auch wirklich vom Himmel geholt werden können und die Rote Armee für immer aus dem Binnenstaat vertrieben wird. Die Rechnung ging zwar auf, nur hat Wilson damit den heutigen Krieg zwischen Afghanistan und Amerika unterstütz, denn seine Raketenwerfer sind nach wie vor in Gebrauch.

„Der Krieg des Charlie Wilson“ ist jedoch sicher kein tiefgründiges Charakter-Drama, dass uns den Menschen Charlie Wilson Facette für Facetten offenbart und einen Einblick in die Tiefen seiner Seele erlaubt. Mike Nichols inszeniert hier vielmehr eine der treffsichersten Polit-Satiren der letzten Jahre und kann dabei vor allem bei den großartigen Dialogen aus den Vollen schöpfen. Sicher, das Thema ist ernst, vor allem aus heutiger Sicht und in Verbindung mit den immer noch anhaltenden Folgen, aber die Inszenierung verknüpft die unbestreitbare Ernsthaftigkeit so gekonnt mit einem zynischen Augenzwinkern, dass sich der Film nie an einen Punkt begibt, an dem der Humor zu kurz kommt. Wir begleiten Charlie Wilson auf seinem Weg, die afghanischen Freiheitskämpfer (heutige Taliban) zu unterstützen und das Finanzierungsbudget an allen Ecken und Enden unbemerkt aufzustocken. Dabei verkommt „Der Krieg des Charlie Wilson“ aber zu keiner Sekunde zu einer trockenen Abarbeitung, die sich um staubige Fakten klammert und dem Zuschauer langsam den Schlaf in die Augen treibt, denn dafür die ist Erzählweise Nichols‘ einfach viel zu kurzweilig, ironisch, elegant und auch intelligent.

Fazit: „Der Krieg des Charlie Wilson“ kann sich als voller Erfolg betiteln lassen, denn Regisseur Mike Nichols hat endlich wieder eine Polit-Satire inszeniert, die zu keinem Zeitpunkt am Thema vorbeiarbeitet, oder den Zuschauer mit dem schwingenden Zeigefinger belehren will. Hier ist der Spaß nicht nur erlaubt, er ist Gang und Gäbe. Die amerikanische Außenpolitik der 1980er Jahre wird intelligent und herrlich ironisch veranschaulicht, die Schauspieler, gerade Hanks und Hoffman, zeigen sich in Topform und das Drehbuch kann mit geschliffenen Dialogen auffahren, die immer wieder voll ins Schwarze treffen.

„These things happened. They were glorious and they changed the world … and then we fucked up the end game…“
– Charlie Wilson –

Bewertung: 8/10 Sternen